Gesundheit : Genomforschung: Projekt Exofish

Adelheid Müller-Lissner

Großaufgebot der Genom-Stars in der Akademie der Wissenschaften: Eigens aus Paris eingeflogen war Jean Weissenbach, Generaldirektor des staatlichen französischen Sequenzierzentrums Genoscope in Evry. Und André Rosenthal, bis vor kurzem am Institut für Molekulare Biologie in Jena für den deutschen Part des Humangenomprojekts zuständig, hatte zuletzt im Juni vergangenen Jahres für Schlagzeilen gesorgt, als sein Zentrum - zusammen mit zwei weiteren deutschen und zwei japanischen Arbeitsgruppen - die nahezu vollständige Entschlüsselung des Chromosoms 21 bekannt geben konnte.

Diesmal gab es keinen aktuellen Anlass dafür, dass die Wissenschaftsmagazine "Science" und "Bild der Wissenschaft" gemeinsam zur Beantwortung der Frage "Das menschliche Genom 2001 - wie geht es weiter?" einluden. Weissenbach, dessen Team in der Anfangsphase des öffentlichen Sechsländerprojekts (neben Frankreich und Deutschland gehören die USA, Großbritannien, Japan und China dazu) mit den "Landkarten" des Genoms ein erster Coup gelang, hielt es denn auch eher mit der Bilanz des Erreichten. Der gebürtige Elsässer tat das auf englisch - "mein wissenschaftliches Deutsch ist schlimm". Die Fachsprache der Genom-Entschlüsseler scheint ohnehin unübersetzbar und universell.

Etwas Besonderes ist dafür das Interesse des studierten Mathematikers und Pharmazeuten für Kugelfische aus der Familie der Tetraodontidae. Durch Vergleiche mit deren dicht gepacktem Genom will man im Projekt "Exofish" (Exon Finding by Sequence Homology) die Genabschnitte im menschlichen Erbgut identifizieren, die Bauanleitungen für Proteine enthalten. Milliarden von Vergleichsrechnungen haben zur aktuellen Hochrechnung geführt: Um die 30 400 Gene hat demnach der Mensch.

Mit 38 500 bietet Rosenthal etwas mehr. Seine Schätzung basiert auf den 770 Genen, die die beiden vergleichsweise kleinen Chromosomen 21 und 22 enthalten. Wichtiger ist für den Direktor der Firma Metagen, einer Tochter der Schering AG, aber längst die Frage nach den Aufgaben der Gene. "Unser Ziel ist es, diejenigen Gene zu finden, die bei Krebs in verschiedenen Stadien hoch- oder herunterreguliert sind." Besonders die auffallend aktiven Gene sieht der Chemiker als Angriffspunkte für neuartige Medikamente.

Wenn er von seinen Visionen spricht, von der Arbeit mit der "molekularen Schere", die Tumorzellen säuberlich isoliert, und von den Computerexperimenten, in denen mit immenser Rechnerleistung Kandidatengene geprüft werden, strömt Rosenthal so viel Enthusiasmus aus, dass eine Journalistin schließlich fragte: "Kann ich in der Zeitung schreiben, dass es in zehn Jahren ein Medikament gegen Krebs gibt?" Rosenthal mahnte zur Differenzierung: Es wird nicht eines, sondern viele verschiedene Mittel geben. Und sie können keine Heilung versprechen. Trotzdem sieht er Grund zum Optimismus: "Ich bin zuversichtlich, dass wir in zehn Jahren eine ganze Reihe von wirksamen Medikamenten haben, die die Überlebenszeit von Krebspatienten verlängern."

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