Gesundheit : Geist statt Natur

Die Staatsbibliothek verkleinert ihre Bestände

Adelheid Müller-Lissner

„Naturwissenschaftliche Kenntnisse müssen zwar nicht versteckt werden, aber zur Bildung gehören sie nicht“, befand der Anglist Dietrich Schwanitz in seinem Buch „Bildung“. Ihm wurde vom Physiker Ernst Peter Fischer („Die andere Bildung“) und vom Mediziner Detlev Ganten („Leben, Natur, Wissenschaft“) heftig widersprochen.

Alle genannten Bücher kann man in der Staatsbibliothek zu Berlin ausleihen. Doch wer seine naturwissenschaftliche Bildung vertiefen will, tut sich dort inzwischen schwerer. Denn naturwissenschaftliche wie medizinische Fachbücher und Fachzeitschriften gibt es in der „Stabi“ immer weniger. Fachjournale wurden abbestellt, Fachbücher werden jetzt ausschließlich für den Lesesaal erworben – und können damit nicht ausgeliehen werden. In der Medizin soll das inzwischen an die 90 Prozent des Zeitschriftenbestands betreffen. Treue Leser wie der Neurologe Friedrich-Wilhelm Kielhorn, der in der Potsdamer Straße nicht nur fachlich, sondern auch für seine naturwissenschaftlichen Interessen recherchierte, bedauern das. „Nach meiner Einschätzung hat die Staatsbibliothek damit den Charakter einer der bedeutendsten Universalbibliotheken aufgegeben“, kritisiert der Mediziner.

„Es gehört zum klaren Profil der Staatsbibliothek, dass die Naturwissenschaften nicht mehr im bisherigen Umfang berücksichtigt werden, wir legen unseren Schwerpunkt auf die Geistes- und Sozialwissenschaften“, kontert die Stabi-Generaldirektorin Barbara Schneider-Kempf. Und versichert: „Trotzdem bleibt die Staatsbibliothek eine Universalbibliothek. Denn auf der ersten Stufe können Sie sich bei uns über alles informieren.“ Außerdem gibt es an der Potsdamer Straße inzwischen sogar mehr Literatur zur Geschichte der Medizin, der Technik und der Naturwissenschaften und zu Fragen der Medizinethik, ganz im Sinne des Schwerpunktes Geistes- und Sozialwissenschaften.

Gerade zu naturwissenschaftlichen und medizinischen Zeitschriftenartikeln suchen immer mehr Nutzer den Zugang online. Frank Vent, Fachreferent für Biologie und Medizin in der Potsdamer Straße, bedauert es deshalb, dass sein Haus sich nicht dem Friedrich-Althoff-Konsortium angeschlossen hat, das Verträge zur Nutzung der Online-Zugänge mit den Verlagen abschließt. Deshalb kann man sich die gewünschten Zeitschriftenbeiträge dort auch nicht aus dem Netz auf den Bildschirm holen. Die Staatsbibliothek hat nach Auskunft Vents auf einen Beitritt zum Konsortium verzichtet, weil die Verträge jeweils nur für wenige Jahre gelten. Danach können die Bedingungen sich dramatisch ändern.

Bleibt für medizinisch Interessierte, die nicht an die Unis gehen wollen, ein Gang in die Berliner Zentral- und Landesbibliothek, Haus Breite Straße in Mitte. Dort finden sich die Bestände der Ende der 90er Jahre aufgelösten Ärztebibliothek, fortlaufend bezogen werden vor allem deutschsprachige Zeitschriften.

Oder man wendet sich an die Deutsche Zentralbibliothek für Medizin in Köln (www.zbmed.de). Sie betreut zugleich die Gebiete Ernährung, Landwirtschaft und Agrarwissenschaften. Man kann von dort Zeitschriftenbeiträge per E-Mail, per Fax oder per Post zugestellt bekommen. Wenn man schon weiß, was man will. Gemütlich in einem angenehm temperierten, ruhigen Raum inmitten anderer ins Lesen vertiefter Menschen in den Zeitschriften blättern kann man als Fernleiher natürlich nicht.

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