Gesundheit : Gentechnik: Warnung vor erbarmungsloser Moral

Die ungekürzte Rede im Internet unter: www.m

Am 22. Juni sprach Hubert Markl, Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, bei der Hauptversammlung der Gesellschaft im Berliner Schauspielhaus zum Thema "Freiheit, Verantwortung, Menschenwürde: Warum Lebenswissenschaften mehr sind als Biologie". In der Rede setzte Markl sich mit der Kritik an den Biowissenschaften auseinander. Wir dokumentieren Auszüge.

Zum Thema Online Spezial: Die Debatte um die Gentechnik "Zur Zeit spielt sich in Deutschland und weit darüber hinaus, aber nirgends so grundsätzlich und erhitzt, eine weltanschauliche Auseinandersetzung über Natur und Wesen des Menschen, und daraus folgend über seine Rechte und Pflichten ab, die von profunder Bedeutung für das Selbstverständnis aller Menschen und die Grundlagen ihrer gemeinschaftlichen Lebensgestaltung ist. Dieser Auseinandersetzung, deren Reichweite weit über die eher begrenzt bedeutungsvollen Anlässe von Stammzellenforschung oder Präimplantationsdiagnostik hinausgeht, kann und darf sich der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft nicht entziehen. Ich selbst will mich dem aber auch ganz persönlich nicht entziehen, weil ich als Biologe den damit verbundenen Problemen zu allerletzt ausweichen möchte.

Dabei kann es allerdings leider nicht ausbleiben, dass ich mich in dem einen oder anderen Streitpunkt nicht völlig in Übereinstimmung mit dem wiederfinde, was der Herr Bundespräsident in seiner beeindruckenden Grundsatzrede - manche sprachen gar von Levitenlesung - vom 18. Mai dieses Jahres dazu gesagt hat, obwohl ich vielen seiner Aussagen sehr zustimme. Glaube niemand, dass es mir leicht fällt, gleichzeitig den ökumenisch vereinten deutschen Bischofskonferenzen, den Partei- und Fraktionsvorsitzenden von CDU, CSU und Grünen, dem biopolitisch gleichgeschalteten Gesamtbioethikrat deutscher Tageszeitungen, und dann sogar auch noch dem Bundespräsidenten zu widersprechen, als frecher Hecht im dicht an dicht besetzten Karpfenteich moralischer Hochgesinnung.

Glücklich ein Land, in dem ein einfacher Max-Planck-Präsident einem hochgeschätzten Bundespräsidenten öffentlich widersprechen darf, gleichsam von Bürger Markl zu Bürger Rau. Denn in Fragen von Gewissen, Moral, Freiheit, Verantwortung und Menschenwürde muss jeder Bürger sein eigener Experte sein.

Selten haben Biologen oder Mediziner in so kurzer Zeit so viel Neues über die Grundlagen des Lebens und über unsere Möglichkeiten, solches Wissen anzuwenden, gelernt. Und niemals zuvor hat eine so breite Öffentlichkeit zumindest soweit davon Notiz genommen, dass so viel Neues und Unverstandenes die ureigensten Privatentscheidungen von Essensauswahl bis Kinderwunsch, von Lebensversicherung bis Arbeitsplatz betrifft und daher alle gemeinsam angstvoll und hoffnungsvoll verunsichert.

Zwischen Angst und Hoffnung

Da der rasche, auch für die Wissenschaftler selbst kaum überschaubare Fortschritt der Forschung diese Wechselgefühle von Angst und Hoffnung hervorruft, müssen wir diese Verunsicherung ernst nehmen und Verständnis dafür aufbringen. Mehr noch: Die kontroverse öffentliche Debatte darüber ist unumgänglich. Die sich manchmal überschlagenden Stimmen der Medien sind unverzichtbarer Teil einer öffentlichen, freien Auseinandersetzung mit den sich überstürzenden Neuerungen. Viele Befürchtungen werden sich als übertrieben herausstellen, viele Hoffnungen genau so.

