Gesundheit : Gentechnik: Der Mensch wird benutzt (Leitartikel)

Bernd Ulrich

Die Engländer wollen Embryonen zu Forschungszwecken Stammzellen entnehmen und diese klonen, um daraus vielleicht irgendwann neue Medikamente oder gar Organe herstellen zu können. Rechtfertigt eine solche Nachricht, die kompliziert klingt und nach Technik schmeckt, einen Leitartikel? An einem Tag, an dem uns 118 russische Matrosen nahe gehen? Die Gentechnologie verändert die Grundlage unserer Zivilisation, aber sie tut das künftig nicht mehr so sehr mit Donnerhall und spektakulären Auftritten amerikanischer Wissenschaftler, sie tut es Schritt für Schritt, auf unauffällige Weise.

An einem solchen Tag kann leicht übersehen werden, was die Blair-Regierung in London auf den Weg gebracht hat - einen Gesetzentwurf, der das therapeutische Klonen legalisiert. Sie überschreitet damit eine Schwelle: Nach den USA will nun ein zweites westliches Land erlauben, dass Embryonen als Rohmaterial vernutzt werden. Bisher durfte man auch in Großbritannien nur solche Embryonen verbrauchen, die bei der künstlichen Befruchtung ohnehin "übrig" waren oder solche, die bei Abtreibungen sowieso "anfielen". Letzteres - und nur Letzteres - ist auch in Deutschland erlaubt. Embryonen eigens herzustellen, um sie dann zu benutzen und zu guter Letzt zu vernichten, das galt in der Alten Welt bislang als Tabu.

Damit würde das werdende menschliche Leben zum medizinischen Rohstoff. Es ist interessant zu sehen, mit welchen Schritten man sich in der zivilisierten Welt an diesen Gedanken gewöhnt hat. Zunächst war da die Überzeugung, werdendes Leben abtreiben zu müssen, weil man es psychisch nicht ertragen oder sozial nicht verkraften könne, wenn es zur Welt kommt. Dieser Wunsch hat als erster Rohmaterial geliefert - mit dem starken Argument, dass die Embryonen ohnehin schon tot sind. Dann war da der Wunsch, um jeden Preis ein Kind bekommen zu müssen, und sei es durch Befruchtung in vitro. Dabei werden oft mehr Embryonen erzeugt, als man am Ende einpflanzt. Und wenn sie nun mal da sind, kann man sie auch gleich zu medizinischen Zwecken verwenden, oder?

Doch reicht es im internationalen Wettlauf scheinbar nicht mehr, mit toten und überzähligen Embryonen zu forschen. Dafür wird nun ein weiteres starkes moralisches Argument in Stellung gebracht: Die Embryonen werden doch nur hergestellt und vernutzt, um Menschen mit schweren Krankheiten zu helfen, denen anders nicht zu helfen ist. Darin sind zwei äußerst zweifelhafte Behauptungen enthalten. Ob man in absehbarer Zeit überhaupt in der Lage sein wird, Kranken in relevantem Umfang zu helfen, das weiß derzeit niemand genau. Zum anderen weiß auch niemand, ob das nicht mit einem anderen, ethisch unproblematischeren, Verfahren ebenso geht. Wenn die Stammzellen, mit denen man Medikamente oder Organe herstellen will, nicht fremden Embryonen, sondern dem eigenen Körper entnommen sind, dann ist dagegen moralisch wenig einzuwenden. Und diese Erwachsenen-Stammzellen könnten am Ende auch das ökonomisch interessantere Projekt sein.

Soll Deutschland nun dem englischen Beispiel folgen? Diese Debatte steht uns bevor, jetzt da die Blair-Regierung diesen Schritt gehen will, umso dringlicher. Wenn man auf die Waage legt, was medizinisch-ökonomisch zu gewinnen und was moralisch-kulturell zu verlieren ist, dann sollte sich Deutschland leisten, den angelsächsischen Weg nicht mitzugehen. Das wäre moralisch und vernünftig.

Aber vielleicht geht es gar nicht mehr um Moral und Vernunft, vielleicht ist bei der Gentechnologie bereits eine stärkere Kraft am Werk. In einer gestern veröffentlichen Studie kommt das Allensbach-Institut zu der Erkenntnis, dass die früher so fortschrittskritischen Deutschen "tief beeindruckt" und mit den allergrößten Hoffnungen auf die gentechnologische Entwicklung schauen. Der Stand der Technik rechtfertigt, nüchtern betrachtet, derlei Hoffnungen noch nicht. Aber was bedeutet das schon gemessen an der drängenden Hoffnung, Krankheiten und irgendwann gar den Tod überwinden zu können - bei Menschen, die an ein Jenseits nicht mehr glauben können? Der technische Fortschritt gewinnt seine religiöse Kraft zurück. Kann man da auf ein paar Tausend Embryonen Rücksicht nehmen?

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