Gesundheit : Genforschung: "Man muss die ärztliche Verpflichtung anerkennen"

Helmut Caspar

Oliver Brüstle von der Uni Bonn will an menschlichen embryonalen Stammzellen aus Israel forschen.

Was halten Sie von der aktuellen Diskussion um Stammzellen und Biomedizin?

Die Diskussion an sich halte ich für richtig. Was ich nicht gut heißen kann, ist, die Diskussion endlos in die Länge zu ziehen.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik Ist es denn nicht sinnvoll, die Diskussion in Ruhe zu führen?

Die Diskussion ist ja nicht neu. Seit mehr als anderthalb Jahren wird intensiv über dieses Thema diskutiert.

Wie sehen Sie die Rolle der Deutschen Forschungsgemeinschaft?

Die DFG hat nach mehreren Monaten eine Stellungnahme erarbeitet, die vom Senat einstimmig verabschiedet worden ist. Und in diesem Senat sitzen nicht nur Naturwissenschaftler und Ärzte, sondern auch Juristen, Theologen und Ethiker. Dieses klare Bekenntnis für die Stammzellforschung ist ein wichtiges Signal.

Und die Öffentlichkeit?

Die öffentliche Debatte ist wichtig und muss fortgesetzt werden. Aber auch nach jeder noch so langen Diskussion muss eine Entscheidung fallen. Wenn wir jetzt noch einmal ein halbes Jahr diskutieren, dann ist die Diskussion irgendwann hinfällig. Dann sind die wesentlichen Arbeiten von Gruppen im Ausland gemacht. Letzten Endes werden wir die erhofften Therapien reimportieren. Interessierte Forscher, aber auch interessierte Unternehmen werden dann anderswo die Arbeit tun.

Überlegen Sie sich, dann wieder nach Amerika zurückgehen?

Ja, das sind so Gedanken, die man immer mal wieder hat.

Sind sie eher pessimistisch?

Ich bin sehr optimistisch, dass das Potenzial der Zellen erkannt wird und letzten Endes eine vernünftige Entscheidung getroffen wird.

Hoffen Sie denn auf die Unterstützung des Bundeskanzlers?

Es ist für uns ein wichtigtes Signal, wenn von Bundeskanzler Schröder, aber auch von Ministerpräsident Clement eine öffentliche Erklärung kommt, die den Wert der Stammzellforschung unterstreicht.

Aber ist es klug, wenn der nordrhein-westfälische Ministerpräsident nach Israel reist, bevor die Diskussion beendet ist und dann dort sagt: Wir wollen Eure Stammzellen haben?

Das war ein zufälliges Zusammentreffen. Es ist in Israel noch nichts entschieden worden. Aber angenommen, das Treffen hätte zwei, drei Wochen später stattgefunden, dann wäre die Diskussion genauso wenig entschieden.

Heute trifft der nationale Ethikrat zu seiner ersten Sitzung zusammen. Könnte das die Diskussion nicht voranbringen?

Dass der nationale Ethikrat jetzt Patentlösungen bietet, halte ich für eine Utopie. Sicher ist dieses Gremium mit hochqualifizierten Persönlichkeiten besetzt; jedoch gleichzeitig so pluralistisch, dass ich eine Konsensbildung auf der anderen Seite für sehr schwierig halte.

Irgendwann muss die DFG über Ihren Antrag auf Förderung von Stammzellforschung entscheiden. Wie sind die Perspektiven?

Es geht ja nicht um unseren Antrag allein, sondern um die Zukunft der Stammzellforschung schlechthin. Wir hoffen, dass sich mehr Leute fachlich zu dem Thema äußern. Dabei sollte es auch um das therapeutische und medizinische Potenzial der Stammzellforschung gehen. Natürlich gibt es ein ethisches Problem bei der Gewinnung der Stammzellen. Selbst wenn man nur eine Zelllinie herstellt, ist das eine Grundsatzfrage. Aber man muss auf der anderen Seite auch die ärztliche Verpflichtung anerkennen, nach neuen Therapien zu suchen.

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