Gesundheit : Gentechnik: Soja ante portas

Adelheid Müller-Lissner

Immer wieder überholt der Bus ein Pferdefuhrwerk. Die Jungen mit den nackten Oberkörpern, die dichtgedrängt im Wagen sitzen, lachen und winken. Am Wegesrand, im Schatten der Bäume, sitzen die Großväter. Die mittlere Generation ist hier in den Dörfern dagegen nur schwach vertreten. "Die Besitzer der kleinen Bauernhöfe kommen am Samstag auf ihr Land, am Montag gehen sie, auch wenn sie arbeitslos sind, wieder in die Stadt zurück", erklärt Serinela Spatarelu, Redakteurin der Tageszeitung "Adevarul" ("Die Wahrheit").

Wir sind im Südosten Rumäniens, in der Nähe der Stadt Braila (250 000 Einwohner) und des Donaudeltas, und reisen auf den Spuren des biotechnologischen Fortschritts. Auf 12 000 Hektar heißt er in dieser Gegend "Roundup-Ready"-Sojabohne und wird von der amerikanischen Firma Monsanto geliefert. Um zu verstehen, was diese gentechnisch veränderte Pflanze auszeichnet, muss man mit dem ersten R beginnen, das mit Gentechnik noch gar nichts zu tun hat: Round-up ist ein Herbizid und enthält den Wirkstoff Glyphosat.

Hilfreiches Bakteriengen

Glyphosat wirkt auf so gut wie alle Blattpflanzen vernichtend, indem es ein pflanzeneigenes Enzym, die EPSP-Synthase, hemmt. Die Pflanzen verhungern gewissermaßen, weil der Nachschub an lebenswichtigen Aminosäuren versiegt.

Die Gegner, die mit den Vernichtungsschlägen von Herbiziden getroffen werden sollen, sind Unkräuter aller Art. Um die Ernte selbst zu schonen, muss das zweite R der Roundup-Ready-Pflanzen zum Einsatz kommen: RR-Sojabohnen sind Hybride, transgene Pflanzen, in die ein Gen eingeschleust wurde, das sie für das Herbizid unempfindlich macht. Das Gen stammt aus einem Bodenbakterium und sorgt für die Produktion einer Variante des Enzyms. Diese Spielart wird durch Roundup nicht lahmgelegt, so dass die biotechnologisch veränderten Sojabohnen nicht absterben, wenn das Gift gesprüht wird. Ohne Zweifel hat die Firma den Absatzmarkt für das eigene Unkrautvernichtungsmittel beträchtlich erweitert, indem sie die Pflanze dem Gift anpasste. Gefährlich könnte das werden, wenn die transgene Pflanze durch nicht vorhergesehene Eigenschaften das ökologische Gleichgewicht oder die Gesundheit der Konsumenten bedrohte. Studien ergaben allerdings bisher keine Hinweise darauf, dass beispielsweise neue Allergien zu befürchten sind. "Ich schlafe ruhiger, seit ich die neuen Sojabohnen anbaue", sagt Grigore Petre von "Agrogal" einem Zusammenschluss von 17 Farmen mit insgesamt 286 Angestellten, jede von ihnen 600 bis 1200 Hektar groß. "Der Staat war leicht davon zu überzeugen, dass der Anbau von RR-Pflanzen erlaubt werden sollte, weil wir die Vorteile sahen: Bessere Erträge und Einsparungen bei Herbiziden, da weniger behandelt werden muss", berichtet Constantin Sin vom Ministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Forstwirtschaft. Petre spricht von verdoppelten Erträgen. Elena Marcela Badea, Biologin und Mitglied des nationalen Biosafety Commitee, die an der von Monsanto organisierten Landpartie teilnimmt, hat die Erfahrung gemacht, dass die Kritiker der grünen Gentechnik - in Rumänien eher spärlich vertreten - vor allem aus der Stadt kommen und zur Welt der Pflanzen wie der Agrikultur wenig Beziehung haben. Die kann man Hristofor Michelis nicht absprechen, der sich an Aussehen und Gesundheit der Sojapflanzen sichtlich freuen kann. Der Mittdreißiger, der hier auf dem Land geboren ist und in Bukarest Agrikultur studiert hat, ist Technical Manager der "Agromixta Ograda", zu der 8000 Hektar Land gehören. Etwa ein Viertel dieser Fläche ist seit der rumänischen Wende im Jahre 1989 in Privatbesitz. Insgesamt sind 84 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen mittlerweile privatisiert. Im Durchschnitt stehen einem Privatbauern 2,3 Hektar zur Verfügung, in der EU sind es 16,6. Es gibt Hunderte von Kleingrundbesitzern, die ihr Land von der Organisation bestellen lassen, nicht zuletzt mit RR-Sojabohnen. Die Alternative demonstriert der Agromanager an Ort und Stelle: Wo die Traktoren nicht hinkamen und kein Roundup verteilen konnten, gehört der Ackerdistel das Feld. In den USA machten die RR-Sojabohnen schon im Jahr 1999 die Hälfte des gesamten Ertrags aus. Rumänien begann, später als Argentinien, Mexiko und Kanada, erst 1999 mit ihrem Anbau.

Bei der Kartoffel, dem "zweiten Brot", das in Rumänien als Grundnahrungsmittel gilt, ist es der Kartoffelkäfer, der den Bauern die Ernte verderben kann. Das Insekt liebt das warme Klima. Auf den Monsanto-Versuchsfeldern sind nebeneinander zwei Arten von Kartoffelpflanzen zu besichtigen: Die einen wurden - in mittlerweile "konventioneller" Art - vier Mal mit Insektiziden behandelt. Dies hat teilweise schon zu Resistenzen geführt. Die anderen sind Früchte der Biotechnologie: Bt-Kartoffeln heißen so, weil sie ein Gen des Bacillus thuringiensis enthalten. Kartoffeln lernen Selbstverteidigung

Das Bakterium ist als biologisches Insektizid schon seit 20 Jahren im Einsatz. Es besiedelt die damit besprühten Pflanzen und erzeugt ein natürliches Gift, das nur die Larven bestimmter pflanzenfressender Insekten tötet. Nachteilig ist, dass es leicht von den Pflanzen abgewaschen und auch schnell abgebaut wird. Bt-Kartoffeln haben nun Selbstverteidigung gelernt: Weil ihnen die erforderlichen Gene des Bakteriums übertragen wurden, können sie das erforderliche Gift selbst produzieren und damit die feindlichen Insekten außer Gefecht setzen. In ihrem Anfang Juli veröffentlichten "Human Development Report" verweisen die Vereinten Nationen darauf, dass Bedarf für eine bessere Biotechnologie in der Landwirtschaft bestehe - und zwar vor allem im Interesse der Länder, die in ihrer Entwicklung den Industrienationen hinterherhinken. "Der geregelte Anbau biotechnologischer Nutzpflanzen kann Unterernährung und Hunger in den sich entwickelnden Ländern verhindern", heißt es da. Hunger und Mangelernährung, die als Argument für den Anbau transgener Kulturpflanzen wie des "Golden Rice" in Asien gelten können, sind in Rumänien aber nicht das Problem. Der Nutzen, der in der gezielt veränderten DNS der Samen wichtiger Kulturpflanzen liegt, wird hier eher in rumänischen Lei gemessen. Perspektivisch aber durchaus auch in Euro.

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