Gesundheit : Genomprojekt: Der Schlüssel liegt bei Jefferson

Robert von Rimscha

Amerikas Goethe heißt Jefferson. Wenn "Faust" über die Versuchung des Bösen der deutsche Urtext ist, dann ist das Leben des Aufklärungs-Genies Thomas Jefferson die Folie zum Verständnis der USA. Genau 50 Jahre nach der Proklamation der von ihm geschriebenen Unabhängigkeitserklärung, am 4. Juli 1826, starb der Kopf der amerikanischen Revolution in seinem Bett, das sich in einer Wandnische zwischen seinen beiden Arbeitszimmern befand. Sein Grab liegt am Waldrand seines Anwesens in Virginia, gut zwei Autostunden südwestlich von Washington. Auf dunklem Marmor steht verzeichnet, was er als seine drei bleibenden Errungenschaften betrachtete. Zwei Amtszeiten als Präsident hat Jefferson erst gar nicht erwähnt. Wichtig waren ihm: die Unabhängigkeitserklärung, die Gründung der Universität von Virginia, die Autorenschaft des Gesetzes, das die Trennung von Staat und Kirche fixiert.

Amerikas Kernwiderspruch, die spirituellste aller westlichen Demokratien zu sein und dies in einer agnostischen Verfassung zum Ausdruck zu bringen, ist zugleich der Hintergrund, vor dem Ereignisse wie die Entschlüsselung des Genoms verstanden werden. Der Fortschrittsglaube und das Technologie-Vertrauen der meisten Amerikaner lassen düstere Debatten darüber, ob nun die Computer und Roboter die Weltherrschaft antreten und Ideal-Klone alles Menschlich-Schwächliche verdrängen, nicht zu. Das Widerstrebende, der Kampf der zwei Seelen in der Brust, mag deutsche Apokalypse-Ängste speisen. Amerika denkt teleologisch.

Da ist die erste Niederschrift des kompletten Buchs des Lebens, gestern verkündet von der staatlichen Forschungseinrichtung "Human Genome Project" und der privatwirtschaftlichen Firma Celera des Genetikers Craig Venter, so etwas wie die Mondlandung. Ein kleiner Schritt für Venter, ein Sprung für die Menschheit. Die Bekanntgabe löst in den USA Erwartungen aus, die so idealistisch wie pragmatisch sind. Embryo-Therapie. Krebs-Bekämpfung. Tausende neue Medikamente pro Jahr, statt, wie derzeit, Hunderte.

Die Debatten im Umfeld der Entschlüsselung sind Dauerbrenner. Amerikas Euthanasie-Streit wurde gerade durch die Berufung Peter Singers auf den Bioethik-Lehrstuhl in Princeton angeheizt. Der australische Utilitarist und Tierschützer hat sich für Embryonenforschung und "genetic engineering" sowie, in streng definierten Fällen, für Euthanasie ausgesprochen, was zu einer hitzigen Debatte über den "geistigen Babymörder" geführt hat. Der Streit findet nicht im luftleeren Raum statt. Bundesstaat nach Bundesstaat diskutiert derzeit das Thema Sterbehilfe; und die Haftstrafe für Todesengel Jack Kevorkian hat die Frage nach der Definition lebenswürdigen Lebens erneut in die Medien katapultiert.

Im Wahlkampf spielt das Thema kaum eine Rolle, und dies, obwohl mit Al Gore ein Kandidat antritt, der der Belesenste in globalen Zukunftsfragen sein dürfte. Dafür ist ein anderes Thema auf den Radarschirmen aufgetaucht: Die langsam erwachende Diskussion über genmutierte Nahrung - im Schlepptau dessen, was hier als "European Angst" bezeichnet wird.

Wie sehr die Folgen der Gen-Entschlüsselung das Leben bestimmen werden, ist strittig. Der Leiter der Raumfahrt-Abteilung im Museums-Verbund Smithsonian beispielsweise glaubt, dass extraterrestrische Kolonisation der entscheidende neue Evolutions-Motor sein wird. "Die nächste Stufe der menschlichen Entwicklung kommt, wenn sich der Homo Sapiens Sapiens (sic!) als Folge jahrzehnte- oder jahrhundertelanger Trennung im Weltall in multiple Spezien aufteilt."

In der öffentlichen Debatte hat sich ein Konsens darüber herausgebildet, dass nur die Zusammensicht der Entwicklungen in Biotechnologie, Datenverarbeitung und Raumfahrt eine ungefähre Vorstellung der Zukunft liefern kann. Doch das Bild bleibt vage. Und so wird das entschlüsselte Gen erst einmal als Bekräftigung des Jeffersonschen Erbes verstanden, als Bekräftigung der Trennung von Staat und Kirche.

