Gesundheit : Genie der Gene

Hartmut Wewetzer

Eric Lander ist ein Riese mit breitem Kreuz, roten Locken und Schnurrbart. Ein Mann, der zupacken kann, der Begeisterung ausstrahlt. Kein Bleichgesicht aus dem Labor. Möchte man meinen.

Doch Lander ist neben Craig Venter und Francis Collins der dritte große Name der Genom-Forschung - das energiegeladene Zugpferd der modernen Biologie.

Beim Reden gestikuliert er ununterbrochen, geht auf und ab, hier und da streut er einen Scherz in seinen Vortrag, um im nächsten Moment den Blick prüfend ins Publikum zu werfen und wieder in die Tiefen der Forschung zu tauchen. Am vergangenen Mittwoch sprach Lander im Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin in Berlin-Buch. Anlass war die Verleihung der Delbrück-Medaille der Schering-Forschungsgesellschaft. Sein Thema: "Das menschliche Genom und was danach kommt." Seine These: "Jetzt beginnt die Arbeit erst richtig." Vor allem geht es Lander um neue Arzneien.

Die Entzifferung des menschlichen Erbguts liegt weitgehend hinter uns. Im Februar veröffentlichten die Fachjournale "Nature" und "Science" die Ergebnisse des öffentlich geförderten Humanen Genom-Projekts und des privaten Konkurrenten Celera. Lander war erster Autor des 62 Seiten umfassenden Hauptartikels in "Nature". Der Beitrag hatte so viele Wörter wie unser Erbgut Gene, bemerkt Lander, der gelernte Mathematiker: nämlich gut 30 000.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik 2003 wollen die Experten letzte Hand an das Genom legen und eine endgültige Fassung veröffentlichen - "frei zugänglich für jedermann", sagte Lander. "Schließlich ist es das Eigentum der ganzen Menschheit."

Lander hat das Genom-Zentrum am Whitehead-Institut aufgebaut, dem biomedizinischen Zweig des Massachusetts Institute of Technology in Boston. Ein umgebautes Speicherhaus für Bier und Popcorn ist Landers Zentrale. Hier stehen Dutzende von Sequenzierautomaten, die jeden Tag 65 Millionen DNS-Buchstaben entziffern können. Eine gewaltige Datenfabrik, unter Dampf gehalten von Nachwuchswissenschaftlern.

An der Entschlüsselungsarbeit des öffentlich geförderten Genom-Projekts hat das Whitehead-Institut mit 1,2 Milliarden des insgesamt drei Milliarden Buchstaben umfassenden Erbguts den größten Anteil.

Ich bin zweieinhalb Taufliegen

Lander blickt nach vorne: Was macht uns, genetisch gesprochen, eigentlich zu Menschen? Die Zahl der Gene reicht als Erklärung nicht aus, denn der Mensch hat etwa 32 000, der Fadenwurm C. elegans aber schon 19 000 und die Taufliege Drosophila 13 000. Aber der Mensch ist ohne Zweifel komplexer als das addierte Erbgut von zweieinhalb Taufliegen.

Landers Erklärung: Mit einem speziellen Trick machen wir mehr aus unseren Genen. "Alternatives Spleißen" nennt sich die Methode. Besser als andere Lebewesen ist die menschliche Zelle dazu im Stande, aus der Information eines einzigen Gens mehrere Proteine herzustellen.

98,5 Prozent unseres Erbguts enthalten keine genetische Information. Und über die Hälfte besteht aus immer wiederkehrenden Abschnitten. Das Genom ist also zu einem wesentlichen Teil Gestotter. Der Vergleich mit dem Erbgut anderer Tiere - am Whitehead-Institut entziffert man das Maus-Genom - wird es erlauben, der Bedeutung dieser "Müll-DNS" auf die Spur zu kommen.

Von Mensch zu Mensch sind wir ziemlich gleich. Nur jeder 1300. Buchstabe im Genom unterscheidet sich. Diese minimalen Abweichungen (SNPs genannt) sind vermutlich der Schlüssel zu der unterschiedlichen Anfälligkeit für Krankheiten und damit für gezielte Therapien.

Ein internationales SNP-Projekt hat auf der Karte der genetischen Unterschiede bereits 2,1 Millionen Einzelbuchstaben-Abweichungen markiert, sagte Lander. Genetische Variationen sind nicht zufällig über das Erbgut verstreut, sondern werden en bloc in größeren Abschnitten vererbt.

Das Leben auf dem Biochip

"Gen-Expression" heißt das Zauberwort der Branche. Gemeint sind neue Verfahren, mit denen jene Gene ermittelt werden können, die in einer Zelle auch tatsächlich aktiv sind ("Gen-Chips"). Das ermöglicht es, Krankheiten genetisch zu durchleuchten und gezielt Medikamente zu entwickeln. Die ersten Schritte dazu sind getan, wie Lander am Beispiel von Blutkrebs erläuterte.

Es ist kein Zufall, dass Lander Mitbegründer US-Firma Millennium Pharmaceuticals in Cambridge ist. Das Biotech-Unternehmen entwickelt Medikamente, die auf dem Wissen über das Genom basieren. Der Forscher hat auch Anteile an einer anderen florierenden Firma, dem kalifornischen Gen-Chip-Spezialisten Affymetrix aus Santa Clara.

Lander ist als Geschäftsmann so erfolgreich wie als Forscher. In den USA sind die Verbindungen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft eng - zu eng, wie manche meinen. Wie auch immer: Finanziell gesehen könnte Lander sich wohl zur Ruhe setzen. Aber es gibt einfach noch zu viel zu tun.

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