Gesundheit : Genomprojekt: Wem gehört das Alphabet der Gene? (Leitartikel)

Rainer Hank

Die Superlative überschlagen sich. Die Rede ist vom größten wissenschaftlichen Durchbruch der vergangenen hundert Jahre. Am Montag haben mehrere am Humangenom-Projekt beteiligte Organisationen eine erste Version des menschlichen Genoms, also der Abfolge kleinster Bedeutungsträger im menschlichen Erbgut, veröffentlicht. Menschen erhalten damit ein Wissen über sich selbst, wie sie es noch nie in ihrer Geschichte hatten. Das ist zumindest so, als ob man von einer fremden Schrift das Alphabet gefunden hätte: Weil man die Grammatik noch nicht kennt, versteht man nicht die Bedeutung. Aber die Bausteine sind bekannt. Dem Staunen darüber folgt die Hoffnung auf segensreiche Wirkungen dieser Entdeckung. Zugleich keimt damit aber ein Frösteln aus Sorge, wie viel wir dürfen von dem, was wir technisch können. Große technologische Revolutionen haben immer große gesellschaftliche Widerstände hervorgerufen.

Eines läuft freilich im Fall des Bio-Wissens anders. Treiber und Beschleuniger der Entdeckung ist nicht die reine wissenschaftliche Neugier - vielleicht war sie das noch nie -, sondern ein Markt, der hofft, das diagnostische und therapeutische Potenzial des Wissens in neue pharmazeutische Produkte und medizinische Verfahren zu überführen. Wie, wenn es gelänge, Aids oder Krebs endlich nachhaltig zu heilen? Was, wenn es mit gentechnisch verändertem Mais oder Reis möglich wäre, den Hunger in vielen Teilen der Welt zu lindern? Ihr segensreiches Tun bescherte den Produzenten Nachfrage auf lange Sicht. Eine ganze Branche liegt im Fieber der Goldgräber, noch bevor wirklich das neue Gold in großen Mengen gefunden wurde. Und jene Unternehmen, die nicht das Gold - ein bestimmtes Medikament - abbauen, sondern Sieb oder Schippe zur Hebung der Gen-Schätze verkaufen, deren Wert steigt besonders hoch im Kurs.

Wagniskapital geht seit Jahren mit Vorliebe in die Biotechnologie. Ihre Aktien sind beim Börsengang an den Neuen Markt überzeichnet. Auf eigenen Indizes der Biotech-Aktien basierende Investmentfonds gelten bei den Anlegern als besonders sexy. Dabei ist das allemal hochriskantes Geld für aufwendige Produktionsanlagen: Denn das Unternehmen, in das investiert wird, weiß zumeist noch nicht einmal, ob sein neues Medikament die klinische Testphase passiert, geschweige denn, ob Zulassungsbehörden wie etwa die American Food and Drug Authority ihre Zustimmung geben werden. Kein Wunder, dass deshalb die Rede davon ist, viele der neuen Unternehmen würden bald auch wieder vom Markt verschwinden. So war das immer in Gründerzeiten. Aber unterdessen ist ein Wirtschaftszweig entstanden, der bald die IT-Branche ablösen könnte. In Kalifornien ist die Biotechnologie heute schon nach der Elektronikindustrie der zweitgrößte Arbeitgeber. Der Durchschnittslohn liegt dort mit 64 000 Dollar zu 85 Prozent über dem Mittel.

Das alles wirft neben ethischen auch immense rechtliche Fragen auf, bei deren Beantwortung alle erst am Anfang stehen. Wem soll das Wissen gehören, das solche kommerziellen Verfügungsmöglichkeiten bereit hält? Eine Marktwirtschaft wird daran festhalten müssen, geistige Eigentumsrechte auch bei der medizinischen Verwertbarkeit mikrobiologischer Verfahren zu wahren. Wir schützen dies Wissen mit Patenten, weil nur so Kreativität honoriert und Investitionsanreize gesetzt werden. Das freilich ist genau zu unterscheiden vom Zugriff auf die menschliche Individualität: Auf den Bauplan Gottes gibt es kein Patent. Was daran nicht Geheimnis bleiben wird, soll allen bekannt sein.

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