Gesundheit : Geisterwolken im Radar

Militärmanöver und andere Täuschungen: Warum Wetterforscher manchmal ausgetrickst werden

Roland Knauer

Ein schneller Blick ins Internet hilft bei der schwierigen Entscheidung, ob ein Regenschirm für den Spaziergang ein nützliches Utensil oder eher Ballast ist: Mit seinem Wetterradar registriert der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach, ob Regen in der Luft ist, und übersetzt die Stärke des Niederschlags einfach in verschiedene Farben, die er auf einer Landkarte darstellt. Nähern sich gelbe, hellblaue und violette Flecken der geplanten Route, liegt der Verdacht auf einen mehr oder minder kräftigen Schauer nahe, rot und dunkelblau könnten sogar ein Hagelgewitter vermuten lassen. Fehlen diese Farben dagegen, besteht eine gute Chance, trockenen Fußes wieder nach Hause zu kommen.

Allerdings gibt es ein paar Tücken. So zeigte das Wetterradar am 19. Juli 2005 ein mehr als 100 Kilometer langes Niederschlagsband über Deutschland, während ein Blick in den Himmel dort zwar vereinzelte Schauerwolken, aber nicht die Spur einer ausgeprägten Regenfront zeigte. Am 7. April 2006 wiederholte sich das gleiche Spiel. Der Verdacht kam auf, hier wolle jemand den Wetterdiensten einen üblen Streich spielen, ein privater Wetterdienst erstattete gar Anzeige.

DWD-Fernerkundungsspezialist Jörg Asmus dagegen hält wenig von solchen Verschwörungstheorien, sondern vermutet schlicht ein Militärmanöver hinter den „Geisterwolken“ genannten scheinbaren Niederschlagsgebieten: Schon im zweiten Weltkrieg wurden von den Alliierten über Berlin haarfeine Fäden in die Luft gestreut, die mit einer dünnen Metallschicht überzogen waren.

Trifft ein Radarstrahl auf eine solche Wolke, reflektiert das Metall die Wellen, und auf dem Bildschirm taucht dort ein großes Niederschlagsgebiet auf, wo die „Düppel“ genannten Fäden in der Luft schweben. Ein Flugzeug hinter dieser Kunstwolke dagegen erfasst das Radar nicht.

Weil in der Luft schwebende Substanzen verschiedene Wellenlängen unterschiedlich gut reflektieren, stimmen Militäringenieure ihre Düppel gut auf das Radargerät des Gegners ab. Arbeiten die Militärtechniker nun zufällig mit einer ähnlichen Wellenlänge wie den 54 Millimetern des DWD-Wetterradars, entdecken die Wetterfrösche prompt ein „Niederschlagsgebiet“, das in Wirklichkeit nur aus kleinen Metallfäden besteht.

Für die meisten dieser Geisterwolken in jüngster Vergangenheit kennt DWD-Spezialist Jörg Asmus dann auch ein passendes Militärmanöver. Allerdings gibt natürlich keine Armee der Welt bekannt, mit welchen Tricks sie täuscht und tarnt. Der Verdacht aber liegt auf der Hand, dass der Wind die kleinen Metallfädchen zum Beispiel von einem Manövergebiet in der Nordsee quer über Deutschland getrieben und so die Geisterwolken erzeugt hat.

Von solchen Verneblungstaktiken lässt sich Asmus nicht ins Bockshorn jagen. Er legt in Zweifelsfällen einfach ein Satellitenbild von den Wolkenformationen über das Radarbild. Stimmen die Konturen gut überein, regnet es vermutlich wirklich, deutliche Unterschiede dagegen entlarven eine Geisterwolke.

Allerdings machen nicht nur militärische Verschleierungen den Wetterradarspezialisten Schwierigkeiten. So werden die Radarstrahlen bei bestimmten Wetterlagen in Richtung Boden abgelenkt. Dort aber gibt es Mobilfunksendemasten, Windräder, Hochhäuser und Bäume, die ebenfalls Radarstrahlen reflektieren. Weil solche Strukturen normalerweise ortsfest sind, kann sie eine gute Computersoftware allerdings leicht rausrechnen.

Aber auch echter Niederschlag kann manchmal täuschen, wenn das Wetterradar zum Beispiel höhere Luftschichten abtastet. Warmes Sommerwetter kann fallende Regentropfen dort oben so rasch verdunsten, dass sie sich vor Erreichen des Bodens auflösen. Oft sieht man mit bloßem Auge dann am Himmel lange Regenfäden, die sich hoch über Wäldern und Feldern wieder auflösen. Solchen echten Regen rechnet die Software auch nicht aus dem Bild heraus, weil er ja wirklich fällt.

Nicht schlecht staunten die DWD-Wetterfrösche über eine schmale Regenlinie, die am 23. April 2006 urplötzlich zwischen Hamburg und Hannover auftauchte. Echter Niederschlag konnte das keineswegs sein, ein Regenband sieht anders aus. Am 25. April schien sich das Rätsel dann zu lösen: Die vorher ortsfeste „Geisterwolke“ begann sich gegen zehn Uhr morgens plötzlich zu drehen.

Exakt zum gleichen Zeitpunkt lief aus dem Hamburger Hafen „Freedom of the Seas“ aus, das größte Kreuzfahrtschiff der Welt, das am 23. April um 13 Uhr 30 dort angelegt hatte. Je weiter das Schiff die Elbe hinunterfuhr, umso weiter drehte sich das Geisterregenband. Irgendein Radar oder Mobilfunksender auf der „Freedom“ hatte wohl das DWD-Wetterradar nordöstlich des Hafens gestört, vermutet Jörg Asmus. Geister entpuppen sich eben doch meist als recht reale Gebilde.

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