Gesundheit : Genial normal

Hoch begabte Kinder gelten als Außenseiter. Was aber steckt hinter dem Mythos vom einsamen Superhirn?

Bas Kast

Hochbegabung hat Konjunktur. Nehmen wir zum Beispiel Hannover. Dort gibt es inzwischen einen Kindergarten für Superhirne. Er verfügt nicht nur über ein Fotolabor; für die kleinen Einsteins im Sandkasten stehen auch Englisch- und Philosophiekurse im Angebot. „Uns geht es darum, präventiv etwas zu tun, damit hoch begabte Kinder nicht zu Außenseitern werden“, sagt die Leiterin Christa Hartmann.

Prävention, Außenseiter – begabt sein gilt ja nach wie vor als etwas Schönes, Wünschenswertes, aber hoch begabt? Mal sehen, was uns dazu einfällt: verschrobene Persönlichkeit, brillant aber eigenbrötlerisch, isoliert, unsportlich mit dicker Brille ... „Geht man nach dem öffentlichen Bild, könnte man den Eindruck bekommen, bei der Hochbegabung handle es sich eher um eine Krankheit als um einen Segen“, sagt der Psychologe Detlef H. Rost von der Universität Marburg.

Aber ist nicht doch etwas dran an dem Klischee? Rost hat die Probe aufs Exempel gemacht und sich die kleinen Großhirne einmal genauer angesehen: Der Marburger Psychologe führt die einzige streng kontrollierte Langzeitstudie an Hochbegabten in Deutschland durch.

Seelisch stabiler

Bereits die ersten Ergebnisse offenbarten Erstaunliches. Ganz entgegen dem Vorurteil vom unangepassten, einsamen Genie, waren die klugen Kinder alles andere als Problemfälle. Im Gegenteil, wenn es, abgesehen von ihrer Intelligenz, etwas gab, das sie von ihren Mitschülern unterschied, dann dieses: „Die Kinder mit einem extrem hohen IQ waren oft seelisch stabiler und etwas weniger ängstlich als andere“, sagt Rost. Ihre Eltern und Lehrer bescheinigten ihnen ein gutes Sozialverhalten. „Im Grundschulalter wurden sie zum Beispiel häufiger zu Geburtstagspartys eingeladen.“

Im Jahr 1987 testete der Wissenschaftler 7000 Drittklässler auf ihr abstraktes Denkvermögen. Bei 151 der achtjährigen Kinder stellte er einen IQ von über 130 fest – der Wert, ab dem die Fachleute von „Hochbegabung“ sprechen. Rost sprach mit den Jungtalenten, führte Interviews mit den Eltern und Lehrern. Dann verglich er die Genies mit einer Gruppe von ganz normalen Gleichaltrigen. Bis heute hält er mit beiden Gruppen Kontakt. Inzwischen sind seine „Versuchskaninchen“ 25 Jahre alt, die meisten studieren.

„Auch in der Pubertät fielen die Hochbegabten nicht durch besonders aggressives oder schwieriges Verhalten auf“, sagt Rost. Zwar hatten manche von ihnen tatsächlich weniger Freunde als ihre Mitschüler – doch nicht, weil es bei ihnen an sozialen Fähigkeiten haperte, sondern weil sie anspruchsvoller bei der Wahl ihrer Kontakte waren. Sie litten auch nicht unter Vereinsamung, sondern alle hatten, wie sie sagten, einen guten Freund. „Heute, als Studenten, sind die Unterschiede weiterhin minimal“, sagt Rost. „Das einzige ist vielleicht, dass die Hochbegabten schneller ihr Vordiplom erreichen.“

Fazit: Ungewöhnlich Begabte sind gewöhnlicher als wir uns das gemeinhin vorstellen. Doch wenn das wirklich so ist, woher kommt dann das Klischee vom exzellenten Exzentriker, der stört, rebelliert und partout nicht mit dem Durchschnitt um sich herum klarkommt?

Das hat zwei Gründe. Erstens: Es gibt sie natürlich, die schillernden Genies. Sie sind zwar extrem selten, dafür treten sie umso auffallender in Erscheinung.

