Gesundheit : Gel als Virenkiller

Beim Kampf gegen Aids wird Prävention immer wichtiger. Chemische Verhütungsmittel sollen Infektionen verhindern

Wolfgang Drechsler

Über Sex wird bei Aids-Konferenzen dieser Tage auf einem ganz neuen Niveau diskutiert. Niemand zuckt mehr zusammen, wenn, wie jetzt auf der 16. Internationalen Aids-Konferenz in Toronto, eine überdimensionierte Vagina mit einer gelartigen Substanz auf der Leinwand erscheint. Die neue Offenheit hat ihren Grund: In ihrem Kampf gegen die Aids-Epidemie setzt die Forschung heute große Hoffnung auf Mikrobizide. Dabei handelt es sich um chemische Verhütungsmittel und Virenkiller, die Frauen als Salbe, Gel oder Zäpfchen vor dem Sex in die Vagina einführen – als Alternative zu einem Kondom und am besten so, dass es der Partner nicht bemerkt. Um eine Frau beim Geschlechtsverkehr mit einem Mann ohne Kondom vor der Ansteckung mit dem HI-Virus zu schützen, müssen diese Anti-Aids-Gels zudem unsichtbar und geruchlos sein.

Obwohl Forscher seit Jahren nach einem Impfstoff gegen die tödliche Immunschwächekrankheit suchen, gibt es bislang nur zwei sichere Methoden gegen eine Infektion mit dem HI-Virus, das Aids verursacht: Enthaltsamkeit oder die Verwendung eines Kondoms. Beide Methoden sind jedoch vor allem im besonders hart von der Aids-Epidemie betroffenen Afrika kaum anwendbar. Wenige Frauen wagen es in den stark patriarchalisch geprägten Gesellschaften, ihren Partner um den Gebrauch eines Kondoms zu bitten – selbst, wenn dieser HIV-positiv ist. Das schreibt Unaids, die Anti-Aids-Initiative der Vereinten Nationen.

Rund 25 der fast 40 Millionen Menschen, die weltweit HIV-positiv sind, leben heute in den 48 Ländern südlich der Sahara. Dennoch sind hier auch 25 Jahre nach der Entdeckung des Virus Enthaltsamkeit und Treue vielerorts undenkbar, weil das traditionelle Männlichkeitsbild dagegensteht. Der Leiter des nigerianischen Aidskomitees brachte es kürzlich auf den Punkt: „Mädchen und Frauen können bei uns typischerweise nicht mitreden, wann, wo oder mit wem sie Sex haben.“ Und wo Frauen wenig zu sagen haben, können sie auch nicht durchsetzen, dass ihr Partner ein Kondom benutzt.

In Südafrika wurde mit Jacob Zuma gerade erst einer der beliebtesten Politiker am Kap vom Vorwurf der Vergewaltigung freigesprochen. Zu seiner Verteidigung hatte der frühere Vizepräsident des Landes „kulturelle Gründe“ angeführt. Für Kopfschütteln sorgte vor allem sein Eingeständnis, wissentlich ungeschützten Geschlechtsverkehr mit der HIV-positiven Frau gehabt zu haben. Zuma, der früher einmal das nationale Aids-Programm am Kap leitete, begründete dies damit, dass das Ansteckungsrisiko für Männer deutlich geringer als für Frauen sei, zumal er nach dem Sex gleich geduscht habe.

Trotz aller Aufklärungskampagnen gilt der Kondomgebrauch in Afrika heute noch immer als Makel, weil er angeblich Promiskuität suggeriert. „Wir baden ja auch nicht in unseren Socken“, begründet ein Minenarbeiter seinen Verzicht auf Kondome. Kein Wunder, dass auf dem Schwarzen Kontinent ganz überwiegend Männer für die beispiellose Ausbreitung des Virus verantwortlich sind. Viele verdienen ihren Lebensunterhalt zudem noch immer als Wanderarbeiter, gehen dabei fremd, schlafen mit Prostituierten und stecken dann die Ehefrauen oder Freundinnen an. Auch sind sexuelle Themen vor allem unter Schwarzen weitgehend tabu. Sexualerziehung findet oft weder in den Familien noch in den Schulen statt.

