Gesundheit : Geistig beweglich

Das Gehirn lässt uns denken und fühlen. Doch es ist Gefahren ausgesetzt. Wie man sich wappnen kann

Bas Kast

Gleich ein Tipp vorweg: Joggen Sie. Das ist das Beste, was Sie für Ihr Gehirn tun können. Die Nebenwirkungen sind gering, der Nutzen ist groß: Denn den größten Gefahren, die auf Ihr Gehirn lauern, kann man regelrecht davonlaufen.

Beispiel Depressionen. Rund vier Millionen Menschen leiden in Deutschland unter der Seelenkrankheit: „Man ist lustlos, gelähmt, und das nicht nur ein, zwei Tage, sondern dauerhaft, über Wochen“, beschreibt Isabella Heuser, Direktorin der Klinik für Psychiatrie an der Berliner Charité, Campus Benjamin Franklin, das Gefühl. „Nichts macht mehr Spaß.“

Dabei erkennen die Experten zunehmend, in welch erschreckendem Ausmaß der Trübsinn in die Anatomie des Gehirns eingreift. Heute weiß man: Eine Depression lässt die Nervenzellen in unserem Kopf, die Neuronen, Stück für Stück verkümmern. Die Kontakte zwischen den Neuronen, die Synapsen, sterben ab, die Nervenfortsätze verschrumpeln, ja, ganze Hirnteile können schrumpfen. Wie der Hippocampus, eine Struktur, die für die Gedächtnisbildung entscheidend ist.

Doch gegen den Hirnschwund wie gegen die schlechte Stimmung kann man etwas tun: Joggen, Schwimmen, Radfahren, Tanzen – ein Training von einer halben Stunde dreimal pro Woche hat sich bei manchen depressiven Patienten sogar als genauso wirksam gegen die Schwermut erwiesen wie die derzeit besten Medikamente. „Ein Waldlauf ist wie eine kleine Psychotherapie“, meint der Wissenschaftsjournalist Stefan Klein, Autor der „Glücksformel“.

Hinzu kommt: Bewegung fördert das Wachstum und die Neubildung von Nervenzellen, wie der US-Hirnforscher Fred Gage im Tierversuch festgestellt hat. Bei Mäusen, die in ihrem Käfig ein Laufband zum Rennen hatten, fand er mehr Nervenwachstumsfaktoren und mehr als doppelt so viele neu gebildete Neuronen als bei Artgenossen, die nur faul in ihrem Gehege herumhingen. Bewegung könnte also auch insofern das niedergeschlagene Gemüt aufhellen, indem sie der Hirnverkümmerung, die für die Depression so typisch ist, entgegenwirkt.

Natürlich ist Sport nur eines von vielen Mitteln, die Schatten auf der Seele zu vertreiben – aber es ist eins, das zugleich eine positive Nebenwirkung hat. Denn auch die zweite große Gefahr, die dem Gehirn droht, lässt sich mit regelmäßigem Ausdauertraining teilweise bekämpfen: der geistige Abbau.

„Sport führt dazu, dass das Gehirn besser mit Sauerstoff versorgt wird“, sagt der Neurobiologe Hans-Joachim Pflüger von der Freien Universität Berlin. „Und dann funktioniert es auch effektiver – in dieser Hinsicht reagiert unser Hirn auch nicht anders als ein gut trainierter Muskel.“ Das Gehirn ist übrigens das Organ des Körpers, das mit Abstand den meisten Sauerstoff verbraucht.

Und in noch einem Punkt lässt sich unser Denkorgan mit einem Muskel vergleichen: Je mehr wir es benutzen, desto besser funktioniert es – und umso wirksamer sind wir auch vor dem Verfall geschützt. „Wir empfehlen deshalb jedem ab dem 50. Lebensjahr, regelmäßig etwas Neues zu lernen“, sagt Heuser, Beispiel: Schach, eine Fremdsprache oder ein Instrument. „Aktive, schöpferische Tätigkeit halten das Hirn auf Trab“, sagt auch Pflüger.

Aber kann man sich mit solcher Art von Hirnjogging wirklich gegen Demenz, wie zum Beispiel Alzheimer, schützen? „Es gibt keinen absoluten Schutz“, sagt Heuser. Die Alzheimer-Krankheit wird nämlich auch maßgeblich von unserem Erbgut bestimmt. Dennoch: Mit einer guten Hirnvernetzung lassen sich die Folgen eines Abbaus besser „abfedern“.

Auch mit einer ausgewogenen Ernährung kann man seinem Gehirn etwas Gutes tun. Der Heidelberger Hirnforscher Konrad Bayreuther empfiehlt zusätzlich Vitamin E, das, in moderaten Dosen, einen schützenden Effekt gegen Alzheimer hat. „Viele Alzheimerforscher nehmen Vitamin E“, sagt Heuser. „Ich auch.“

Eine gesunde Ernährung ist besonders wichtig für diejenigen, die zu einem hohen Blutdruck neigen. Weniger Salz, mehr Obst und Gemüse (und: Bewegung) helfen, den Blutdruck zu senken. Das ist wiederum gut für unsere graue Masse. Denn ein hoher Blutdruck erhöht das Risiko eines Schlaganfalls – des dritten Erzfeindes unseres Gehirns.

„The brain runs on fun“ – das Gehirn wird von Spaß angetrieben, sagen die Amerikaner. Das kann die Wissenschaft nur unterschreiben. Stress zum Beispiel ist für das Gehirn Gift, im wahrsten Sinne des Wortes: Das Stresshormon Cortisol greift die Hirnzellen an. Freude dagegen lässt unsere Neuronen wachsen. Bei Glücksgefühlen stößt das Hirn den Botenstoff Dopamin aus – zugleich führt dieses Lustmolekül dazu, dass unsere Nervenzellen neue Verknüpfungen eingehen: Über diese Verbindungen lernt das Gehirn (siehe Infokasten rechts). „Der beste Weg, seinem Gehirn etwas Gutes zu tun“, sagt Heuser, „ist also, sich selbst öfters mal eine Freude zu machen.“

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