Gesundheit : Genomprojekt: Meilenstein auf unbekanntem Weg (Kommentar)

Alexander S. Kekulé

Wenn der US-Präsident ins Spiel kommt, ist Forschern meist ein historischer Durchbruch gelungen. So war das schon bei der Mondlandung, als der Präsident den Astronauten medienwirksam per Weltraumtelefon gratulierte. Auch die Inszenierung vom Montag, als Francis Collins vom Humanen Genomprojekt (HGP) und Craig Venter von Celera im Weißen Haus die Entschlüsselung des menschlichen Genoms verkündeten, darf als Erfolg bezeichnet werden. Noch bis vor kurzem hatten sich die Biotech-Firma Celera Genomics und das öffentlich finanzierte HGP eine erbitterte Schlacht um Meriten und Patente geliefert. Als das HGP 1990 startete, sahen viele Wissenschaftler in der Sammlung des unverständlichen Gen-Datensalates bloß eine günstige Möglichkeit, an staatliche Mittel zu kommen. Dann kam Venter, führte die Weltgemeinde der im HGP vereinten Genforscher als Schlafmützen vor und überholte das HGP. Mit der gemeinsamen Präsentation vermied Venter geschickt, die Weltgemeinde der Molekularbiologen durch Demütigung des HGP gegen sich zu stellen - schließlich sind das die potenziellen Kunden, an die Celera Gen-Informationen verkaufen will.

Freilich ist schwer erkennbar, worin der gefeierte "Durchbruch für die Medizin" nun bestehen soll. Was hat sich durch die aufwendige Kartierung verändert? Wem nützt das Genom? In erster Linie der Wissenschaft selbst: Die Verfügbarkeit der menschlichen Erbinformation wirkt sich auf die medizinische Forschung wie ein Turbolader aus. Diagnostische Methoden und neue Therapien können in Zukunft schneller entwickelt werden. Davon wird in jedem Fall die Biotech- und Pharmabranche profitieren. Ob das erhöhte Forschungstempo jedoch zu baldigen Erfolgen im Kampf gegen Krebs, Seuchen, Multiple Sklerose und Herzinfarkt führen wird, ist fraglich. Bereits heute sind einige Hundert menschliche Gene weit über die bloße DNA-Sequenz hinaus erforscht - jedoch nur eine Handvoll lieferte Ansätze für die Entwicklung neuer Medikamente. Die meisten Krankheiten werden durch Störungen im komplexen Zusammenspiel mehrerer Gene verursacht. Dadurch sind die Genomforscher von gezielten Therapien so weit entfernt wie ein Figurenschnitzer von der Schachweltmeisterschaft.

Sichtbaren Fortschritt wird das Genomprojekt wohl zunächst durch neue diagnostische Verfahren hervorbringen: Krebs, Bluthochdruck und andere Krankheiten können dann frühzeitig erkannt und Erbanlagen bereits vor der Geburt überprüft werden. Mangels Therapie werden sich jedoch Problembereiche wie die Auskunftspflicht gegenüber Krankenversicherungen, Präimplantationsdiagnostik und genetisch motivierte Schwangerschaftsabbrüche ausweiten - Hautfarbe und Haartyp des Menschen, seit Beginn der Geschichtsschreibung Hauptursache für "rassische" Diskriminierungen, werden neuesten Erkenntnissen zufolge nur von einem einzigen Gen kontrolliert. Um zu verhindern, dass die Genomforschung für falsche Ziele eingesetzt wird, ist ein gesellschaftlicher Konsens unverzichtbar. Wenn der Weg dorthin durch die Inszenierung im Weißen Haus geebnet wurde, gibt es doch noch einen Grund zum Feiern.

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