Gesundheit : Geld stinkt nicht

FREDERIK HANSSEN

Beobachtungen bei der Aufnahmeprüfung der Europäischen Wirtschaftshochschule BerlinVON FREDERIK HANSSENWie sitzt frau korrekt auf einem Prüfungs-Sofa, wenn der Kostüm-Rock verteufelt kurz, die Couch aber zu niedrig ist, um die Beine übereinanderschlagen zu können? Susanne schafft es tatsächlich, im Laufe des einstündigen Auswahlgespräches nur ein einziges Mal am Rock zu ziehen, während sie die Fragen der drei männlichen Prüfer beantwortet, die ihr gegenüber auf angenehm hohen Bürostühlen sitzen.Ein Pluspunkt. Susanne ist Betriebswirtschaftsstudentin - und will international Karriere machen.Deshalb ist sie mit ihrem BWL-Vordiplom in der Tasche aus Passau nach Berlin gekommen, um gemeinsam mit 95 Kommilitonen die Prüfungsprozedur der Europäischen Wirtschaftshochschule EAP durchzumachen.1973 wurde die private Hochschule von der Pariser Handelskammer gegründet, mittlerweile gibt es vier Filialen in Oxford, Madrid und Berlin.Wer den Hürdenlauf der Aufnahmeprüfungen mit der ausreichenden Punktzahl absolviert und bereit ist, 9000 Mark Studiengebühren im Jahr zu zahlen, dem winken drei Jahre BWL-Hauptstudium in kleinen, multinational zusammengesetzten Gruppen.Da die Lehrveranstaltungen in jeder der drei Städte in der jeweiligen Landessprache stattfinden, müssen sich die zukünftigen Führungskräfte nicht nur einem knallharten Persönlichkeits-Test unterziehen, sondern auch überdurchschnittliche Fremdsprachenkenntnisse mitbringen. Die Sprachprüfung steht Susanne noch bevor.Doch erst einmal muß sie in der unbequemen Haltung auf dem Bürosofa des EAP-Direktors Jürgen Weitkamp beweisen, daß sie für das international ausgerichtete Studium auch die richtige innere Einstellung mitbringt - und die nötige Zielstrebigkeit im Karriereaufbau: Bei der Fangfrage, ob sie sich vorstellen könnte, später ihre eigene gute Stellung aufzugeben, um ihrem Ehemann an seinen neuen Arbeitsplatz Moskau zu folgen, verheddert sie sich ein wenig - die Prüfer zumindest hätten gerne mehr von Karrierefrau-Konsequenz als von GattinnenTreue gehört.Sonst aber schlägt sie sich tapfer. Im Flur warten schon die nächsten Kandidaten.Viel Ablenkung fürs Auge bieten die nüchternen Räume der privaten Hochschule im vierten Stock des Europa-Centers am Breitscheidplatz nicht.Also unterdrückt man die Nervosität mit Small-Talk.Hochseriös wirken diese Jungmanager und -managerinnen von maximal sechsundzwanzig in ihren eleganten Anzügen und Kostümen.Und auch ein bißchen verkleidet, wenn man in die Gesichter schaut. Und doch trügt die fusselfreie Fassade, zumindest im Idealfall: Denn wer sich für die EAP entscheidet, muß mehr mitbringen als nur den Traum von der Vorstandsetage.Die Fremdsprachen, aber auch die Vorstellung, sich in jedem Jahr auf eine neue Umgebung und ungewohnte Mentalitäten einlassen zu müssen, schreêken einen Großteil der Handy-Golf-Cabrio-Laptop-Klientel ab.Im Schutze der Massenuni kommt man dann doch mit erheblich geringerem Aufwand zu seinem Diplom. Bei der Wirtschaft sind die EAP-Studenten nicht nur wegen der Praktika beliebt, für die in jedem Studienjahr drei Monate reserviert sind.Sehr stolz ist man darauf, daß bisher noch kein EAP-Absolvent in die Arbeitslosigkeit entlassen werden mußte. Nach der Mittagspause erwartet Susanne der vielleicht schwerste Teil der Aufnahmeprüfung: Das Gruppeninterview.Zwei ganze Stunden gilt es, in der Diskussion mit sieben anderen Bewerbern Teamgeist und Kooperationsfähigkeit zu demonstrieren.Die beiden Prüfer, ein EAP-Mitglied und ein Externer, beschränken dabei sich aufs Beobachten.Zuerst sollen die Prüflinge gemeinschaftlich in 45 Minuten aus dem Satz "Geld stinkt nicht" eine Geschichte entwickeln.Sofort setzen die gruppendynamischen Prozesse ein, jeder will im besten Licht dastehen und doch nicht als Vordrängler unangenehm auffallen.Die Story vom Prinzen, der den Anführer eines Volksaufstandes mit Geld besticht, das er zuvor seinem Volk abgepreßt hat, ist schnell gefunden und wird Satz für Satz in der Runde fortgesponnen.Die Aussage des Satzes selbst aber hinterfragt keiner. Im zweiten Teil geht es darum, in einer fiktiven Stadtrats-Sitzung über den Antrag eines Schallplattengeschäftes zu entscheiden, das auch sonntags öffnen will.Wer dabei immer dazwischenredet, wer vermittelt, aus welcher Ecke die Argumente kommen, wer sich wie flexibel zeigt bei der Kompromißfindung - alles wird am Tisch der Prüfer registiert und in Punktzahlen für Verhandlungsfähigkeit, Engagement und Kreativität umgesetzt.Ebenso wie die abschließende Selbsteinschätzung, bei der die eigene Rolle innerhalb des Gruppeninterviews kritisch hinterfragt werden muß.Natürlich bewerten alle die Interaktion als hervorragend, sich selber mehr oder weniger objektiv - und doch bleibt der Eindruck zurück, daß es allen trotz der Prüfungssituation sogar fast Spaß gemacht hat, simulierte Situationen des "echten" Manager-Alltags durchzuspielen.

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