Gesundheit : Genmanipulation: Therapeutisch Klonen - weil Menschen leiden (Gastkommentar)

Alexander S. Kekulé

Der einzige Experte, der zum therapeutischen Klonen eine klare Meinung ohne Wenn und Aber hat, sitzt offenbar im Vatikan: Papst Johannes Paul II. ist dagegen, war immer dagegen und wird bis zum jüngsten Tag dagegen sein. Dass der Mensch nicht Gott spielen darf, sollten Noahs Nachfahren doch spätestens seit dem Turmbau zu Babel gelernt haben.

Betroffene, wie der seit einem Reitunfall querschnittsgelähmte Schauspieler Christopher Reeve ("Superman"), sehen das anders. Die Klon-Befürworter versprechen ihnen vollkommen neue Heilungsmethoden, etwa durch künstlich gezüchtete Nervenzellen. Dazu müsse man zwar auch klonen, dies habe aber mit Frankenstein-Medizin nichts zu tun. Zumindest die babylonische Sprachverwirrung um den Begriff des "Klonens" scheint dem Pontifex Recht zu geben.

Tatsächlich aber hat das in Großbritannien künftig erlaubte "therapeutische Klonen" mit Eugenik und Menschenzüchtung nur methodische Berührungspunkte. Eine weibliche Eizelle wird im Labor künstlich befruchtet und fängt an, sich zu teilen. Der nach fünf bis sieben Tagen entstandene Klumpen aus etwa 100 Zellen wird zerkleinert, und aus seinem Inneren werden die so genannten "Stammzellen" gewonnen. Aus ihnen hoffen die Wissenschaftler, eines Tages künstliche Gewebe und Organe züchten zu können, mit denen sich Krankheiten wie Diabetes, Alzheimer und Parkinson heilen lassen.

In Großbritannien wird es künftig auch erlaubt sein, die Eizelle mit Erbmaterial einer erwachsenen Körperzelle - beim Klonschaf Dolly stammte sie aus dem Euter - zu verschmelzen. So gezüchtete Gewebe und Organe werden vom Spender der Körperzelle nicht abgestoßen, da sie sein eigenes Genmaterial enthalten.

Die ethische Kontroverse entzündet sich an dem einzigartigen Potenzial der im Labor erzeugten "Zellhaufen": Würde man sie in die Gebärmutter der Spenderin der Eizelle zurückverpflanzen, käme nach neun Monaten ein Mensch zur Welt. Und der ist von der ersten Zellteilung an durch das Grundgesetz geschützt.

Das deutsche Embryonenschutzgesetz definiert daher bereits die befruchtete Eizelle als "Embryo". Und wissenschaftliche Experimente mit dem Embryo sind verboten. In den USA, Japan und Großbritannien dagegen sind sie bis zum 14. Tag nach der Befruchtung erlaubt. Da erhebt sich die Frage: Ist deshalb die Menschenwürde im Geltungsbereich des Grundgesetzes besser geschützt?

Keineswegs. Bei der seit Jahrzehnten allgemein akzeptierten In-vitro-Fertilisation (IVF) landen jährlich Tausende überschüssiger Embryos im Labormüll oder werden zur eventuellen späteren Verwendung tiefgefroren.

Während diese Rest-Menschen für die Forschung tabu sind, dürfen ab der neunten Schwangerschaftswoche abgetriebene oder abgegangene Feten zu wissenschaftlichen Zwecken verwendet werden: Die Gegner des therapeutischen Klonens kämpfen um virtuelle Verteidigungslinien, die der medizinische Alltag längst überrollt hat.

Statt mit einer unaufrichtigen Halblösung die Grauzone zwischen der noch erlaubten und der verbotenen Forschung zu verbreitern, sollte der Gesetzgeber besser dem britischen Beispiel folgen und das therapeutische Klonen unter strengen Auflagen zulassen. Stammzellen, die mit diesem Verfahren gewonnen werden, werden aller Voraussicht nach einer der wichtigsten Rohstoffe der Medizin des 21. Jahrhunderts sein.

Ob die von Kritikern angeführten Ersatzmethoden, wie die Gewinnung von Stammzellen aus erwachsenem Gewebe, jemals zum Erfolg führen, ist dagegen noch völlig ungewiss.

Umso klarer muss das Verbot von reproduktivem Klonen sein, bei dem das Erbmaterial menschlicher Nachkommen verändert wird. Dringender Regelungsbedarf besteht auch bei den Spenderinnen für die Eizellen: Bei der Herstellung von Stammzellen wird jeweils mindestens ein Dutzend Eier benötigt. Da diese jedoch, nach wochenlanger Hormonbehandlung, operativ aus den Eierstöcken entnommen werden müssen, sind sie bereits heute für die In-vitro-Fertilisation Mangelware.

Ohne klare Regelungen wäre möglicherweise für Supermänner in Not die Versuchung allzu groß, die begehrten Eier einfach aus Entwicklungsländern einfliegen zu lassen.

Der Autor ist Technologieberater und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie an der Universität Halle.

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