Gesundheit : Gentechnik: Biologen warnen vor Biologismus

Adelheid Müller-Lissner

Wo die Einzelwissenschaften über den Tellerrand ihrer Disziplin hinausschauen und sich ethischen Fragen widmen, ist in der diesjährigen Vorweihnachtszeit die Gendiagnostik und -therapie mit gutem Grund das Thema Nummer eins. Schließlich neigt sich das Jahr, in dessen Mitte die fast vollständige Entschlüsselung des menschlichen Genoms bekannt gegeben wurde. So beschäftigte sich die Werner-Reihlen-Vorlesung, seit 1992 eine feste Einrichtung der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität, in der letzten Woche mit der "biologischen Machbarkeit des Menschen" und erörterte interdisziplinär Ethik, Rechtsentwicklung und gentechnologische Folgenabschätzung. In der öffentlichen Weihnachtsvorlesung der Charité ging es am Freitag frei nach Aldous Huxley um die Frage "Schöne neue Welt - Traum oder Alptraum?"

Wer die Vorträge hörte, konnte zumindest in einer Hinsicht auch an eine verkehrte Welt denken: Da wandte sich - als Gast der Theologen - der Molekularbiologe Jens Reich gegen überzogene Befürchtungen wie auch Hoffnungen in Sachen Gentechnik: "Es ist schon merkwürdig, wenn man als Biologe vor dem Biologismus der philosophischen Debatte warnen muss." Reich, der maßgeblich am Deutschen Humangenom-Projekt beteiligt ist, hob die bedeutende Rolle der Erziehung und der sozialen Prägung hervor. Was die Hoffnungen, etwa auf wirksame Gentherapien gegen Krebs betrifft, so warnte er vor Vereinfachung: Die meisten Tumore sind nicht auf die Veränderung eines einzelnen Gens zurückzuführen.

In der Weihnachtsvorlesung der Charité wiederum wies ausgerechnet ein Mediziner darauf hin, wie nützlich die vom Philosophen Hans Jonas vor Jahren schon geforderten "Moratorien der Umsetzbarkeit" für neue Forschungen sein können. Erich Loewy, Bioethiker an der Universität von Kalifornien, sieht seine Hauptaufgabe als Ethikexperte inzwischen darin, "Leute zu ärgern", indem er zum Innehalten und Nachdenken aufruft, etwa über die Veränderung unseres Menschenbildes. Wer hier auf Antworten zu konkreten Fragen hoffte, wurde planmäßig enttäuscht: "Ethik gibt keine Antworten."

In seiner Einleitung hatte der Internist Herbert Lochs, Initiator der jährlichen vorweihnachtlichen Veranstaltung, auf den Fall des kleinen Adam verwiesen, der vor zwei Monaten die Öffentlichkeit beschäftigte: Das Kind war aus einer Reihe von im Reagenzglas gezeugten Embryonen von Ärzten und Eltern ausgewählt worden, weil es als Zellspender für seine Schwester in Frage kommt, die an der meist tödlichen Fanconi-Anämie leidet.

Genau diesem Beispiel widmete sich in seiner Einleitung zur Werner-Reihlen-Vorlesung auch der Theologe Christof Gestrich. Seine Antwort war klar: Das in vitro erzeugte Geschwisterchen und der künstliche Zeugungsvorgang selbst sind in einem solchen Fall Mittel zum Zweck, "und dies wäre nicht nur nach Kant, sondern auch für die christliche Theologie und für die meisten Religionen der Welt völlig unethisch".

Für den Charité-Gast Loewy stellt sich, wie er nach der Vorlesung erläuterte, der Fall nicht so einfach dar, denn man könne auch anders argumentieren: Das Kind sei ja nicht "bloßes" Mittel zum Zweck - was Kant in der zweiten Fassung des Kategorischen Imperativs verwerfe -, sondern bekomme von seinen Eltern zugleich das Leben (und Liebe) geschenkt. Auch das Bewusstsein, vielleicht das Leben des Geschwisterkinds gerettet zu haben, komme ihm wahrscheinlich zugute. Doch wie ist es zu rechtfertigen, dass andere befruchtete Eizellen zur Erreichung dieses Ziels "verworfen" werden müssen? Der Mediziner und Bioethiker fragt zurück: Muss die Gesellschaft nicht über Techniken wie die Befruchtung im Reagenzglas, die solche Folgen haben können, weit früher und grundsätzlicher nachdenken?

Aller Unterschiedlichkeit der Ansätze zum Trotz waren sich die genannten Redner letztlich einig: Die Entscheidung darüber, welche Methoden der Diagnostik, von wem, für wen und mit welcher Zielsetzung angewandt werden sollen und welche Wege der Forschung begangen werden dürfen, kann nicht von der Fachwelt allein getroffen werden. Die Gesellschaft muss entscheiden, also niemand anders als der berühmte "mündige Bürger". Dazu aber braucht er, wie Loewy es nennt, "gute Fakten".

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