Gesundheit : Gentechnik: Die Letzten werden geklont

Thomas de Padova

Noah hatte das genetische Zeug dazu, ein Wildrind zu werden, ein echter Gaur. Die letzten etwa 30 000 dieser vom Aussterben bedrohten Tiere durchstreifen heute die Wälder Indiens und Südostasiens. Ihre einstigen Artgenossen fielen Jägern zum Opfer oder wurden ihres Lebensraumes beraubt.

Noah hingegen wuchs unter wissenschaftlicher Aufsicht auf. Die Forscher von Advanced Cell Technology in Worcester in den USA um Philip Damiani überwachten sein Wachstum Stunde um Stunde und fieberten der Geburt entgegen. Denn Noah war als einziger von 692 Klonen übrig geblieben, die sie mit biotechnischen Verfahren großzuziehen versucht hatten. Seine Geburt sollte den Beginn eines Projekts zur Rettung gefährdeter Arten markieren: der "neuen Arche Noah". Um seltene Tierarten wie den Gaur zu retten, will man sie künftig klonen und von artfremden Leihmüttern, etwa Milchkühen, austragen lassen.

Um Noah zu erzeugen, hatten die Forscher einem Gaur-Bullen Hautzellen entnommen und mehrere Eizellen von Milchkühen entkernt (siehe Grafik). Nur wenige Gaur-Zellen reiften allerdings in den fremden Eizellen zu größeren Embryonen heran. 42 dieser im Reagenzglas gewachsenen Embryonen pflanzten die Forscher den Leihmüttern ein. Acht Milchkühe wurden daraufhin trächtig, aber viele von ihnen stießen den Embryo schon in den ersten drei Monaten wieder ab, wie Damiani und seine Kollegen in der Januar-Ausgabe von "Spektrum der Wissenschaft" berichten.

Die Kuh Bessie brachte schließlich in der vergangenen Woche als einzige einen jungen Gauren zur Welt. 45 Kilogramm schwer, stand er bereits nach zwölf Stunden auf den Beinen. Dann jedoch erkrankte er an Ruhr und starb zwei Tage nach der Geburt an der bakteriellen Durchfallerkrankung.

Das US-Unternehmen lässt sich von dem Rückschlag, den Unwägbarkeiten und dem enormen Aufwand des Klonens nicht entmutigen. Im Gegenteil. "Die gesammelten Daten zeigen, dass das Klonen über verschiedene Arten hinweg geklappt hat", sagt Damiani. Mit dem Gaur wird die Firma wohl noch eine Weile herumexperimentieren. Dann könnten andere Tiere folgen. Bereits seit längerem verhandelt die Firma mit der Regierung Chinas darüber, den Großen Pandabären klonen zu dürfen. Eine amerikanische Schwarzbärin könnte ihn austragen.

Aber kann das Klonen wirklich irgendwann einmal zur Erhaltung gefährdeter Tiere wie dem Gaur beitragen? Oder greifen Biotech-Firmen nun nach einer neuen, einer ethischen Rechtfertigung für eine umstrittene Forschungstechnik, deren kommerzielle Nutzungsmöglichkeiten in ganz anderen Gebieten liegen, etwa der Herstellung von Arzneimitteln aus der Milch geklonter Schafe oder Kühe?

Es dürfte kaum von Fortschritten beim Klonen abhängen, ob Noahs Verwandte aussterben werden oder nicht. Denn den Gauren mangelt es nicht an Nachwuchs, sondern an Lebensraum. 315 Gaure leben heute unter menschlicher Obhut in Zoos und Wildparks in aller Welt. Alle Tiere sind in einem Zuchtbuch eingetragen, das Andreas Ochs führt, Tierarzt am Zoologischen Garten in Berlin.

"Wir haben derzeit in Berlin eine Herde von neun Tieren", sagt Ochs. "Da kommt es oft zu Nachwuchs." Und obwohl die Gaure in Zoos eher ein Schattendasein führten, unter anderem, weil sie recht aggressiv, stark wie Nashörner und im Winter nur in beheizten Stallungen zu halten sind, habe Berlin "die halbe Welt mit Gauren versorgt": mit rund 100 Jungtieren. "Selbst in den USA leben Gaure mit Berliner Blut."

Wollte man solche Gaure dereinst wieder in freier Wildbahn aussetzen, weil ihnen beispielsweise neu geschaffene Reservate Platz böten, so müssten die Tiere zunächst die internationalen Grenzkontrollen passieren. Das wäre bei Rindviechern nicht leicht. Sie müssten etliche Untersuchungen über sich ergehen lassen, Tests auf Rinderpest oder die Maul- und Klauenseuche.

Sehr fraglich wäre es dann, ob sich die Zootiere in der Wildnis zurechtfänden. Bei geklonten Tieren wäre dies unter Umständen noch schwieriger. Noahs Mutter war eine gewöhnliche Milchkuh aus Iowa. Sie kannte weder den Bambusdschungel noch das Grasland Indochinas. Wie hätte Noah von ihr lernen können, in einer Gaur-Herde zu bestehen, nach Nahrung zu suchen oder sich vor Feinden zu schützen?

Am Berliner Institut für Zoo- und Wildtierforschung kennt man die vielen Probleme bei Aussetzungsversuchen mit Tieren. Zum Beispiel bei den Przewalski-Pferden, einer ursprünglich in Europa verbreiteten Art, die nur in der Mongolei überlebt hatte.

Aus einer Gruppe von einstmals nur noch fünf Wildpferden hat man in menschlicher Obhut wieder einen Bestand von 1200 Tieren heranzüchten können. "Aus einer solch großen Gruppe kann man dann die Tiere selektieren, die zum Aussetzen besonders geeignet sind", sagt Christian Pitra, Leiter der Forschungsgruppe Evolutionsgenetik. Er sieht im Klonen eine mögliche Ergänzung zu den heute gängigen Reproduktionstechniken. Es könnte dann zum Tragen kommen, wenn insgesamt nur noch ganz wenige Individuen einer Art überlebt hätten. "Das Klonen ist eine Not-Technologie, die man begrüßen muss."

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