Gesundheit : Geistiges Gebirge

Der Mauerbau beendete die Arbeit an der großen Werkgeschichte Goethes. Jetzt wird sie fortgesetzt

Claudia Schmölders

Goethe liebte Berlin bekanntlich nicht, aber umgekehrt liebte Berlin immer schon Goethe, und zwar heftig. Eine erstaunliche Liebesgeschichte begann 1949. Zwar wird damals die Spaltung in zwei deutsche Staaten von den einen beklagt, von den andern bejubelt; aber einhelliger Jubel herrscht über Goethes 200. Geburtstag. Man feiert ihn in der DDR ebenso wie in Westdeutschland. Für Katharina Mommsen war es ein Schicksalsjahr. Als junge Germanistin betrat sie damals zum ersten Mal die Ostberliner Akademie der Wissenschaften und begann zusammen mit ihrem Mann die Arbeit an einem Goethe gewidmeten Lebenswerk.

„Goethes Werke in Dokumenten ihrer Entstehung“, kurz EGW, hieß das gigantische Lexikonprojekt, das Momme Mommsen, Kapellmeister aus Begabung, Philologe aus Leidenschaft, bei der Akademie durchgesetzt hatte. Da Goethes Werke sich bis zur Veröffentlichung oft lange entwickeln, nicht selten mit langen Nachspielen, ergab sich ein riesiger Textbedarf.

Die Aufgabe, erinnert sich Katharina Mommsen heute, bestand darin, „das vielverzweigte, ungeheuer umfangreiche dokumentarische Material über Goethes Schaffen, das in Form von Tagebüchern, Gesprächen, Bücherentleihungen, ja selbst Rechnungen erhalten ist, und die Entstehung fast jedes seiner Werke begleitet“, auszuwerten. Aufgenommen werden sollten auch Aussagen und Briefe Dritter, so dass auch das halb öffentliche Gespräch über Goethes Schaffen dieses selbst plastisch hervortreten ließ.

Plastisch und historisch, weil kein anderer deutscher Autor so viel dokumentarisches Material hinterlassen hat wie eben Goethe. Hier sieht man buchstäblich sein „Denken im Werden“, verteilt auf unzählige spannende Mikrogeschichten. Ein philologisches Paradies für Goethefans ist entstanden, aber auch für neugierige Historiker aller Sparten. Unvergleichlich die fast 60-seitige Dokumentation über das Schadowsche Blücherdenkmal in Rostock, an dem Goethe von 1815 bis 1819 kräftig mitgewirkt hat und die hier in jedes Detail von Komposition, Technik und Erinnerungskultur zerlegt wird. Oder die anrührenden Hinweise auf August von Goethes Rede bei „Niederlegung des Schillerschen Schädels auf der Großherzoglichen Bibliothek in Weimar“ – also auf jene morbide Episode, wonach Goethe im Herbst 1826 Schillers Schädel aus dem Grab und zu sich ins Haus holte und auch bedichtet hat („Im Beinhaus“).

Eine titanische Arbeit, begonnen unter den erbärmlichen Umständen der Nachkriegszeit, geleistet von nur zwei Personen. Täglich fuhren die Mommsens von West – sie lebten in Friedenau – nach Ost, und immer wieder auch nach Weimar in die Archive. Dennoch nennt Katharina Mommsen heute „die zwölf an dieser Akademie verbrachten Jahre die allerglücklichste Lebensepoche“. 1958 erschienen die ersten zwei Bände, jeder mehr als 500 Seiten stark, von „Abaldemus“ bis zu „Dichtung und Wahrheit“ reichend.

Außer aus Ostdeutschland gab es überall einhellig Lob und höchste Bewunderung. Doch dann griff die Politik in die Liebesgeschichte ein. 1961 wurde die Mauer errichtet, und das Paar musste die Tätigkeit einstellen. Aus der Not halfen damals die Germanisten der Freien Universität, wie sich Eberhard Lämmert, ihr langjähriger Präsident, erinnert. Man übernahm beide Mommsens mit einer Habilitation in den Lehrbetrieb – bis der Sturm der Studentenbewegung das Institut in der Boltzmannstraße erreichte.

