Gesundheit : Gegen einen Angriff mit Pockenviren sind wir schlecht gerüstet

Rosemarie Stein

"Der Gegner ist nicht der Erreger, sondern die Angst, die er erregt." Der Afrika-erfahrene Tropenarzt Klaus Fleischner von der Missionsärztlichen Klinik Würzburg meinte damit den Milzbrand-Bazillus. Die nahezu 600 Patienten, die er behandelt habe, seien zudem fast alle "nur" Opfer von Haut-Milzbrand gewesen, sagte Fleischner auf einem Vortragsabend der traditionsreichen Berliner Medizinischen Gesellschaft über Bioterrorismus.

Zum Thema Foto-Tour: Milzbrand weltweit
Online Spezial: Bio-Terrorismus
Stichwort: Milzbrand
Hintergrund: Seuchenexperten
Web-Link: Robert-Koch-Institut Die großen kraterförmigen Pusteln mit schwarzer Mitte und doppeltem weiß-roten Randwall auf seinen Dias sahen zwar gefährlich aus, Haut-Milzbrand ist aber heilbar, wenn er nicht in eine Sepsis (Blutvergiftung) übergeht. Lungen-Milzbrand, die oft tödliche Form der Infektion, sei dagegen selbst durch Briefe mit Anthrax-Sporen nur schwer auszulösen: Für eine Infektion brauche man mindestens 8000, manche Quellen sprechen sogar von 50 000 Sporen.

Eine allgemeine Impfung hält der Tropenmediziner für überflüssig, ja fragwürdig: Man müsste sechsmal impfen, es gibt Nebenwirkungen, und der Effekt ist unsicher. Deshalb ist in Deutschland gar kein Impfstoff zugelassen.

Auch vorsorglich Antibiotika zu nehmen sei nur bei begründetem Verdacht gerechtfertigt. Dass ängstliche Gemüter dennoch danach greifen, kommentierte der Infektions-Spezialist der Freien Universität in Berlin, Helmut Hahn, eindeutig: "Das ist eine totale Überreaktion - ein absoluter Nonsens! Wir haben nicht einen einzigen Fall von Milzbrand. Das Autofahren, der Suff und die Zigaretten sind viel gefährlicher."

Bioterrorismus, das machte der Abend deutlich, hat eine lange Tradition. Mit Decken aus einem Pockenhospital versorgten britische Kolonialtruppen im 18. Jahrhundert aufständische Indianer, um "diese abscheuliche Rasse" auszulöschen, wie ihr Oberkommandant sagte. Und im Ersten Weltkrieg wollte Deutschland mit Milzbranderregern Viehseuchen in Feindesland auslösen. Als das nicht gelang, kam man zu dem Schluss, die biologischen Waffen lohnten sich nicht.

Auch damals schon hätten die Geheimdienste aller Länder "sträflich versagt", sagte Erhard Geißler vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch, und zum Beispiel 1939 die Falschmeldung verbreitet, Deutschland arbeite weiter an B-Waffen. Erst daraufhin hätten viele Staaten damit angefangen.

Geißler bezeichnete die B-Waffen-Konvention von 144 Staaten als "zahnlosen Tiger": Sofort nach ihrer Unterzeichnung 1975 begann die Sowjetunion mit einem umfangreichen B-Waffenprogramm. Zehntausende von Wissenschaftlern in vielen streng geheimen Instituten waren beteiligt - und standen nach der Auflösung des Staates vor dem Nichts.

Barbara Johnson und Chris Royse (Washington) berichteten über die Anstrengungen, mit Hilfe des amerikanisch-russischen "Threat Reduction Program", für welches sie tätig sind, ein System zur Sicherung der Biomaterialien aufzubauen und den Wissenschaftlern zu helfen, neue, friedliche Aufgaben zu finden.

"Wo sind denn die biologischen Kampfstoffe aus der Sowjetunion und dem Irak geblieben?", fragte Torsten Sohns, Oberst-Arzt der Bundeswehr. Der Leiter des Bereichs Studium und Wissenschaft an der Sanitätsakademie der Bundeswehr kam in Zivil, um zu unterstreichen, dass er hier "nur seine eigene Meinung" vortrage. Die Akademie, die auch je ein Institut für A-, B- und C-Waffen hat, befasse sich als einzige deutsche Institution mit den etwa 100 biologischen Kampfstoffen; vor allem mit dem "schmutzigen Dutzend", das schon erprobt wurde, wie beispielsweise Milzbrand- und Pest-Bakterien, Pocken-Viren oder Botulinum-Toxin.

Das gefährliche Botulinum-Toxin, ein Bakteriengift, stellte die "Rote Armee Fraktion" 1980 in einem Pariser Labor her. Die Fortschritte der Biotechnik hätten auch die B-Kampfstoffe perfektioniert, sagte Sohns. Zudem verfügten viele Personen über mikrobiologische Kenntnisse, und sie kämen auch relativ leicht an Biomaterial.

Was müsste geschehen, wenn Terroristen zum Beispiel hochinfektiöse Pockenviren einsetzen würden? Geoffrey Smith vom Imperial College School of Medicine in London gab zu bedenken, dass seit 1980, als die Pocken für ausgerottet erklärt wurden, niemand mehr geimpft wird.

Auch die noch Geimpften seien nicht lebenslang immun. Durch genetische Veränderungen seien Mäuse-Pockenviren noch gefährlicher gemacht worden. Und die Analyse der verschiedenen Erreger habe so viele Gemeinsamkeiten ergeben, dass das Überspringen von Tierpocken auf den Menschen nicht auszuschließen sei.

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