Gesundheit : Gen-Food: Kennzeichnung mangelhaft

Alexander S. Kekulé

Diesmal hat sich die Stiftung Warentest ganz besondere Leckerbissen auf den Labortisch serviert: Gesunde Müsli-Riegel, nahrhafte Soja-Drinks, pikante Tortilla-Chips, goldenes Toastbrot. Doch die geschmacklichen Qualitäten der 82 industriell hergestellten Lebensmittel werden in dem im August-Heft veröffentlichten Prüfungsbericht keiner Notiz gewürdigt, auch die sonst heiß umkämpften Noten von "Sehr Gut" bis "Mangelhaft" wurden nicht vergeben.

Stattdessen fahndeten die Warenprüfer nach Hinweisen auf künstlich verändertes Genmaterial - mit einem alarmierenden Ergebnis: 31 Proben, mehr als ein Drittel, enthielten gentechnisch veränderte Soja- oder Maissorten. Darunter waren auch Babynahrung und ausdrücklich als "ohne Gentechnik" deklarierte Produkte, selbst eine in Deutschland nicht zugelassene genmanipulierte Maissorte ("Roundup Ready") wurde nachgewiesen. Jetzt wird wieder heftig darüber gestritten, ob für deutsche Babys schädlich sein kann, was amerikanischen seit Jahren in die Fläschchen gemixt wird.

In der EU ist seit dem 10. April die Kennzeichnung gentechnisch veränderter Lebensmittel vorgeschrieben, sofern es sich nicht um "zufällige" oder "unbeabsichtigte" Beimengungen handelt. Da in den USA jedoch bereits 60 Prozent des angebauten Mais und Soja gentechnisch verändert sind, ist Gen-Food aus industriell hergestellten Lebensmitteln weltweit kaum noch herauszuhalten. Der Fall zeigt einmal mehr: Nationale Gesetze können keine Gentechnik-freien Zonen schaffen. Wenn die Präimplantations-Diagnostik in Deutschland verboten ist, erfüllen sich Eltern ihren Wunsch nach makellosen Kindern eben in England oder Belgien. Wenn die Bioethik-Konvention des Europarats das Klonen von Menschen, die Züchtung von Embryos zu Forschungszwecken und die Veränderung des Genoms menschlicher Nachkommen (Keimbahntherapie) untersagt, führen Pharmafirmen solche Experimente in ihren US-Labors durch.

Eine wirksame Kontrolle der Gentechnik erfordert internationale Vereinbarungen, die auf einem breiten ethischen Konsens beruhen. Für Wissenschaft zuständig ist die Unesco. Ihre Deklaration zum Schutz des menschlichen Genoms aus dem Jahre 1997 wird von den USA mal belächelt, mal angegriffen. Sie ist mehr oder minder machtlos. Ihr stehen weder Druckmittel noch Anreize für die Umsetzung ihrer Empfehlungen zur Verfügung.

Mit welchem politischen Instrument könnte die Gentechnik also sinnvoll gefördert und zugleich in ihren Auswüchsen - etwa der Anwendung für biologische Waffen - kontrolliert werden? Die pragmatische Antwort ist ein Äquivalent zur internationalen Atombehörde, der International Atomic Energy Agency in Wien: eine unabhängige, wissenschaftsbasierte Organisation, deren Mitgliedsstaaten eine gemeinsame Charta zum Schutz des genetischen Erbes des Menschheit akzeptieren. Nur wer die gemeinsamen Grundsätze akzeptiert und Kontrollen zulässt, bekommt Zugang zu den wissenschaftlichen Informationen.

Der Zeitpunkt ist günstig, da qualifizierte Gentechnik künftig unmöglich sein wird ohne Zugang zu den Genom- und Protein-Datenbanken des Menschen, von Tieren, Pflanzen und Krankheitserregern. Eine weitere Aufgabe der Gen-Behörde wäre die Festlegung von Sicherheitsstandards für Medikamente und Lebensmittel. Darüber hinaus könnte die zentrale Verwaltung der genetischen Datenbanken durch Vergabe abgestufter Urheberrechte die Probleme der Gen-Patente und der Ausbeutung der Gen-Ressourcen von Entwicklungsländern wesentlich entschärfen. Dies wäre eine wichtige Voraussetzung für einen internationalen ethischen Konsens, in den wegen der unvermeidlichen Ausbreitung der Gentechnik außer den heutigen Gen-Monopolisten USA, Europa und Japan auch Staaten mit anderen Kulturen und Religionen mit einbezogen werden müssten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar