Gesundheit : Geheimnisvolle Nachbarin

In der Giftküche der Venus ist es 460 Grad heiß, es schneit Metallflocken und riecht nach Schwefel

Rainer Kayser

Das Thermometer zeigt 460 Grad Celsius, das Gestein glüht vor Hitze. Am trüben Himmel zucken unaufhörlich Blitze. Es beginnt zu schneien – allerdings besteht der Schnee nicht aus gefrorenem Wasser, sondern aus Tellurium, einem exotischen Metall. So in etwa könnte der Bericht eines Astronauten von der Venus aussehen – wenn ein Mensch dem ungeheuren Druck von 100 Atmosphären standhalten könnte, der auf unserer Nachbarwelt herrscht. Die Venus ist eine fremdartige, unwirtliche Welt – und eine Welt voller Geheimnisse.

Schon 22 Raumsonden haben den Planeten erforscht, doch die Rätsel sind trotz aller Messdaten nur um so größer geworden. Nun wollen auch die Europäer zur Venus. Am 28.Januar unterzeichneten Vertreter der europäischen Raumfahrtbehörde ESA und des auf Raumfahrttechnik spezialisierten Unternehmens Astrium in Paris einen Vertrag über den Bau einer Venussonde. Schon im November 2005 soll sich der 82,4 Millionen Euro teure „Venus Express“ an der Spitze einer Sojus-Rakete vom Startplatz Baikonur in Kasachstan aus auf den Weg zum Nachbarplaneten machen.

Nur 153 Tage dauert der Flug, dann schwenkt die Sonde in eine Umlaufbahn um die Venus ein, um den Planeten 500 Tage lang mit ihren Messgeräten unter die Lupe zu nehmen. Eigentlich ist die Venus geradezu ein Zwilling der Erde: Kein anderer Planet im Sonnensystem ist unserer Heimatwelt so ähnlich, beide haben etwa die gleiche Größe und die gleiche Masse.

Dass die Bedingungen auf der Venus trotzdem so völlig anders sind als auf der Erde, war für die Planetenforscher deshalb eine Überraschung. Und es ist zugleich eine Warnung: Es zeigt, wie fragil möglicherweise Klima und Atmosphäre eines Planeten sind. Schon 1761 entdeckte der russische Forscher Michail Lomonosow, dass die Venus eine eigene Atmosphäre besitzt: Beim Vorübergang des Planeten vor der Sonne zeigte sich ein dünner, schimmernder Ring um die Venus.

Einzelheiten der Planetenoberfläche allerdings zeigen selbst die größten Fernrohre nicht – die Venus ist permanent in eine dichte Wolkendecke gehüllt. Ganz selbstverständlich nahmen die Forscher zunächst an, dass es sich bei diesen Wolken – wie auf der Erde – um Wasserdampf handele.

Könnten also auf der Venus ganz ähnliche Bedingungen wie auf der Erde herrschen? Noch Anfang der sechziger Jahre beschrieben Science-Fiction-Autoren die Venus gern romantisch als dampfende Dschungelwelt. Die Realität freilich sieht anders aus.

Im Jahre 1962 flog die amerikanische Sonde Mariner 2 als erstes Raumfahrzeug nahe an der Venus vorbei. Ihre Messungen bestätigten einen Verdacht, den die Planetenforscher schon einige Jahre hegten: Die Temperaturen auf der Venus sind wesentlich höher als auf der Erde, offenbar hat ein Treibhauseffekt die Nachbarwelt in eine kochende Hölle verwandelt.

Radarmessungen von der Erde aus deckten in den sechziger Jahren eine andere Absonderlichkeit der Venus auf. Im Gegensatz zu allen anderen Planeten des Sonnensystems ist die Rotation der Venus retrograd, das heißt: entgegengesetzt zur Bahnbewegung um die Sonne. Zudem ist diese Eigendrehung der Venus extrem langsam, ein Tag dauert auf dem Planeten so lange wie 243 Erdentage.