Wir sollten uns auch nicht darüber wundern, wie groß das Verlangen vieler nach klaren Wegweisungen und Grenzziehungen ist, möglichst aus berufenem Mund und möglichst unbezweifelbar in ewigen Werten und Wahrheiten verankert. Der Wunsch danach ist einsichtig, aber er wird die Menschen von den Zweifeln und Mühen eigenen kritischen Urteils nicht befreien können. Kein noch so sorgfältig argumentierender Ethikrat, dessen Argumente wir übrigens doch erst einmal hören sollten, ehe wir sie gleich vorweg verdächtigen, kann uns davon befreien, uns selber in entscheidenden Fragen für eigenes Urteil kundig zu machen.

Und wer mit moralischem oder juristischem Machtwort die Debatten beenden möchte, wird merken, dass sie gerade deshalb weitergehen. Denn wo ein jeder Mensch im eigenen Innersten berührt ist, da ist er letztlich selbst für seine Gewissensentscheidungen verantwortlich, solange wie wir in einer Gesellschaft leben, die darauf begründet ist, in der Gewissensfreiheit jedes Einzelnen den Kern der Würde jedes Menschen zu achten. Letzten Endes geht es dabei immer darum: Was ist der Mensch?

Das, woraus sich etwas neues entwickelt, ist nicht identisch mit dem Neuen selbst. Dies gilt auch für den Menschen. Jede geborene menschliche Person ist etwas einmalig Neues, das sich aus einer befruchteten menschlichen Eizelle entwickelt hat. Aber deshalb ist diese befruchtete Eizelle noch lange kein Mensch, jedenfalls nicht als eine naturwissenschaftlich begründete Tatsache; allenfalls dann, wenn wir dem Begriff "Mensch" - und zwar durchaus willkürlich - eine ganz neue, andere Bedeutung als bisher zuweisen. Das hat damit zu tun, was wir meinen, wenn wir einem Lebewesen den Begriff "Mensch" zuordnen. Dies ist nämlich kein Etikett der Natur, sondern eine selbstbezügliche Redeweise von Menschen, deren Bedeutung nicht die Natur festlegt, sondern die sie selbst bestimmen. "Mensch" ist keine rein biologische Tatsache.

Zwar gehört jeder heute lebende Mensch biologisch zur Art Homo sapiens. Aber Menschlichkeit, Menschenwürde, ja recht eigentlich Menschsein ist mehr als dies Faktum, es ist eine kulturell-sozial begründete Attribution, die sich in der Begriffsbegründung zwar sehr wohl biologischer Fakten bedienen kann, die sich aber in ihnen nicht erschöpft. Die Spezies Homo sapiens ist eben nicht nur biogenetisch, sondern durch ihr kulturelles Leistungsniveau zu klassifizieren - der Mensch wurzelt zwar in seiner Biologie, aber er ragt weit aus ihr heraus. Deshalb kann sich seine Definition auch nicht in molekulargenetischen Tatsachen wie dem chemisch beschreibbaren Vorhandensein jener 3,2 Milliarde Nukleotide in einer Zygote erschöpfen.

Wir wissen, dass, heute wie in der Vergangenheit, verschiedene Kulturen den Zeitpunkt des Beginns der Zuschreibung des Menschseins gegenüber dem sich entwickelnden Embryo oder Fötus sehr verschieden gewählt haben und noch wählen, selbst bei genauer Kenntnis der Tatsache, dass der Embryo seinen Entwicklungsanfang in der Vereinigung von Ei- und Samenzelle hat. Die jüdische Religion weist der Tatsache, dass sich der Mensch nur in engster Verbindung zu einem mütterlichen Körper entwickeln kann, eine besondere Bedeutung für die Menschwerdung zu.

"Freiwild der Forscher"

Um dem böse Interessen unterstellenden Gegenargument, mit einer solchen Feststellung würde der nicht in einen Uterus implantierte Embryo zum "Freiwild der Forscher", sogleich zu entgegnen: Selbstverständlich hindert nichts daran, auch der nicht implantierten Zygote und dem nicht von der Mutter physisch wie psychisch aufgenommenen Embryo eine ganz andere Qualität, nämlich menschliche Qualität, im Sinne des Grundgesetzes also Menschenwürde, zuzusprechen.

