Gesundheit : Gehen oder bleiben?

Juliane von Mittelstaedt

"Schon unterschrieben?" Der Ruf schallt jedem Besucher beim Betreten des Foyers West im Benjamin-Franklin-Klinikum entgegen. Gerade setzt ein älterer Herr mit zitternder Hand seinen Namen auf die Liste. Er malt ordentliche Großbuchstaben, die anderen Signaturen sind meist wütend und hastig aufs Papier geworfen.

Sie drücken aus, was viele fühlen. Ärger über die "Abrisspolitik" der Koalition, die hier keiner verstehen und erst recht nicht akzeptieren will: Das Uniklinikum soll bis 2005 in ein normales Versorgungskrankenhaus überführt werden. Kein Lehrbetrieb mehr, keine Forschung, keine Zukunft für Berlin - befürchten die Kritiker. Besitzstandswahrung! schallt es aus dem Rathaus zurück. Und was sagen die rund 4300 Medizinstudenten an der FU, die es später ebenfalls betrifft?

Eine Gruppe von Studentinnen eilt durch das Foyer, stoppt, unterschreibt. Was denken sie, was der Beschluss für sie bedeutet? Die Studentinnen schauen unsicher. Jedenfalls nichts Gutes, murmeln sie. Und flüchten in die weiten Gänge. Auf der Treppe, im weißen Kittel, stehen die Studenten Hardy und Siggi. Sie wehren ab: "Uns ist das ziemlich egal." Schließlich seien sie schon im "14. Semester oder so". Aber natürlich, für die Studenten der unteren Semester sei das "ganz schön blöd", setzt Hardy nach. Dann sprudelt es doch aus ihm hinaus. Der Wissenschaftsstandort Berlin sei gefährdet, der qualitätsfördernde Wettbewerb zwischen den Unis falle weg, und vielleicht würde die Lehre schlechter, auch schon lange vor 2005? Und überhaupt: Wird man in Berlin als Mediziner noch einen Job finden? Also doch nicht egal? "Nee, natürlich nicht", geben beide zu. Am Freitag werden sie jedenfalls mitdemonstrieren, sagen sie und scharren mit den Füßen, weil sie viel zu spät dran sind.

Lieber weg aus Berlin

Bernd kommt auch zu spät, aber er wirkt gelassen. "Wir verlieren den Bezug zur modernen Forschung", befürchtet der Mediziner, der im ersten klinischen Semester ist. Was für ihn selber daraus folgt, kann er noch nicht sagen. "Aber es hat mich bestärkt, auf jeden Fall bald zu wechseln. Vielleicht an die Humboldt Universität oder gleich in eine andere Stadt." Wer wird denn noch bleiben wollen, wenn klar ist, dass die ärztliche Ausbildung an der FU nur noch "abgewickelt" wird? Kein hochkarätige Mediziner wird schließlich dem Ruf an ein klinisch totes Uniklinikum folgen. Die fatale Wirkung tritt damit schon vor der Schließung ein: Das internationale Renommee ist hin. Das formale Festhalten an den Hochschulverträgen wirkt da in den Augen der meisten Studierenden nur noch zynisch. Für viele von ihnen liegt die Schließung noch in weiter Ferne, aber sie sind beunruhigt, ob und wie es weitergehen wird.

Sebastian, achtes Semester, sitzt in der Cafeteria auf der Couch und überlegt. "Na ja", sagt er schließlich, "problematisch wird es schon mit meiner Doktorarbeit." Er befürchtet Qualitätsverluste und organisatorische Probleme bei der Zusammenlegung des Klinikums mit der Charité. "Die Lehre wird in den nächsten Jahren sicher darunter leiden", meint der Student, "aber dumm ist das Ganze vor allem für die jetzigen Vorkliniker." Also die Studienanfänger: Vanessa ist eine von ihnen. Sie sitzt im Medizingebäude in der Dahlemer Arnimallee, hat gerade Pause und grübelt. Die Studentin ist im vierten Semester, nicht aus Berlin, und sie hat ungläubig vernommen, dass ihr Fachbereich auf dem Papier schon beerdigt ist. Die Ausbildung sei bisher sehr gut - aber nun? Gehen? Bleiben? Die Studentin will "von der FU schnell weg, weil die dann weniger attraktiv ist, medizinisch gesehen".

Die Trotzigen bleiben

Ebenfalls in der Arnimallee, etwas später: "Ist doch völliger Unsinn, wo sollen denn die ganzen Studenten hin?", ereifert sich eine Erstsemesterin. Sie wird auf jeden Fall an der FU bleiben, schon aus Trotz, und notfalls ihren Anspruch einklagen, denn "von denen lasse ich mich hier nicht vertreiben". Der Koalition wirft sie "Konzeptlosigkeit" vor.

Skepsis und Beklemmung auf der einen Seite, Ungläubigkeit auf der anderen: "Das geht doch gar nicht." Gespart werden muss, dass weiß jeder von ihnen, aber doch bitte nicht an Innovation und Forschung, nicht an der Zukunft Berlins.

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