"Sollte noch irgendein Zweifel bestehen - und leider gibt es in bestimmten Zirkeln vehemente Zweifel -, dann zeigt das Genom endgültig, dass wir alle von denselben bescheidenen Anfängen ausgehen", meint David Baltimore, Präsident des California Institute of Technology und Medizin-Nobelpreisträger des Jahres 1975. "Unsere Verwandschaft ist ins Genom eingeschrieben. Das sollte das Ende der Schöpfungslehre sein - wird es aber nicht."

Anti-Intellektualismus und Wissenschaftsfeindlichkeit sind stete Begleiter der Fortschrittsgesellschaft USA. Al Gore verliert täglich Zuspruch, weil er als "zu smart" gilt. George W. Bush hasst Bücher und führt. Die Schöpfungslehre, der "Creationism", hat die vergangenen Jahre über politische Triumphe (beispielsweise im Schulsystem des Bundesstaates Kansas) gefeiert und juristische Niederlagen einstecken müssen.

Erst vergangene Woche entschied der Oberste Gerichtshof, dass ein Schulbezirk im von Jefferson den Franzosen abgekauften Louisiana die Verfassung verletzte, als er der Unterrichtseinheit über die Evolutionslehre folgende Präambel verordnete: "Die Schulbehörde erkennt an, dass die Theorie der Evolution präsentiert wird, um Schüler über das wissenschaftliche Lehrgebäude zu informieren, und nicht in der Absicht, die biblische Version der Schöpfung oder irgendein anderes Konzept zu beeinflussen oder zu widerlegen. Es ist das grundlegende Recht und Privileg jedes Schülers, sich eine eigene Meinung zu bilden oder an von den Eltern gelehrten Glaubenssätzen zur wichtigen Frage der Entstehung des Lebens festzuhalten. Schüler werden ermutigt, kritisch zu denken, alle Informationen zu sammeln und jede Alternative genau zu untersuchen."

Am selben Tag entschied der Oberste Gerichtshof, dass es ebenso verfassungswidrig ist, wenn bei Football-Spielen an texanischen High Schools aus den eigenen Reihen gewählte Schüler im Stadion ein Gebet sprechen, ehe die Teams zum Duell antreten. Religion im öffentlichen Raum ist in den USA die Grenze - und das Ende der Meinungsfreiheit. Wer mit staatlicher Duldung ein Schul-Mikrofon benutzt, um Glaubensinhalte oder Glaubensrituale zu verbreiten, verletzt die "establishment"-Klausel der Verfassung: Der Staat darf keine Kirche etablieren.

Aber er darf forschen. Steuermilliarden haben die Entschlüsselung des Genoms mit ermöglicht. Der Geist Thomas Jeffersons jubelt heute. Sein Amerika, die Vision eines rationalen Staates der Aufklärung, hat über die eigene mehrheitlich tiefreligiöse Bevölkerung triumphiert.

Und so geht es weiter. Fragt man die Amerikaner, was sie von der Zukunft erwarten, so verzeichnet jede Erhebung Varianten eines unerschütterlichen Optimismuses. Gerade wurde eine Umfrage veröffentlicht, in der 53 Prozent der US-Bürger angeben, der Gedanke an die schöne neue Welt der Biotechnologie stimme sie "hoffnungsvoll". 21 Prozent reicht das nicht - sie sind "enthusiastisch".

Der Mensch, in Amerika, fühlt sich nicht bedroht. Er forscht. Der Genetiker Craig Venter steht in der Tradition des Genetikers Thomas Jefferson. Hinter der "Mulberry Row", dem Ort der Sklavenhütten und Handwerkskammern, liegen Jeffersons Gärten. 250 verschiedene Gemüse-Arten und 170 Obst-Sorten, Früchte und Blumen pflanzte der Hobby-Botaniker hier an. Die Samen für etliche seiner originalen Kreuzungen kann man noch heute hier kaufen.

Thomas Jefferson zeichnete höchstselbst die Pläne für das, was sein Landhaus Monticello wurde. Ein gewöhnliches Südstaaten-Gut ist es nicht. Der hohe Eingangsraum war vollgehängt mit Landkarten - ein Studierzimmer, kein repräsentatives Empfangszimmer. Über dem Eingang hängt ein mechanisches Uhrwerk, das mittels eines Kolbens an einem Seil auch die Wochentage anzeigt.

Eine Treppe ins Obergeschoss gibt es auch nicht. Treppen betrachtete Jefferson als Platzverschwendung. So denkt Amerika. Pragmatisch, praktisch, positiv. Da hat man vor entschlüsselten Genen keine Angst. Sondern denkt: Welt, nun freue Dich!

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