Gesundheit : Genies der Unwissenheit

Bas Kast

Wie wird man Nobelpreisträger? Das Patentrezept dazu können auch Nobelpreisträger nicht geben, aus einem einfachen Grund: Ein solches Rezept gibt es nicht. Aber sie können uns sagen, wie es im Innern eines Nobelpreisträgers aussieht. "Die innere Begeisterung ist ganz wichtig", sagt Günter Blobel, der 1999 den Preis für Medizin bekam. "Es wird immer wieder Phasen geben, in denen Sie zweifeln werden. Aber es kommt darauf an, dass Sie die Schlappen, die kommen werden, meistern."

Blobel spricht in Berlin, in der Charité. Im modernen Hörsaal auf dem Campus des Virchow-Klinikums hätten sich am Freitag eigentlich Schüler und Studenten versammeln sollen, um fünf Medizin-Nobelpreisträger nach praktischem Rat zu fragen. Aber Schüler sind kaum gekommen. Und auch einer der Top-Wissenschaftler fehlt: Stanley Prusinger, der die Hypothese aufgestellt hat, dass der Übeltäter von BSE nicht etwa ein Virus oder Bakterium ist, sondern ein Eiweiß, "Prion" genannt.

Trotzdem wird es spannend. "Wenn man jung ist", macht Joshua Lederberg den Studenten Mut, "hat man einen entscheidenden Vorteil: Nicht-Wissen." Gerade in der Jugend stoße man immer wieder auf Dinge, die keinen Sinn haben. "Dafür sollte man aber nicht immer sich selbst, sondern auch mal den Theorien die Schuld geben - vielleicht sind sie es, mit denen etwas nicht stimmt?" Der Genetiker Lederberg bekam den Nobelpreis 1958, als 33-Jähriger.

Auch Manfred Eigen ist mit von der Partie. Eigen bekam den Preis für Arbeiten, die er schon Anfang der 50er Jahre gemacht hatte. Damals entwickelte er Messmethoden für chemische Reaktionen, die innerhalb von Millionstel Sekunden ablaufen. Zu der Zeit ist Eigen, der Sohn eines klassischen Musikers, Mitte Zwanzig. "Ich hoffe", sagt er, "ich hatte auch danach noch ein paar gute Ideen."

"Es gibt Wissenschaftler, die technisch sehr gut sind, wie gute Köche", sagt schließlich Peter Doherty, australischer Immunologe. "Aber wirklich etwas Neues denken - das ist die treibende Kraft für erfolgreiche Forscher. Etwas sehen, was zuvor nie jemand gesehen hat."

Auffallend ist die Überzeugung der Spitzenforscher, wie wenig wir letztlich wissen. "Es gibt 30 000 Gene", sagt Doherty, "oder?", fügt er sofort hinzu und sieht Experte Lederberg an. Dieser nickt zustimmend. "Und von rund 30 000 Genen wissen wir nicht, was sie tun." Auch Blobel sagt, die Entschlüsselung unseres Erbguts sei nicht "der Anfang vom Ende, sondern erst das Ende vom Anfang".

Ob man sich denn nach einem Nobelpreis als Genie fühlt, fragt einer im Saal. Die Wissenschaftsstars winken kokettierend ab. "Nein", sagt Lederberg lächelnd, "dafür - um wirklich daran glauben zu können - habe ich schon zu viele Nobelpreisträger kennen gelernt."

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