Gesundheit : Geheimnisvolles Gas

Kampfstoff oder Narkotikum? Experten rätseln, was in Moskau eingesetzt wurde

Bas Kast

Sie sprechen von einer „speziellen Substanz“, und ansonsten sprechen sie nicht viel. Die russischen Behörden schweigen. Und so weiß keiner so recht, welches Gas es war, das die Soldaten der Anti-Terror-Einheit Alpha in das Moskauer Musical-Theater pumpten, bevor sie es stürmten.

Fest steht nur, dass über hundert Geiseln an dem Gas starben. Was war es genau? Hunderte sind noch im Krankenhaus, über 500, heißt es, leiden unter teils schweren Vergiftungen; viele kämpfen noch um ihr Leben. Was haben sie eingeatmet?

Vermutlich war es kein Kampfgas, wie etwa das hochgiftige Sarin. Das farb- und geruchlose Gas geriet in die Schlagzeilen, als am 20. März 1995 fünf Mitglieder der Weltuntergangssekte Aum („höchste Wahrheit“) die Tokioter U-Bahn bestiegen und luftdicht verschweißte Plastiktüten mit dem tödlichen Gas verteilten; 12 Menschen starben, 5000 wurden verletzt.

Wie viele andere Giftgase – Tabun, Soman, VX – wirkt auch Sarin, in dem es das Nervensystem attackiert. Unsere Nervenzellen kommunizieren unter einander über chemische Botenstoffe. Ein prominenter Botenstoff ist das Acetylcholin (ACh). Nachdem eine Nervenzelle mit Hilfe des ACh-Botenstoffs ihre Nachricht an die andere weitergegeben hat, wird der Stoff durch ein Enzym wieder abgebaut.

Die Giftgase blockieren dieses Enzym. Die Folge: Eine Dauerreizung des Nervensystems. Da die Nervenzellen, die den Botenstoff ACh benutzen, auch die Muskeln, das Herz und die Atmung steuern, kommt es zu Schweißausbrüchen, Krämpfen – und Atemstillstand.

Symptome, die zwar einerseits zu den Beobachtungen in Moskau passen. Als das Gas einströmte, berichtet etwa eine Ex-Geisel der russischen Nachrichtenagentur „Interfax“, sei einer der Terroristen, der auf der Bühne saß, aufgesprungen, um sich schnell eine Gasmaske überzuziehen. Nicht schnell genug: „Ihn durchzuckten Krämpfe, als er sich die Maske aufs Gesicht drücken wollte; er fiel um.“

Dennoch gilt es als unwahrscheinlich, ja fast undenkbar, dass die russische Spezialeinheit ein hochwirksames Gift für ihren Einsatz benutzte. Dagegen spricht auch, dass die Spezialkräfte das Theater ohne Schutzanzug stürmten. Außerdem haben mehrere Geiseln berichtet, das Gas gerochen zu haben; Sarin und die anderen genannten Giftgase aber sind nahezu geruchlos.

Wahrscheinlicher ist deshalb ein Narkosegas – etwa Lachgas, das einen leicht süßlichen Geruch hat. Lachgas wirkt schmerzstillend und leicht einschläfernd.

Auch der Giftgasexperte Thomas Zilker, Leiter der Toxikologie-Abteilung des Münchner Universitätsklinikums „rechts der Isar“ hat Lachgas im Verdacht. Seit Sonntag werden in der Münchner Klinik die beiden befreiten Geiseln aus Deutschland, ein 50-jähriger Geschäftsmann aus Baden-Württemberg und eine 18 Jahre alte Schülerin, behandelt. Das Gas ließ sich im Körper der beiden nicht mehr identifizieren, sagt Zilker. Ein Befund, der für Lachgas spricht: Es bindet nicht ans Blut und ist innerhalb einer Stunde wieder aus dem Körper verschwunden. Man brauche allerdings eine sehr hohe Konzentrationen des Gases „damit die Leute in Narkose verfallen“, sagt Zilker.

Im Laufe des Sonntag-Abends sprachen dann auch die Moskauer Gesundheitsbehörden von einem „üblichen Narkosegas“, das jedoch in Überdosis zu „Störungen der Körperfunktionen“ wie Bewusstlosigkeit und Kreislaufversagen führen könne.

Aber warum, wenn es tatsächlich nur ein „übliches Narkosegas“ war, schweigen die Behörden dann so krampfhaft? Warum lassen sie die Angehörigen nur nach und nach in die Kliniken? Die behandelnden russischen Ärzte beklagen, dass sie die befreiten Geiseln nicht adäquat behandeln können, weil sie keine Informationen über das Gas bekommen. Warum diese Geheimnistuerei?

Manche vermuten ein Aerosol aus feinen Valium-Partikeln. Und wieder andere, etwa Vitaly Shkilov, ein ehemaliger Mitarbeiter des russischen Verteidigungsministeriums, glaubt, man hätte „Benzilat-Gas“ benutzt. BZ-Gas wirkt nicht nur einschläfernd, sondern ruft auch Halluzinationen hervor. Auch der französische Waffenexperte Olivier Lepick tippt auf BZ-Gas, das bei niedriger Konzentration zwar harmlos, bei höheren Dosen aber giftig wird.

Allerdings hat bislang kaum einer der befreiten Geiseln von Halluzinationen berichtet. Ein mit den Geiseln festgenommener Mitarbeiter der Nachrichtenagentur AFP erzählt: „Wir legten uns alle auf den Boden, als wir das Gas rochen.“ Mehrmals verlor der Mann das Bewusstsein – und wachte wieder auf. „Es war, als ob ich eine Tonne Wodka getrunken hätte.“

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