Wenn es um bioethische Entscheidungen geht, die insbesondere Beginn und Ende des Menschenlebens betreffen, dann muss der Gewissens- und Handlungsfreiheit des einzelnen selbst betroffenen Menschen - ob Christ oder nicht - in einer freien Gesellschaft ein hoher Rang eingeräumt bleiben. Damit ist nicht nur die Freiheit von Eltern, insbesondere von Müttern gemeint, sich, wenn Präimplantations- oder Pränataldiagnostik schwere Entwicklungsstörungen einer Leibesfrucht erwarten lässt, für oder gegen deren Austragen zu entscheiden.

Mich schrecken dabei sozialethische Argumente der Art, es könnte die Stimmung in der Bevölkerung für oder gegen Behinderte beeinflussen, wenn es Müttern frei überlassen wird, solche schweren Entscheidungen zu treffen. Nicht nur deshalb, weil sich hier andere anmaßen, nach ihrem Gutdünken anstelle der Eltern und vor allem der Mütter zu entscheiden. Dabei wird nämlich verkannt, dass die allermeisten Behinderungen sowieso nicht angeboren sind und dass selbst von den angeborenen Fällen auch künftig sehr viele keineswegs früh erkannt werden können. An Behinderten wird es der Gesellschaft also bestimmt nicht mangeln. Mich schreckt am meisten der Geist erbarmungsloser Moral und zugleich des rechtlichen Zwanges auf betroffene Einzelne im Dienste vermeintlicher Gemeinschaftsinteressen. So, als gehörten eine Frau und ihr Reproduktionsverhalten und sogar die dabei instrumentalisierten Behinderten zu allererst einmal dem Staat, der dieser Frau in von Mehrheitsmeinung abhängigen Grenzen Freiheiten hinsichtlich ihres ureigensten Menschenrechts, nämlich der Entscheidung über die eigene Fortpflanzung, einräumt oder versagt, und sie gegebenenfalls dazu zwingt, ein schwerst behindertes Kind sozusagen als Exempel für andere auszutragen und aufzuziehen.

Je älter ich werde, umso falscher finde ich es nämlich, wenn alte Männer - wie ich - junge Frauen gegen ihren Willen zur Fortpflanzung verpflichten wollen. Es mag schon zutreffen, dass Eltern keinen Rechtsanspruch auf ein gesundes Kind haben - allerdings sehr wohl ein Menschenrecht, danach zu streben! Aber ebensowenig gibt es wohl einen Rechtsanspruch einer Gesellschaft auf Zeugung und Geburt von Behinderten zum Ausweis ihrer moralischen Prinzipien!

Den Biologen muss ja schon die Form erstaunen, in der die Frage nach dem Lebensbeginn oft gestellt und beantwortet wird: Wann beginnt das Leben? Das Leben begann nämlich auf dieser Erde vor mehr als 3 Milliarden Jahren und hat sich seither in ununterbrochenem Strom fortgesetzt.

Sie mögen dies in unserem Zusammenhang für eine unpassende Perspektive halten, denn es gehe ja um den Beginn des individuellen Menschenlebens. Zweifellos sind Ei- und Samenzelle ebenfalls bereits lebendig, ebenfalls mit einem menschlichem Genom ausgestattet und ebenfalls genetisch jeweils ganz und gar individuell. Dies macht uns bewusst, dass es auf keines dieser Attribute allein entscheidend ankommt, sondern auf die Entwicklung eines neuen Menschen.

Der neue Mensch ist nicht fertig in der Zygote, er kann aus ihr werden und zwar nur unter bestimmten Bedingungen, für die die Verbindung zum Mutterorganismus für Säugetiere nicht etwa nur so etwas wie die eines Untermieters in einer Biowohnung, sondern für eine normale Entwicklung absolut konstitutiv ist."

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