Gesundheit : Geld für Gingko

Auch rezeptfreie Medikamente werden erstattet, wenn sie zur Standardtherapie schwerer Krankheiten gehören

Paul Janositz,Rainer Woratschka

„Wir begrüßen, dass die Patienten jetzt Sicherheit haben“, sagt Barbara Marnach, Sprecherin des AOK-Bundesverbands. „Verantwortungsvoll und vernünftig“, nennt Florian Lanz, Sprecher des Bundesverbandes der Betriebskrankenkassen (BKK) die Auswahl der Medikamente. Es geht um Patienten mit „schwerwiegenden Erkrankungen“, die nun doch rezeptfreie Arzneimittel von den Krankenkassen erstattet bekommen. Vorausgesetzt, die Präparate finden sich auf der Liste von 36 Wirkstoffen, die der Gemeinsame Bundesausschuss jetzt verabschiedet hat.

Zu den Ausnahmen gehören Abführmittel, Schmerzmittel wie Acetylsalicylsäure sowie Calciumverbindungen zur Behandlung von Osteoporose, Iodid für die Schilddrüse oder Chinin zur Therapie von Malaria (siehe Infokasten unten). Auch Johanniskraut gegen Depressionen oder Gingko-Blätter gegen Demenz fallen unter die Erstattungspflicht.

Ursprünglich wollte Gesundheitsministerin Ulla Schmidt die Kosten für derartige rezeptfreie Mittel einsparen. Nach heftigen Protesten drängte sie auf Ausnahmen. Die Auswahl oblag dann dem Gemeinsamen Bundesausschuss – einem Gremium, in dem Ärzte, Krankenkassen und Patienten vertreten sind. Ein Kriterium war, dass die betreffenden Arzneimittel Standard bei der Therapie schwerer Erkrankungen sind. Als solche gelten Krankheiten, die lebensbedrohlich sind oder die Lebensqualität stark beeinträchtigen.

Während die Kassen mit den Ausnahmen zufrieden sind, drohen andere mit dem Verfassungsgericht. Von einer „unzulässigen Begrenzung der Therapiefreiheit“ spricht Karl- Wilhelm Steuernagel, Vorsitzender des Zentralvereins homöopathischer Ärzte. Dabei wird nun auch homöopathische und anthroposophische Arznei von den Kassen bezahlt – allerdings nur, wenn sie statt der aufgelisteten rezeptfreien Mittel verordnet wird.

Schulmedizinern indessen geht das Entgegenkommen zu weit. Mit der Kostenerstattung für Homöopathie sei man ganz klar den Grünen und ihrer Klientel entgegengekommen, sagt der Sprecher der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Roland Stahl: „In dem Ergebnis spiegelt sich natürlich der politische Druck.“ Nur unter größten Bedenken trage man die Liste mit, sie habe „einen Schuss von Unlogik“. Das Gesetz schreibe schließlich vor, dass der Nutzen von Medikamenten für die Erstattung nachgewiesen sein muss. „Aber es gibt keine gesicherte Studienlage zur Wirksamkeit homöopathischer Arzneimittel.“

Der CSU-Gesundheitsexperte Horst Seehofer hingegen verteidigte die Kostenerstattung für Homöopathie. Wenn man Therapievielfalt ins Gesetz schreibe, könne es nicht sein, „dass nur noch Chemie verordnet werden darf“. Der Streit um die Wirksamkeit homöopathischer Mittel sei sei so alt wie die Homöopathie selber, „das wusste jeder der mit am Verhandlungstisch saß". Er begrüße es sehr, dass der Bundesausschuss „diesmal fristgerecht fertig wurde“, sagte Seehofer unter Anspielung auf die zu spät fertig gewordene Chronikerregelung. Es sei wichtig, dass am 1. April alle wüssten, was ihnen zustehe. „Und die große Linie stimmt". Auch Horst Schmidbauer (SPD) begrüßte die Einigung. Zwar sei es international einzigartig, dass rezeptfreie Arznei erstattet werde, andererseits verhindere man mit den Ausnahmen Kostensteigerungen, die ein Wechsel zu den gewöhnlich teureren rezeptpflichtigen Präparaten womöglich mit sich gebracht hätte.

Angesichts des geringen finanziellen Ausmaßes zeigt sich auch BKK-Experte Lanz gelassen. Angesichts 24 Milliarden Euro Gesamtkosten für Arzneimittel seien die der „Therapiefreiheit“ geschuldeten Aufwendungen für Homöopathie zu verkraften. Bisher lägen diese im zweistelligen Millionenbereich, und es sei unklar, in welchem Umfang die konventionellen Mittel ersetzt würden.

Für den Gesundheitsberater des Ministeriums, Karl Lauterbach, ist die Erstattung homöopathischer und anthroposophischen Mittel problematisch. Gleichwohl handle es sich um einen politisch nötigen und akzeptablen Kompromiss. Ein kompletter Ausschluss wäre nicht zu vermitteln gewesen, sagte Lauterbach dem Tagesspiegel. Langfristig müsse man die Bürger aber „stärker darüber aufklären, dass diese Arzneimittel nicht wirken“.

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