Gesundheit : Gentechnik: Ein Schutzwall gegen Klone. Initiative von EU-Parlamentariern

Adelheid Müller-Lissner

Normalerweise kann keiner einem Paar nachweisen, dass es Nachwuchs nur unter Vorbehalt zeugt, dass es also von Anfang an die Möglichkeit bewusst einkalkuliert, den Embryo später abzutreiben, falls genetische Veränderungen festgestellt werden sollten. Tatsächlich geschieht dies immer wieder, gedeckt durch den Paragrafen 218, der mit dem Begriff der "medizinischen Notlage" der Mutter Straffreiheit gewährt.

"Schließlich ist kein Richter und kein Staatsanwalt zugegen, wenn ein Kind auf natürlichem Weg gezeugt wird", stellte Peter Liese (CDU), Mitglied des Europäischen Parlaments, bei einer Pressekonferenz klar. Anlass dafür war eine Erklärung zum Thema Präimplantationsdiagnostik (PID), die gestern einige deutsche Mitglieder des Ausschusses für Humangenetik des Parlaments zusammen mit Vertretern verschiedener Verbände veröffentlichten. Wird die künstliche Befruchtung im Reagenzglas (In-vitro-Fertilisation) gewählt oder genutzt, um dem Embryo im frühen Stadium Zellen entnehmen zu können, die gezielt auf genetische Veränderungen untersucht werden, dann ist der Vorbehalt der Eltern klar zu erkennen. Um die Frage, ob diese Labor-Frühtests in Deutschland, wie zuvor in zehn europäischen Nachbarländern, erlaubt werden sollen, ist ein heftiger Streit entbrannt.

Die Unterzeichner lehnen die Erlaubnis zur PID auch für wenige Einzelfälle ab. Sie befürchten, die Gentests im Reagenzglas könnten weiter um sich greifen. "Wenn man anfängt, die Tür ein kleines Stück zu öffnen, wird ein Scheunentor daraus", so Europa-Parlamentarierin Hiltrud Breyer (Grüne). Liese konkretisierte: "Wenn wir einmal zu dem Schluss kommen, dass der Wunsch nach einem eigenen Kind das Überwinden ethischer Grenzen rechtfertigt, dann sind wir schnell beim reproduktiven Klonen."

Mitunterzeichnerin Birgit Dembski von der Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung der Mukoviszidose befürchtet, dass durch die PID ein Klima entstehen könnte, "in dem genetische Erkrankungen als vermeidbar angesehen werden". Gerade die Mukoviszidose ist ein gutes Beispiel dafür, dass moderne Therapien die Lebenserwartung und -qualität deutlich erhöhen können. Dembski betonte allerdings auch, dass ihr Verband sich mit der kritischen Haltung zur PID schwer tut: "Schwere Verläufe der Krankheit sind möglich. Und wir möchten auf keinen Fall Eltern, die sich die PID wünschen, an den Pranger stellen."

Michael Ludwig, Leiter des Bereichs Reproduktionsmedizin an der Frauenklinik der Universität Lübeck, plädierte dafür, diesen Eltern die Option für die PID zu öffnen. Er machte deutlich, dass es dabei nicht um einen generellen "Gencheck" geht, sondern immer nur um gezielte Tests auf eine schwere Erkrankung, die bei den Eltern im Erbgut liegt. Dass damit - wie bei der "Schwangerschaft auf Probe" auch - Selektion betrieben würde, müsse man zugeben.

Das Dammbruch-Argument hält Ludwig für wenig stichhaltig: Im Gegensatz zur Pränataldiagnostik ist die PID teuer und aufwändig. Paare, die auf natürliche Weise ein Kind bekommen können, müssen schwer wiegende Gründe haben, um die dazu nötige Prozedur der In-vitro-Fertilisation in Kauf zu nehmen. Zudem könne man einer Ausweitung Riegel vorschieben: "Wenn wir nicht wollen, dass gemacht wird, was die Kritiker befürchten, kann die Gesellschaft sich an jedem Punkt dagegen entscheiden."

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