Gesundheit : Geliebte Venus

Astronomisches Jahrhundertereignis: Unser Nachbarplanet schiebt sich vor die Sonne

Rainer Kayser

Vor 122 Jahren war die gesamte astronomische Fachwelt in Aufregung: Am 6. Dezember 1882 schob sich der Planet Venus vor die Sonne – ein extrem seltenes Ereignis, das für lange Zeit die letzte Gelegenheit bot, die Entfernung der Erde von der Sonne genau zu messen. Erst in diesen Tagen, am Vormittag des 8. Juni, wiederholt sich das kosmische Spektakel eines solchen „Venus-Durchgangs“. Und wer das Ereignis in diesem Jahr verpasst, hat zwar 2012 eine zweite Chance – danach aber können erst spätere Generationen im Jahr 2117 wieder die Venus vor der Sonne vorüberziehen sehen.

Zu einem Venus-Durchgang kommt es, wenn der Planet die Erde auf seiner Bahn innen überholt – also von uns aus gesehen gerade in Richtung Sonne steht. Da die Bahn der Venus um 3,4 Grad gegen die Erdbahn geneigt ist, zieht die Venus zumeist unbemerkt oberhalb oder unterhalb des Zentralgestirns vorüber. Sonst käme es alle 19 Monate zu einer Bedeckung der Sonne. So aber stehen die Gestirne nur etwa alle 120 Jahre gerade so auf ihrer Bahn, dass die Venus direkt vor der Sonne vorüberzieht. Und dann zumeist gleich zweimal im Abstand von acht Jahren.

Im Gegensatz zu einer Sonnenfinsternis, bei der sich der Mond vor unser Zentralgestirn schiebt, ist eine Bedeckung durch die Venus mit bloßem Auge nicht zu bemerken, da der Durchmesser des Planeten gerade einmal drei Prozent des Sonnendurchmessers beträgt. Lange Zeit ahnten deshalb nicht einmal die Himmelsforscher etwas von der Existenz derartiger „Mini-Finsternisse“. Erst im 17. Jahrhundert sagte der deutsche Astronom Johannes Kepler für das Jahr 1631 sowohl einen Merkur- als auch einen Venus-Durchgang voraus.

Während einige Naturforscher den Merkur-Durchgang tatsächlich beobachteten, gibt es über den von Europa aus nicht sichtbaren Venus-Durchgang von 1631 keinerlei Berichte, obwohl Kepler seine Vorhersage weltweit bekannt gemacht hatte. Die ersten Menschen, die die Venus vor der Sonne sahen, waren vermutlich der englische Astronom Jeremiah Horrocks und sein Freund William Crabtree bei dem nachfolgenden Transit am 4. Dezember 1639.

Zu den Venus-Durchgängen von 1761 und 1769, sowie 1874 und 1882 gab es dann bereits umfangreiche Beobachtungskampagnen der Himmelsforscher. Der königliche britische Hofastronom Edmond Halley hatte nämlich eine neue Methode zur Bestimmung der Entfernung Erde-Sonne entwickelt – eine in jener Zeit nur äußerst ungenau bekannte, aber in der Astronomie wichtige Größe. Damit gab es für die Himmelsforscher erstmals die Möglichkeit, die Größe des Sonnensystems genau zu vermessen. Um Halleys Methode anzuwenden, mussten die Forscher den Durchgang allerdings von verschiedenen Orten auf der Welt aus beobachten.

So war es eines der Hauptziele der ersten großen Fahrt des britischen Entdeckers Captain James Cook mit der „Endeavour“, den Venus-Durchgang von 1761 vom Südpazifik aus zu vermessen. Doch die Ergebnisse dieser und späterer Expeditionen waren enttäuschend. 1874 gab es nicht weniger als 26 russische, 12 britische, acht amerikanische, jeweils sechs französische und deutsche, sowie drei italienische und eine holländische Expedition aus Anlass des Durchgangs. Den Forschern gelang es trotz aller Anstrengungen nicht, die Eintritts- und Austrittszeiten der Venus vor die Sonnenscheibe mit der nötigen Genauigkeit zu bestimmen.

Der Grund dafür war ein seltsames Phänomen: Die Ränder der Venus und der Sonne scheinen bei den Kontakten für mehrere Sekunden förmlich aneinander festzukleben. Venus und Sonnenrand ziehen sich im Auge des Betrachters wie eine zähe Flüssigkeit auseinander und erschweren so eine genaue Zeitbestimmung. Cook spekulierte, diese heute als „Tropfenphänomen“ bekannte Erscheinung käme „durch eine Atmosphäre oder eine düstere Wolke um den Körper des Planeten“ zustande.

Bis in die jüngste Zeit haben die Astronomen gerätselt, wie dieses Tropfenphänomen zustande kommen könnte. Erst im vergangenen Jahr gelang es einem Team amerikanischer Astronomen endgültig nachzuweisen, dass es sich dabei schlicht um eine Art optische Täuschung handelt – verursacht durch die unscharfe optische Abbildung des Venusscheibchens und die Abnahme der Sonnenhelligkeit zum Rand hin.

Auch der kommende Venus-Durchgang wird von Astronomen in aller Welt, auch von Satelliten-Observatorien aus, beobachtet werden. Allerdings ist die Entfernung Erde-Sonne inzwischen durch die Anwendung anderer Methoden sehr genau bekannt. Heute bietet das Ereignis den Forschern die seltene Gelegenheit, Methoden zu entwickeln und zu testen, mit denen Planeten entdeckt und studiert werden können, die an fernen Sternen vorbeiziehen. Und natürlich hat diesmal erstmalig auch die Öffentlichkeit in großem Umfang von dem Ereignis Kenntnis. Viele Sternwarten, Planetarien und astronomische Vereine bieten Sonderveranstaltungen zur Beobachtung des Venus-Durchgangs an, der gegen 7.20 Uhr beginnt und sechs Stunden andauert.

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