Gleichsam als Ausgleich für diese langsame Eigendrehung befindet sich die Atmosphäre der Venus in heftiger Rotation. Mit Windgeschwindigkeiten von 360 Kilometern pro Stunde toben die Stürme in der Hochatmosphäre in vier bis fünf Tagen einmal um den ganzen Planeten. Auf der Oberfläche der Venus freilich geht es ruhiger zu. In den unteren Luftschichten betragen die Windgeschwindigkeiten nur noch wenige Kilometer pro Stunde, wie die Flugbahnen der ersten Raumsonden zeigen, die in die Atmosphäre eindrangen.

Diesen Sonden war allerdings nur ein kurzes Leben beschert: Niemand hatte mit dem immensen Druck gerechnet, der in der Lufthülle der Venus herrscht, die Sonden wurden förmlich zerquetscht. Die dichte Atmosphäre der Venus besteht, so zeigen die Messungen von zahlreichen Sonden in den siebziger Jahren, zu 96 Prozent aus Kohlendioxid und zu 3,5 Prozent aus Stickstoff. Wasserdampf kommt in der Atmosphäre kaum vor – die dichten Wolken bestehen nicht aus Wasser, sondern aus feinen Tröpfchen von Schwefelsäure.

Auch die Oberfläche des vermeintlichen Zwillings unserer Erde überraschte die Planetenforscher. Anfang der neunziger Jahre kartografierte die amerikanische Sonde Magellan mit Hilfe von Radarwellen erstmalig die gesamte Oberfläche der Venus mit hoher Auflösung. Zur Verblüffung der Wissenschaftler zeigten sich auf den Radarbildern nur wenige Einschlagkrater von Meteoriten – und die vorhandenen Krater sind alle sehr jung. Eine genaue Analyse der Kraterhäufigkeit zeigte, dass alle Einschläge der ersten 3,7 Milliarden Jahre der Planetengeschichte spurlos verschwunden sind.

Wie lässt sich das erklären? Viele Wissenschaftler glauben heute, dass es auf der Venus vor 800 Millionen Jahren eine gewaltige vulkanische Katastrophe gab, bei der fast die gesamte Oberfläche des Planeten mit frischer Lava bedeckt wurde. Unter dieser Lavaflut verschwanden auch alle älteren Krater. Möglicherweise hat diese Katastrophe auch den Treibhauseffekt auf der Venus ausgelöst. Computersimulationen amerikanischer Forscher zeigen zumindest, dass die dabei freigesetzten Gase das Klima auf der Venus völlig umgekrempelt haben müssen.

Die Rechnungen zeigen aber auch, dass die heutigen Wolken aus Schwefelsäure längst hätten verschwinden müssen – wenn nicht Vulkanausbrüche ständig Schwefeldioxid in die Atmosphäre nachliefern. Das deckt sich mit Beobachtungen, nach denen die Menge an Schwefeldioxid in der oberen Venusatmosphäre stark schwankt – vieles spricht dafür, dass es auch heute noch aktiven Vulkanismus auf der Venus gibt.

Die Venus scheint also eine lebensfeindliche Hölle zu sein. Oder vielleicht doch nicht? Zur Überraschung ihrer Fachkollegen präsentierten im vergangen Jahr Dirk Schulze-Makuch und Louis Irwin von der University of Texas auf einer Tagung in Graz Indizien für die Existenz von Bakterien in der Venusatmosphäre. In einer Höhe von 50 Kilometern herrschen, so die beiden Wissenschaftler, mit einer Temperatur von 70Grad Celsius und normalem, irdischem Luftdruck durchaus angenehme Bedingungen für Mikroben.

Die Bakterien könnten zum Beispiel dieHerkunft von Carbonyl-Sulfid in der Venusatmosphäre erklären, einemStoff, der auf anorganische Weise nur schwer herzustellen ist. Deshalb sehen viele Astrobiologen Carbonyl-Sulfid als eindeutiges Indiz für biologische Aktivität an.

Die Venus bleibt also rätselhaft – und damit ein lohnendes Ziel für eine weitere Raumsonde. Der europäische „Venus Express“ soll nach aktiven Vulkanen Ausschau halten und die Wechselwirkung zwischen Planetenoberfläche und Lufthülle erforschen – und natürlich nach weiteren Indizien für Schwefelsäure fressende Bakterien suchen.

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