Gesundheit : Gentechnik: Menschenwürde aus dem Erbgut

Hartmut Wewetzer

Wenn von Genen die Rede ist, dann geht es meist auch um Geschäfte, um neue Medikamente und um Nahrungsmittel. Für Gottfried Schatz ist das zu wenig, viel zu wenig. Der Wissenschaftler vom Biozentrum der Universität Basel sieht in der Gentechnik auch ein Instrument, um "ein tieferes Wissen von uns selbst zu bekommen". Schatz redete bei einer Veranstaltung zum Thema "Gentechnik - Königsweg oder Irrweg der Wissenschaft?". Sie war gemeinsam von der Schweizerischen Botschaft, dem Wissenschaftsforum Berlin und der Verlagsgruppe von Holtzbrinck aus Anlass des Biotechnik-Weltkongresses im Wissenschaftsforum am Gendarmenmarkt ausgerichtet worden.

"Zum ersten Mal haben wir präzise Teilantworten auf uralte Fragen: Was ist der Mensch? Was ist das Besondere an uns?", behauptete der Forscher, der in seinem frei gehaltenen Vortrag ein umfassendes Panorama der Geschichte des Lebens entwarf. "Belebte Materie ist unendlich viel komplizierter aufgebaut als unbelebte", stellte Schatz fest. "Lebende Zellen sind die komplizierteste Materie, die wir im Universum gefunden haben." Die chemische Zusammensetzung eines Steins lasse sich auf einer Seite zusammenfassen, für die einer Zelle benötige man Millionen Seiten.

Je einfacher ein Lebewesen aufgebaut ist, umso unfreier ist es auch. Viren - eigentlich nur wandelnde Erbanlagen - bringen es mitunter lediglich auf zehn Gene. Und sie sind ebenso wie primitive Bakterien nicht dazu imstande, frei zu leben, sondern auf Wirtszellen angewiesen. "Diese Organismen brauchen alle Erbanlagen zum nackten Überleben", sagte Schatz.

Bei frei lebenden Bakterien gibt es schon erste Wahlmöglichkeiten. Von 5000 Genen kann man schon einmal das eine oder andere abschalten, einfache "Ja-nein-Antworten" auf Umweltsignale sind möglich. Ein gewaltiger Sprung ist es dann zum Menschen mit seinen Zehntausenden von Genen, der Vielfalt ihrer Schreibvarianten und der Komplexität seiner Billionen von Zellen. Nur noch jedes zehnte Gen des Menschen dient dem reinen Überleben. Jede Gewebeart im Menschen bedient sich je nach Bedarf im genetischen Repertoire und benutzt ein jeweils typisches Spektrum von Erbmerkmalen. Befreit von der "unerbittlichen Tyrannei des kleinen Genoms" gewinne der Mensch mit der Informationsfülle seiner 100 000 Gene unverwechselbare Individualität. Schatz ging noch weiter: "Der Reichtum eines Genoms ist auch ein Maß für die biologische Würde eines Lebewesens."

Teil eines größeren Ganzen

Während der Reichtum unseres Genoms uns mit Stolz erfüllen kann, lehrt uns eine andere Tatsache Demut: "Die menschliche Zelle ist eine Verschmelzung vieler verschiedener Lebewesen", sagte Schatz. "Wir sind nur Teil eines größeren Ganzen."

Und zuvor hatte Ernst-Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in seinem Vortrag an das gemeinsame genetische Erbe des Lebens erinnert; so finden sich viele menschliche Gene bereits in ähnlicher Form in der Bäckerhefe, von der uns immerhin 700 Millionen Jahre Entwicklung trennen. Dahinter verbirgt sich eine ökologische Bedeutung. "Mit jedem Organismus, der ausstirbt, stirbt auch ein Stück von uns selbst", stellte der Genforscher Winnacker fest.

"Wie lässt sich die Idee der Willensfreiheit in Einklang bringen mit der Tatsache, dass wir biochemische Maschinen sind?" fragte Schatz. Aber sind wir wirklich unfrei? Der Wissenschaftler erinnerte daran, in welchen engen Grenzen die bekannten Naturgesetze wirksam sind. Die Naturgesetze scheiterten bislang auch an der Zelle, deren Komplexität sich einer Gesamtanalyse noch lange entziehen wird. Es bleibt also Hoffnung: wir sind vielleicht doch mehr als Marionetten an den Fäden der Gene. Und das nicht nur deshalb, weil die Gene "maßlos überschätzt werden", wie es Winnacker auf der Veranstaltung sagte. Sondern auch - und darauf wies Schatz hin -, weil es in jeder Zelle noch weitere Formen von "tradierter" Information gibt.

Trotzdem monierte in der anschließenden Diskussion ein Zuhörer, dass für ihn die Würde des Menschen mit dem Geheimnis des Lebens zusammenhänge - der entzauberte Mensch könnte auch seiner Würde beraubt sein. Das wies Schatz zurück: Je größer das in einem Organismus gespeicherte biologische "Wissen", sein Informationsgehalt, umso größer sei auch die Freiheit. "Und umso mehr Freiheit, umso mehr sind wir Menschen." Für ihn sei es wiederum Teil seiner Menschenwürde, das Wissen um seine biologische Herkunft aufzuklären und zu deuten - so, wie es die Vorsokratiker in der Frühzeit der Philosophie getan hatten.

In einem Beitrag für das amerikanische Magazin "Science", in dem er über das Schweizer Votum zur Gentechnik vom Sommer 1998 berichtete, hatte Schatz auch auf eine Schwäche der Naturwissenschaften hingewiesen, nämlich auf ihre große Distanz zu den Künsten: "Früher waren sie unsere natürlichen Verbündeten, aber in diesem Jahrhundert haben wir uns voneinander entfernt." Zumindest ein wenig Annäherung wurde an diesem Nachmittag in Berlin erreicht, als nämlich der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg über den "Schriftsteller und die Gene" sprach.

Gefahr des gläsernen Menschen

Muschg lobte zunächst Schatz "wunderbare Erzählung", mit der dieser am Schluss seines Vortrags die vier Milliarden Jahre währende Entwicklung des Lebens auf der Erde beschrieben hatte. Aber Muschg ging dann doch nicht weiter auf seinen Vorredner ein. Was er sagte, hatte man so ähnlich schon öfter gelesen. Muschg kritisierte die Kommerzialisierung der biomedizinischen Forschung, ihren Anspruch auf Allwissenheit, und er beschwor die Gefahr des bevorstehenden gläsernen Menschen und das Risiko von Eugenik und Menschenzüchtung.

Zum Kronzeugen seiner Technik- und Wissenschaftskritik machte Muschg Goethe, der am Ende seines Lebens noch besorgt den Beginn des industriellen Zeitalters registriert hatte. Und Goethe markiert auch das Ende der Gemeinsamkeiten zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Im 19. Jahrhundert trennten sich ihre Wege, seitdem ist die Rede von zwei Kulturen. Die Position des Forschers Gottfried Schatz, den Menschen wesentlich aus Sicht der Biologie zu begreifen, mag angreifbar sein. Aber der Rückzug auf Goethe kann nicht die Antwort auf die Herausforderung durch das Genom sein. Muschg rief am Ende seiner Rede in Sachen Gentechnik zu einem offenen Diskurs und einer kultivierten Praxis auf. Man sollte ihn beim Wort nehmen.

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