Wie Mark Ehrenfried. Schon als Baby war Mark anstrengend, ließ sich aber mit Musik von Mozart beruhigen. Im Alter zwischen zwei und drei besuchte „der kleine Beethoven“ („Bunte“) eine Schule für musikalische Früherziehung. Als er mit acht Jahren im Berliner Meistersaal Bach, Schumann und Mendelsohn-Bartholdy spielte, war das Konzert komplett ausverkauft. Heute, zwölfjährig, hat Mark eine eigene Homepage (www.markehrenfried.de), auf der man Tourdaten abrufen und Autogramme bestellen kann.

Marks IQ liegt über 120. Für seine Leistungen wird der Junge allgemein bewundert - nur unter Gleichaltrigen ist er eher unbeliebt. Von seinen Mitschülern wurde er dermaßen gehänselt, dass er die Schule wechseln musste: „Die in der Klasse haben mich immer verprügelt und einmal eine Murmel ins Auge geworfen, so dass der Sehnerv entzündet war.“

Wie das alles passt! Das Wunderkind, das schon als Baby die Nerven seiner Eltern strapaziert und als Kind zum Außenseiter wird. Andererseits: Es soll auch ganz normale Babys geben, die ihre Eltern strapazieren. Und nicht nur Musikgenies werden gelegentlich von ihren Mitschülern vermöbelt.

Dennoch, das Bild vom schwierigen Überflieger ist mittlerweile so stark in der Öffentlichkeit verankert, dass es bereits zu einem eigentümlichen Umkehrschluss kommt, wie Rost feststellt. „Viele glauben inzwischen: Wenn ein Kind Probleme hat, dann muss es wohl hoch begabt sein.“

In Marburg leitet der Psychologe eine Beratungsstelle namens „Brain“, wo sich Eltern melden können, die bei ihren Sprösslingen auf einen außergewöhnlichen IQ tippen, weil sie sich beispielsweise nicht auf Hausaufgaben konzentrieren können. Das Telefon der Beraterzentrale klingelt fast ununterbrochen – in zwei Dritteln der Fälle jedoch ergeben Tests, dass die vermeintlichen Genies mit einer durchschnittlichen oder ganz guten, nicht aber einer extrem hohen Begabung gesegnet sind. Manchmal sind sie hyperaktiv, was jedoch, wie der Psychologe sagt, „in keinem Zusammenhang“ mit Hyperintelligenz stehe.

Problem Langeweile

Zur Hochbegabtenhysterie, glaubt der Experte Rost, tragen nicht zuletzt Selbsthilfegruppen, in denen sich Eltern genialer Kinder zusammenschließen, ihr Scherflein bei. „Sie verbreiten das Bild des begabten Problemkindes.“ Nicht unbedingt mutwillig: Sie haben dieses Problemkind am eigenen Leib erfahren. „In diesen Gruppen aber sind die Problemfälle natürlich drastisch überrepräsentiert.“ Eltern, die mit ihrem begnadeten Kind keinerlei Probleme haben, brauchen schließlich keine Selbsthilfegruppe.

In einem Punkt jedoch trifft das Klischee, wie Studien zeigen, einen wahren Kern: Kinder, bei denen das Hirn auf Hochtouren läuft, langweilen sich öfters, wenn sie nicht genügend geistiges Futter bekommen. Das geht Normalbegabten ebenso, bei Hochbegabten ist dieser Punkt nur schneller erreicht. „Das Beste ist dann, ihnen ein Extra anzubieten“, sagt Rost. Zum Beispiel Stoff, der im Unterricht normalerweise nicht vorkommt. Das kleine Mathegenie etwa könnte in die Astronomie eingeführt werden – so langweilt es sich nicht und eilt der Klasse nicht voraus.

Und was ist mit den Spezialkindergärten und -schulen? Auf sie, findet der Psychologe Rost, können wir in den meisten Fällen getrost verzichten: „Es ist doch viel wichtiger, dass hoch begabte Kinder nicht nur unter sich sind, sondern lernen, mit allen umzugehen.“ Auch später im Leben werden die Genies schließlich nicht ausschließlich mit ihresgleichen, sondern mit uns Normalsterblichen auskommen müssen.

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