Gesundheit : Genomforschung: "Eine Flut neuer Arzneien"

Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms i

André Rosenthal ist Geschäftsführer der Berliner Biotechnik-Firma Metagen und Leiter der Abteilung Genomanalyse am Institut für Molekulare Biotechnologie in Jena. Rosenthal war entscheidend an der Entschlüsselung des Chromosoms 21 beteiligt. Er diskutiert am heutigen Donnerstag aus Anlass der Vergabe des Georg-von-Holtzbrinck-Preises für Wissenschaftsjournalismus in Berlin mit dem Tübinger Theologen Dietmar Mieth über Chancen und Risiken der Genom-Entzifferung.

Die Entschlüsselung des menschlichen Genoms im Sommer hat mächtigen Wirbel hervorgerufen. Hat Sie das als Forscher überrascht, nachdem es jahrelang so still um die Erbgut-Entschlüssler war?

Dieser Wirbel ist doch völlig verständlich, schließlich wurde der genetische Bauplan des Menschen bekanntgegeben. Die Resultate werden großen Einfluss auf Biologie, Medizin und Gesellschaft haben, das merken auch viele Menschen, die nichts mit Forschung zu tun haben. Und die Erkenntnisse werden noch größere Auswirkungen haben, als viele im Sommer angenommen haben.

Welche Chancen und Risiken sehen Sie?

Ich sehe vor allem ein großes Potenzial, das uns aus den Erkenntnissen der Genomforschung erwächst. Es wird völlig neue Arzneimittel gegen Herz-Kreislauf-Krankheiten und Krebs geben. In fünf bis zehn Jahren werden wir die ersten Früchte ernten, es wird eine Flut von Arzneimitteln geben. Zurzeit haben wir Arzneien, die an 400 bis 500 Stellen im Körper ansetzen - das wird sich verzehnfachen. Und wir werden in Zukunft Zehntausende von Genen mit einem einzigen Test messen können, mit Hilfe der DNS-Chips. Auch die Vorbeugung wird dann eine viel größere Bedeutung bekommen, weil wir den Leuten sagen können, welche genetischen Risiken sie haben und wie sie sich verhalten sollten, um gesund zu bleiben.

Besteht nicht die Gefahr des Missbrauchs von Gen-Daten?

Das Wissen um die Gene sollte in der Hand des Individuums bleiben. Weder Arbeitgeber noch Versicherungen sollten Zugriff haben. Es gibt aber Ausnahmefälle, die monogene, durch ein einzelnes Erbmerkmal verursachte Krankheiten betreffen. Wenn zum Beispiel jemand einen Gen-Test macht und sich herausstellt, dass er das Gen für die Huntington-Krankheit (Anm. d. Red.: ein tödliches Erbleiden, das erst in höherem Lebensalter ausbricht) in sich trägt, und wenn er dann mit diesem Wissen eine Lebensversicherung abschließt, ohne die Versicherung über den Test zu informieren, dann ist das Betrug. Aber das sind Ausnahmefälle für Lebensversicherungen, die mit der Krankenversicherung nichts zu tun haben.

Wird die Zahl der Gen-Diagnosen im Mutterleib nicht erheblich zunehmen, wenn es entsprechende Tests geben wird?

Schon heute ist ja die Abtreibung in jenen Fällen erlaubt, in denen beim Embryo eine schwere Erbkrankheit nachgewiesen wird, zum Beispiel das Lungenleiden Mukoviszidose, die Huntington-Krankheit oder das Down-Syndrom. Bald wird man mehrere tausend Erbkrankheiten vor der Geburt feststellen können. Das könnte eine Welle der vorgeburtlichen Diagnostik zur Folge haben. Ich sehe die Gefahr schleichender Eugenik.

Der Nachwuchs soll genetisch makellos sein?

Die entscheidende Frage ist: in welchen Fällen erlaubt man den Abbruch? Fragen Sie doch mal einen 22-jährigen mit Mukoviszidose, der vielleicht noch fünf oder sieben Jahre zu leben hat, ob er sein Leben lieber nicht gelebt hätte! Ich kann ja nachvollziehen, dass die Mutter eines Kindes mit Mukoviszidose gern ein zweites Kind haben möchte, das gesund sein soll. Aber man darf sie auch nicht zu einem Test zwingen, es gibt auch ein Recht auf Nichtwissen.

Sehen Sie denn die Gefahr, dass die Gesellschaft einen solchen Zwang ausübt?

Natürlich gibt es Vorurteile, und es wird ein unmerklicher Druck ausgeübt. Die Kosten der medizinischen Betreuung sind bei manchen vererbten Krankheiten ja enorm groß. Das fördert eine nichtsolidarische Haltung. Vor dieser Entzweiung der Gesellschaft habe ich Angst. Die Leute wollen die pränatale Diagnostik, um ihre Kinder zu verbessern - keine Lese-Rechtschreibschwäche mehr, keine angeborene Taubheit, keine Verhaltensauffälligkeiten. Dieses genetische Trimmen erspart einem viel Aufwand beim Aufziehen von Kindern.

Kinder passen immer weniger in den Lebens- und Karriereplan?

Hinzu kommt, dass sich viele Frauen aufgrund ihrer beruflichen Laufbahn erst relativ spät, das heißt mit Ende 30 oder Anfang 40 entscheiden, ein Kind haben zu wollen. Dieses eine Kind muss dann aber "genetisch möglichst makellos" sein. Und das, obwohl bei Frauen über 35 Jahren das Risiko für ein Kind mit Down-Syndrom sehr stark ansteigt. Pränatale oder Präimplantationsdiagnostik könnten hier verstärkt genutzt werden, um Lifestyle-Ziele umzusetzen. Das ist aus meiner Sicht fragwürdig.

Also wandelt sich die Mentalität?

Das wäre nicht das erste Mal. Die Bewegung der Eugenik war zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA und Großbritannien besonders stark. Auch in Schweden sind noch in den 60er Jahren geistig behinderte Frauen sterilisiert, also unfruchtbar gemacht worden. Nicht nur die Nazis träumten von genetischer Gesundheit! Das Genom-Projekt könnte einen Hang in dieser Richtung verstärken - aber dem gilt es vorzubeugen.

Wo sehen Sie die größten Chancen des Genom-Projekts?

Bei allen komplexen Erkrankungen, und hier vor allem bei Krebs. Die größten Erfolge in der Tumorbehandlung erzielt noch immer die Chirurgie - Medikamente und Strahlenbehandlung sind viel seltener erfolgreich. Natürlich gibt es Ausnahmen, etwa die bereits heute sehr wirksame Chemotherapie von Kindern mit Blutkrebs, die ja oft geheilt werden können. Aber die meisten Krebskrankheiten können nicht zielgenau therapiert werden, und bei vielen stehen wir noch am Anfang. Erst wenn wir die "Zielgene" haben, wird das anders werden. Aber wer erst jetzt mit der Genomforschung anfängt, kann international nicht mehr mithalten.

Wann wird es denn das erste Krebsmittel aus dem Hause Metagen geben?

Die ersten Medikamente, die auf der Basis des Humanen Genom-Projekts entwickelt werden, können 2007 bis 2010 auf dem Markt sein. Zurzeit dauert es zwölf bis 15 Jahre, bis eine neue Arznei auf dem Markt ist. Aber wir werden zeigen, dass wir die Entwicklungszeit um Jahre verkürzen, vielleicht sogar halbieren können.

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