Als Momme Mommsen die rote Fahne auf dem Institut wehen sah, drang er auf Emigration; zuerst nach Kanada, dann in die USA, wo Katharina Mommsen 1974 einen Lehrstuhl erhielt. Doch bekanntlich führten die Studenten damals keine dritte Diktatur in Deutschland herbei, und die Mauer, Symbol der zweiten, fiel 1989. Das Projekt konnte mithin, nein musste einfach weitergeführt werden. Momme Mommsen starb im Jahr 2001, aber von den guten Aussichten für sein Lebenswerk wusste er schon.

Kürzlich trat Katharina Mommsen an ihrem einstigen Wirkungsort, der Akademie in der Jägerstraße 23, überglücklich vor ein erlesenes Publikum. Tatsächlich war es gelungen, die Göttinger Akademie der Wissenschaften sowie das Seminar für Deutsche Philologie Göttingen zur Fortführung der Arbeit zu bewegen. „Einzig zu dem Zweck, die EGW zum Abschluss zu bringen“, gründeten die Germanisten im amerikanischen Exil im Jahr 2000 die „Mommsen Foundation for The Advancement of Goethe Research“. Es gelang, unter amerikanischen Goethefreunden Sponsoren zu finden. „Dass es zumeist Hitler-Emigranten waren, die ihrem Goethe auch im Exil die Treue bewahrt hatten, war für uns besonders bewegend“, sagte Katharina Mommsen.

Das Mommsenprojekt ist eines der wenigen, in denen Ost- und Westdeutsche mit Repräsentanten der jüdischen Emigration einmütig miteinander wirken, wie zuletzt vielleicht 1932, in Goethes hundertstem Todesjahr.

Und noch eine Überraschung gibt es. Dank der nüchternen Anlage des ganzen Werkes konnte die Grundkonzeption Momme Mommsens bis heute bestehen bleiben. Es war resistent gegen ideologische Vereinnahmung; keine Zensur hat jemals ein Manuskript aus der Jägerstraße erreicht. Von einem wahrhaft „groß angelegten Referenzwerk der Goetheforschung“ spricht der Verleger Klaus G. Saur vom Verlag de Gruyter enthusiastisch – und skizziert die kommende Arbeit. Nach dem jetzt vorgelegten Band 3, von „Diderot“ bis „Entoptische Farben“, sollen noch 15 weitere Bände erscheinen, die Liebesgeschichte also bis tief ins 21. Jahrhundert hinein dauern.

Zusätzlich werden thematische Sonderbände entstehen, etwa zu „Goethe als Übersetzer und Vermittler aus einem Dutzend fremden Sprachen“, oder auch zur Farbenlehre ein Band, „der Goethes vier Jahrzehnte umfassende Beschäftigung mit chromatischen Studien in chronologischer Abfolge dokumentarisch belegen soll“, wie Katharina Mommsen erklärt.

Goethe als Mann der Naturwissenschaft in deren ganzer Breite, als Erfinder der Weltliteratur, als Minister und Herausgeber, Rezensent und Kunstberater – ein geistiges Gebirge tut sich vor jedem auf, der in dieses Werk Einblick nimmt. Gerade diese Aspekte, jenseits und mitten in seinem dichterischen Tun, lassen den Goethe des Mommsenprojekts so enorm modern wirken. Schließlich war er, wie der beste Goethekenner von heute, Manfred Osten, in der Akademie demonstrierte, kosmopolitischer und umweltbewusster als die meisten von uns heute.

Auch zollte Goethe dem Orient und dem Islam eine damals ganz unzeitgemäße Anerkennung. Katharina Mommsen muss es wissen. Denn mit eben diesem Aspekt begann sie im Schicksalsjahr 1949 ihre ureigene „Erforschung aller orientalischen Quellen zum West-östlichen Divan“. Mit den Jahren wurden daraus Standardwerke wie ihre Dissertation über „Goethe und tausendundeine Nacht“ und „Goethe und die arabische Welt“, erschienen im Insel Verlag. „Rüstig wie wir’s angefangen, Wollen wir zum Ziel gelangen“, rief sie dem Publikum in der Akademie zu – und niemand konnte daran zweifeln.

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