Gesundheit : Geiseln ihrer Träume

Wie Entführte mit ihren Erlebnissen fertig werden

Wiebke Heiss

Jetzt sind sie wieder frei. Mehr als drei Monate waren die beiden deutschen Ingenieure René Bräunlich und Thomas Nitzschke Geiseln im Irak. Was mussten sie in ihrer Zeit als Geiseln erleiden? Das Schlimmste ist die Hilflosigkeit, sagen Experten. Wenn plötzlich andere gewaltsam über Leben oder Tod entscheiden, ist nichts mehr, wie es einmal war.

„Eine Entführung ist eine extreme Ausnahmesituation. Da setzt sofort ein genetisches Prinzip ein: kämpfe, fliehe oder erstarre“, beschreibt Christian Lüdke die ersten Momente einer Geiselnahme. Aber der Blick in eine Pistolenmündung genüge, um Aktivität sofort als lebensgefährlich einzustufen. Daher erfrieren Geiseln, sie schalten auf Autopilot und begeben sich nach einigen Tagen in eine gefühlsmäßige Vollnarkose. „Man denkt nach der ersten Schockphase nicht mehr die ganze Zeit darüber nach, dass man in Lebensgefahr ist“, sagt Lüdke, der sich mit der Firma „Human Protect“ auf die Überfallhilfe und psychologische Akutintervention nach belastenden Ereignissen spezialisiert hat.

Diese Notfallfunktion des Körpers ist überlebenswichtig: Sie bewahrt den Menschen davor durchzudrehen. Und sie kann lange anhalten. „Ausschlaggebend für den Grad des Leidens ist nicht, wie viele Tage und Wochen jemand in Gefangenschaft ist“, meint der Kölner Psychotherapeut. Andere Faktoren spielen eine größere Rolle: Hat die Geisel eine Intimsphäre, bekommt sie zu essen, zu trinken, kann sie lesen, auf Toilette gehen, kurz: Wird sie als Mensch behandelt? Oder wird sie misshandelt oder gar gefoltert. „Das Schlimmste, was einem in Geiselhaft passieren kann.“

Zu den Umständen, unter denen René Bräunlich und Thomas Nitzschke gefangen gehalten wurden, ist bisher nicht viel bekannt. Doch eins kam ihnen sicher zugute. Sie waren zu zweit, konnten sich in Deutsch unterhalten, sich gegenseitig Zuversicht geben, Pläne für die Zukunft schmieden, sagt Lüdke. Hoffnungsvoll an die Zeit danach zu denken, das stabilisiert. Die Chance, dass die jungen Männer die Entführung seelisch gut überstehen, steigt. Denn nicht jede Geiselnahme muss in einem psychologischen Desaster enden. Zirka ein Drittel von Gewaltopfern sind „Selbstheiler“. Die schaffen es, aus eigener Kraft die Wunden in der Seele wieder zu schließen.

Ein weiteres Drittel der Opfer findet allein nicht mehr aus dem Trauma heraus. Nachts kehren Albträume ein, tagsüber jagt ein Klopfen an der Tür Todesangst ein, weil der Geiselnehmer sich auch immer so angekündigt hat. Der Täter taucht überall auf – sein Anblick hat sich ins Gedächtnis gebrannt, genauso wie der Geruch des Gefängnisses. Jan Philipp Reemtsma schilderte noch Jahre nach seiner Entführung im Jahr 1999, dass es keinen Tag gäbe, an dem er nicht an den Keller denken müsse, in dem er 33 Tage lang eingesperrt und angekettet war. Legen sich diese Symptome nicht nach einigen Wochen, dann leiden die Opfer unter einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Auf die letzten 30 Prozent der Opfer hat das Umfeld Einfluss. Die Psychologen nennen sie „Wechsler“. Die sozialen Kontakte entscheiden, ob sie nach der Entführung aus eigener Kraft wieder Fuß fassen können. Liebevolle Bindungen, verständnisvolle Freunde, eine ausfüllende Arbeit helfen. Ein weiterer Schock hingegen schubst das Opfer in Richtung posttraumatisches Belastungssyndrom. Das hat Lüdke oft beobachtet. Wie bei dem Mann, der bei einer Geiselnahme angeschossen wurde, aber im Krankenhaus psychisch stabil war. Er brach zusammen, als er in eine leere Wohnung zurückkehrte. Seine Frau hatte die Zeit genutzt, um sich mitsamt Möbeln aus der Beziehung zu verabschieden.

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