Gesundheit : Genforschung: Spiel mir das Lied vom Gen

Bas Kast

Die Suche nach der Unsterblichkeit - ein alter Menschheitstraum. Endlich, so scheint es, sind Forscher fündig geworden. Einige zerbrechen sich bereits den Kopf über die Folgen: Was tun, wenn alle 120 werden? Wollen wir das überhaupt? Überbevölkerung, chronische Langeweile, Erbschaften, auf die man ewig warten muss - unter die Sehnsucht nach Unsterblichkeit mischt sich Sorge.

Noch gibt es dazu keinen Anlass. Die Unsterblichkeit steht nicht bevor. Allerdings haben Forscher Bemerkenswertes entdeckt. Sie haben eine Erbgutstelle, die zu einem langen Leben beitragen könnten, eingekreist. Die Region liegt auf dem Chromosom 4 und umfasst zahlreiche Gene.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik "Die meisten Forscher würden behaupten, dass Langlebigkeit eine zu komplexe Eigenschaft ist, als dass sie von einigen wenigen Genen abhängen könnte", sagt Studienleiter Louis Kunkel von der Harvard Medical School in Boston im US-Staat Massachusetts. Doch Studien an einfachen Organismen, wie Fruchtfliege oder Fadenwurm, zeigten, dass man nur ein paar Gene ändern muss, um das Leben der untersuchten Tiere zu verlängern. "Also hatte ich das Gefühl, dass es auch beim Menschen nur wenige Gene sind, vielleicht vier bis sechs, die die Lebensspanne verlängern können."

Wie kommt man Genen, die uns einen späten Tod bescheren, auf die Schliche? Kunkel und sein Kollege Thomas Perls vom Beth Israel Deaconess Medical Center in Boston untersuchten dazu das Erbgut von 137 Geschwistern, die es zu einem besonders hohen Alter gebracht haben. In die Studie einbezogen wurden Geschwister, bei denen ein Teil 98 oder noch älter war; die anderen Geschwister waren mindestens 90 Jahre alt.

Als Nächstes machten sich die Forscher auf die Suche nach Gemeinsamkeiten im Erbgut dieser Geschwister. Dabei mussten die Gemeinsamkeiten freilich über die Gen-Ähnlichkeiten hinausgehen, die man aufgrund der Verwandtschaft ohnehin erwarten würde.

Die Forscher wurden fündig - in einer Region auf Chromosom 4. "Wir können mit 95-prozentiger Sicherheit davon ausgehen, dass die Gemeinsamkeiten in dieser Region nicht bloß auf Zufall zurückzuführen sind", sagt Kunkel. Offenbar also lässt sich Langlebigkeit in unserem Erbgut tatsächlich lokalisieren. Trotzdem hat man das "Unsterblichkeits-Gen" noch lange nicht gefunden. "Es gibt vielleicht 500 Gene in dieser Region", sagt Kunkel - wie viele davon an Alterungsprozessen beteiligt sind und welche, ist noch unbekannt. Außerdem ließ sich die Gemeinsamkeit in der Region auf Chromosom 4 bei manchen der betagten Geschwistern nicht feststellen. Vermutlich gibt es also noch andere Genabschnitte, die an der Langlebigkeit beteiligt sind.

Auch wenn man diese finden sollte, ist es damit nicht getan. Denn selbstverständlich verdanken wir Langlebigkeit nicht nur unseren Genen - zahlreiche Umwelteinflüsse spielen eine Rolle, Ernährung, Lebensumstände. Die Umwelteinflüsse treten wiederum in komplexe Wechselwirkungen mit unserem Erbgut.

So konnte die Genetikerin Trudy Mackay von der North Carolina State University in Raleigh zeigen, dass Fliegen unterschiedlich lang leben je nach ihrer Ernährung, der Temperatur, in der sie aufwachsen, und der Genetik. Es zeigte sich, dass Fliegen mit bestimmten Genprofilen bei bestimmter Ernährung und Temperatur länger als durchschnittlich lebten, während sie unter anderen Umweltbedingungen besonders schnell starben. Auch das Geschlecht spielt offenbar eine Rolle: Weibchen lebten länger, wenn man sie in ihrer Jugend eine Zeitlang Hitze ausgesetzt hatte - bei den Männchen blieb dieser Effekt aus. Was wie ferne Grundlagenwissenschaft erscheint, verdeutlicht die prinzipielle Komplexität des Alterns. Eine Genetik der Langlebigkeit gibt es offenbar nur in Zusammenhang mit ganz bestimmten Umweltbedingungen.

Die Herstellung einer "Unsterblichkeitspille" wäre noch komplizierter: Entschlüsselung der Gene heißt noch lange nicht, dass man diese Gene auch verändern kann. Die "Gentherapie" zumindest steckt derzeit allenfalls noch in den Kinderschuhen.

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