Dies ist umso bedrückender, als alle Anti-Aids-Mittel mit Ausnahme des Kondoms erst dann greifen, wenn das Virus bereits im Körper ist. Und eine Impfung gegen Aids ist, wenn es sie bei der enormen Anpassungsfähigkeit des Virus je geben wird, wohl noch viele Jahre entfernt.

Gerade in Afrika sind deshalb immer mehr Frauen von der Epidemie betroffen. Renate Bähr, Vizegeschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung, spricht von einer zunehmenden „Feminisierung“ von Aids. In den Ländern südlich der Sahara sind inzwischen nahezu 60 Prozent der mit HIV infizierten Personen im Alter von 15 bis 49 Jahren Mädchen und Frauen. In der Altersgruppe zwischen 15 und 24 Jahren liegt ihr Anteil inzwischen sogar bei 74 Prozent. Und neun von zehn Frauen mit Aids leben in Afrika.

Die Aids-Forschung setzt in Mikrobizide vor allem deshalb so große Hoffnung, weil sie mehr als alle bisherigen Ansätze den Schutz der Frau in den Mittelpunkt rücken und präventiv wirken. Im aktuellen Feldversuch muss ein halber Teelöffel eines undurchsichtigen Mikrobizid- Gels etwa eine Stunde vor dem Geschlechtsverkehr in die Vagina geschmiert werden, um bis zu sechs Stunden Schutz zu bieten. Die Mikrobizide bilden dort eine unsichtbare Barriere, die weder das HI-Virus noch andere Erreger überwinden können. Zu ihnen könnten auch sogenannte Chlamydien gehören, die zwar kein Aids verursachen, aber bei einigen Mädchen und Frauen Unfruchtbarkeit auslösen können.

Zunächst gilt es jedoch, auch in der Forschung kulturelle Unterschiede mehr zu berücksichtigen. Frauen, die das Anti- Aids-Gel in den USA benutzten, klagten zum Beispiel darüber, dass sie danach zu feucht seien – stärker jedenfalls, als es bei sexueller Erregung normal ist. Die meisten wollten zudem ein Mittel, das der Partner nicht bemerkt. Eine übermäßig starke Feuchtigkeit beim Geschlechtsverkehr dürfte vor allem in Afrika problematisch sein, weil viele Männer hier den sogenannten „dry sex“ bevorzugen, in dem sie offenbar ein Indiz für die vermeintliche Treue ihrer Partnerin sehen.

„Wir wollen in jeden Fall eine billige, effiziente, leicht anwendbare und weithin akzeptierte Methode entwickeln, mit der sich Frauen gegen Aids, aber auch gegen die in Afrika weit verbreiteten Geschlechtskrankheiten schützen können“, sagt Helen Rees von der HIV-Abteilung der Universität Witwatersrand in Johannesburg.

Noch ist es jedoch nicht so weit. Weltweit wird laut Rees momentan an mehr als hundert unterschiedlichen Mikrobiziden geforscht. Nur fünf Wirkstoffe, die sich in Labor- und Tierversuchen bewährt haben, werden derzeit in sechs größeren Studien am Menschen getestet, um später womöglich die Zulassung zu erhalten. Am Kap, einer Hauptforschungsregion, werden gleich an vier verschiedenen Orten auf drei Jahre angelegte Tests unternommen, die äußerst umfangreich, zeitaufwendig und teuer sind. Sollten sie erfolgreich verlaufen, könnten die ersten Anti-Aids-Gels in etwa fünf oder sechs Jahren auf den Markt kommen, mit Glück sogar schon etwas eher.

Hundertprozentigen Schutz können die Anti-Aids-Cremes allerdings nicht garantieren. Erst kürzlich wurde bekannt, dass ein getestetes Präparat, das auf Limonensaft basiert, nur bei einer solch starken Konzentration wirkt, dass es dabei die Außenwand der Vagina zerstört, was dem Aidsvirus Tür und Tor öffnen würde. Auf dem weltweit größten Mikrobizid- Kongress in Kapstadt beklagten die Teilnehmer im April, dass ein effektives Anti- Aids-Gel länger als nötig auf sich warten ließe. Zum einen liege dies daran, dass die Forschung in den Neunzigerjahren verschlafen wurde, zum anderen an den noch immer begrenzten Mitteln.

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