Gesundheit : Gendiagnostik-Debatte: Nacktfoto an die Versicherung

Adelheid Müller-Lissner

Der Mitarbeiter einer Sparkasse wurde kürzlich verdächtigt, Urheber eines anonymen Briefs zu sein, in dem die Geschäftsleitung heftig kritisiert wurde. Nach einer "zwanglosen Sitzung" bei Kaffee und Kuchen konnte eine Speichelprobe von seiner Gabel gewonnen werden, die mit dem Speichel am fraglichen Briefumschlag vergleichen wurde. Raffiniert eingefädelt: Doch dass der "genetische Fingerabdruck" an beiden Objekten mit hoher Sicherheit übereinstimmte, ließ das Verwaltungsgericht als Kündigungsgrund nicht gelten. Reichen also unsere Gesetze, sind die Gerichte aufmerksam genug, den Missbrauch von Gendaten zu verhindern?

Wer so fragt, muss bedenken: Gendiagnostik ist weit mehr als DNS-Analyse von Speichelproben. Sie kann über das Risiko informieren, an unheilbaren Erbkrankheiten oder Krebs infolge von einzelnen veränderten Genen zu erkranken. Gentests sind zugleich in mancher Hinsicht anders als herkömmliche medizinische Tests. Sie machen meist Aussagen über eine "Anlage", also über eine - noch dazu höchst unsichere - Zukunft.

Zudem betreffen die Ergebnisse auch Eltern, Geschwister und Kinder des Getesteten. Und: Sie könnten seine Versicherung interessieren. Für die Enquête-Kommission "Recht und Ethik der modernen Medizin" des Deutschen Bundestages, die im Mai 2000 ihre Arbeit aufgenommen hat, Grund genug, zu einer öffentlichen Diskussionsveranstaltung zum brisanten Thema "Umgang mit genetischen Daten" einzuladen. Fünf der 13 Abgeordneten aus fünf Fraktionen, die ihr angehören, saßen auf dem Podium neben zwei der ebenfalls 13 Sachverständigen.

Edzard Schmidt-Jortzig (FDP), ehemaliger Bundesjustizminister, gab den liberalen Advocatus diaboli der neuen Möglichkeiten: Gentests vornehmen zu lassen, könne man dem Einzelnen kaum verbieten. "Wer es sich zutraut, auch ein erschütterndes Ergebnis zu ertragen, dem werden Sie es kaum abschlagen können." Wenn jemand dann zu seiner Versicherung gehe und unter Hinweis auf ein erfreuliches Ergebnis seines Genchecks einen günstigeren Tarif einfordere, so sei auch das kaum zu verhindern.

"Nichts ist der Selbstgestaltung weniger zugänglich als die genetische Ausstattung, mit der ich auf die Welt komme", gab dagegen die Grüne Monika Knoche zu bedenken. Und genetische Daten seien "ethisch und sittlich wie Nacktfotos zu werten" sekundierte aus dem Publikum Kommissions-Mitglied Wolfgang Wodarg (SPD). Fragt sich also, wie die Krankenkasse auf die nackten genetischen Fakten reagieren würde.

Die gesetzlichen Krankenkassen, bei denen 90 Prozent aller Bürger versichert sind, können keine Auswahl oder Einstufung vornehmen. Die privaten Anbieter setzen sich derzeit dafür ein, dass ein potenzieller Kunde zwar nicht zu Tests veranlasst wird, dass er jedoch schon vorhandene Ergebnisse auch nicht verschweigen darf, um nicht "gegen die Versichertengemeinschaft zu spekulieren".

Die Göttinger Politologin Kathrin Braun verwies dagegen auf die Regelungen in Österreich und der Schweiz, wo auch die Offenlegungspflicht vom Gesetzgeber abgelehnt wurde, und das bisher ohne negative Folgen für die Versicherungswirtschaft. "Wer sein Recht auf Wissen wahrnimmt, darf nicht schlechter gestellt sein", forderte auch Sabine Bergmann-Pohl (CDU). Aus ärztlicher Sicht gab sie zu bedenken, dass sonst vielleicht auch auf solches Wissen verzichtet würde, das für den Schutz der eigenen Gesundheit genutzt werden könnte.

Der Großteil aller genetischen Tests findet heute vorgeburtlich statt. "Lässigkeit bis Fahrlässigkeit" bei der Aufklärung der werdenden Eltern über die Pränataldiagnostik sieht Monika Knoche dabei am Werk. Kathrin Braun fragte, ob die Solidargemeinschaft die Untersuchungen bezahlen sollte, und auf die Fallstricke "anbietergesteuerter" Systeme, in denen Beratung und Test in der Hand des selben Arztes liegen, wiesen mehrere Redner hin.

Gerade vorgeburtliche Tests sind eng mit dem Thema Auslese verknüpft. Ilja Seifert (PDS) fragte provozierend: "Wollen wir, dass Menschen nicht mehr stattfinden, weil sie die Veranlagung für bestimmte Krankheiten haben?" Das Spannungsfeld innerhalb der Kommission ist beträchtlich, die Anschauungen halten sich nicht immer an Parteigrenzen. Zustimmungsfähig wirkte aber das Schlusswort der Kommissionsvorsitzenden Margot von Renesse (SPD): "Der wirkliche Ort der Ethik sind wir alle, und die Nagelprobe besteht für uns darin, ob wir mit Unvollkommenheiten leben können."

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