Gesundheit : Generation Couch: Ballspiel in der Bildschirmpause

Adelheid Müller-Lissner

"Noch heute tun mir die Arme weh, wenn ich nur an den Stützbarren denke." Solche Sätze hört Gudrun Doll-Tepper bisweilen, wenn sie mit älteren Politikern über den Schulsport spricht.

Doch trotz gewisser Image-Probleme ist Sport für die Leiterin des Instituts für Sportwissenschaft der Freien Universität Berlin (FU) und Präsidentin des Weltrats der Sportwissenschaftler ein einzigartiges Schulfach. Sport sei unaustauschbar und unverzichtbar. Nicht nur, wenn es um Fitness und Gesundheit geht, sondern auch wenn es sich um die Erziehung zu Fairness und Toleranz handelt.

Deshalb sollten sich Eltern, so meint Doll-Tepper, über ausfallende Sportstunden genauso beschweren wie über Unterrichtsausfall in Mathematik und Englisch. Zumal die Kinder - anders als die Erinnerungen der Älteren suggerieren - den Unterricht in der Halle und auf dem Sportplatz offensichtlich ganz gerne mögen.

Mit der Chipstüte vorm Fernseher

Und sie brauchen ihn. Das wurde auch auf einem Symposium deutlich, das das Krankenhaus Neukölln in Berlin erst kürzlich zu Ehren des langjährigen Oberarztes der Kinderklinik, Jörg Woweries, veranstaltete.

Eine Fragestellung auf der Tagung war, ob die Kinder auch bekommen, was sie brauchen. Verkümmert eine ganze Generation von Kindern und Jugendlichen mit der Chipstüte vor dem Bildschirm, sei es des Fernsehers oder des Computers? Wissenschaftliche Befunde deuten in diese Richtung: "Verhäuslichung", Bewegungsmangel und "erlebnisarme Umwelt" macht eine Studie des Wissenschaftlichen Instituts der Ärzte Deutschlands für Übergewicht, Koordinationsschwäche, Haltungsschäden und veränderte psychische Befindlichkeit von Schülern verantwortlich.

Der Orthopäde Holger Mellerowicz vom Oskar-Helene-Heim, Präsident des Sportärztebunds Berlin, berichtete, es sei auf Koordinationsmängel und ungenügendes Training zurückzuführen, wenn es inzwischen bei Ballspielen im Sportunterricht immer mehr Verletzungen und Unfälle gebe. Untersuchungen zeigen auch, dass in den letzten Jahren immer weniger Kinder bei den Bundesjugendspielen mit einer Siegerurkunde belohnt werden konnten.

"Mindestens eine halbe bis eine Stunde Sport und Bewegung braucht ein Kind pro Tag", sagt Mellerowicz. Statt dessen erreicht ein Schüler im Schnitt 153 Minuten Fernsehzeit. Ein Dorn im Auge sind dem engagierten Orthopäden, der in einer Interventionsstudie nun den Erfolg von zusätzlichem Sportförderunterricht in der Schule prüfen will, die allzu freizügig erteilten Freistellungen vom Schulsport: "Wir Ärzte müssen das sorgfältiger handhaben und die Kinder eher zum Sport hinführen, als sie davon wegzubringen."

Die Malaise des Schulsports ist offensichtlich ein internationales Problem: 30 Prozent der in den Lehrplänen vorgesehenen Sportstunden werden einer Untersuchung aus Manchester zufolge weltweit nicht erteilt. Der "Weltgipfel zum Schulsport" mahnte vor zwei Jahren in Berlin den Sportunterricht dabei sogar als "Menschenrecht für alle Kinder" an.

Im Alltag der Heranwachsenden, zumindest derer aus den Industrienationen, spielt die Bewegung nämlich eine immer geringere Rolle. Um ein Viertel sind allein die zu Fuß zurückgelegten Strecken der 15- bis 19jährigen Teenager zwischen 1985 und 1995 zurückgegangen. Dabei ist körperliche Aktivität nicht nur der größte Wachstumsreiz, sondern neueren Erkenntnissen zufolge auch für das Gehirn nicht ganz ohne: "Der Bewegungsdrang des Kindes", sagte Wildor Hollmann von der Sporthochschule Köln, "dient zur Erhaltung der bei der Geburt angelegten Nervenzellen durch Bildung von neuen Verbindungen."

Sport schärft die Sinne

Dass Sport auch die Sinne schärft, versuchte Dietrich Kurz von der Fakultät für Psychologie und Sportwissenschaft der Universität Bielefeld zu belegen. Für das Training von Auge und Ohr der Kinder ist heute multimedial bestens gesorgt, so sollte man meinen. Doch wer Bäume nicht vom Klettern kennt, nimmt auch am Bildschirm-Baum weniger wahr: "Die Reichhaltigkeit unserer Welt wird größer oder kleiner nach dem Maß unserer Bewegungserfahrung."

Auch wenn Kinder "Bewegungserfahrung" eigentlich vorwiegend beim Spielen und in ihrer Freizeit machen sollten: Schulsport ist wichtig, denn "die Schule ist der einzige Ort, an dem sie alle erreicht werden", wie Gudrun Doll-Tepper sagte.

Die Politik ist für diese Argumente offenbar nicht ganz taub: Immerhin hat das Berliner Abgeordnetenhaus vor wenigen Tagen beschlossen, sich des Schulsports in Zukunft intensiver anzunehmen. Und auch der amtierende Bundespräsident scheint nicht von allzu schlechten Erinnerungen an Stufenbarren und Aschenbahnen gequält zu werden, forderte er doch erst kürzlich: "Wer sagt: Schulen ans Netz, der muss auch sagen: Schüler auf den Sportplatz oder in die Halle oder ins Schwimmbad!"

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