Gesundheit : Gentechnik: Wie die Forschung millionenfach Leben rettet

Hartmut Wewetzer

Der 31. Mai ist ein besonderer Tag. Nicht nur für die deutschen Politiker, die an diesem Donnerstag im Bundestag über Gentechnik debattieren werden. Auch für eine Handvoll Genforscher in Europa und Amerika. Sie berichten an diesem Tag über einen Aufsehen erregenden Genfund im Wissenschaftsmagazin "Nature". Es geht um ein Erbmerkmal, das seinen Träger anfällig für die Crohn-Krankheit macht, genauer: um ein verändertes Gen auf Chromosom 16.

Die Crohn-Krankheit betrifft etwa jeden tausendsten Europäer. Sie ist eine chronische, also nie ganz verlöschende, zugleich in Schüben verlaufende Entzündung. Sie befällt den ganzen Verdauungstrakt, vor allem aber den Darm. Crohn-Kranke werden ihr Leiden nie mehr völlig los. Durchfall, Fieber, Bauchschmerzen und Gewichtsverlust sind häufig. "Der Crohn fistelt", sagen die Fachleute. Die Krankheit verbreitet sich über röhrenförmige Gänge durch den Bauch und wühlt sich in andere Bauchorgane, in Muskeln und bis in die Haut.

Der Gen-Fund wird die Krankheit nicht heilen. Er ist nur ein Puzzleteil, der das Bild des Leidens vervollständigt. Wie entsteht es? Vermutlich durch ein folgenschweres Zusammenspiel der Erbanlagen mit der Umwelt. Wie lässt es sich behandeln? Möglicherweise, indem man auf der Basis des genetischen Wissens neue Therapien entwickelt. Damit haben Mediziner schon begonnen. Auch wenn die Erfolge, wie bei vielen anderen Leiden, bescheiden sind - fest steht, dass wir ohne die Genforschung die chronischen Krankheiten nicht in den Griff bekommen werden. Viele Kranke setzen auf die Wissenschaft, und seien ihre Ergebnisse bisher nur ein Hoffnungsschimmer.

Mit seiner Rede zur deutschen Gen-Debatte hat Rau vor der Bundestagsdebatte aus Sicht der Kritiker ein wichtiges Signal gesetzt. Aber das, was die Genforschung heute auszeichnet und sie fast ausschließlich bewegt - die Suche nach Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten chronischer Leiden wie der Crohn-Krankheit - kam allenfalls am Rande seiner Rede vor. Dass er die harte, nicht selten aufopferungsvolle Arbeit vieler Ärzte und Forscher nur knapp erwähnte, mag manchen enttäuscht haben.

Raus wenige Worte über die Verdienste der Forscher ist auch ein Symptom dafür, dass sich die derzeitige "biopolitische" Diskussion gar nicht so sehr um die Gentechnik und ihre Realität dreht. Sie kreist nur noch um zwei Themen: nämlich um die Präimplantationsdiagnostik und um menschliche embryonale Stammzellen.

Beide Gebiete haben mit Gentechnik eher wenig zu tun. Vor allem aber spielen sie in der gegenwärtigen Forschung nur eine geringe Rolle und liegen abseits des Mainstreams. In Deutschland hat bislang ein einziger Wissenschaftler Interesse an der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen angemeldet; die Präimplantationsdiagnostik, also der Gen-Test beim Reagenzglas-Embryo, kommt jedes Jahr allenfalls für einige Dutzend Familien in Frage. Nämlich nur für die, die mit schweren Erbkrankheiten geschlagen sind und sich ein gesundes Kind wünschen.

Selbst Anhänger oder Praktiker der Gentechnik räumen ein, dass aus menschlichen Embryonen gewonnene Stammzellen schwierige ethische Fragen aufwerfen. Und nicht wenige sind der Meinung, man sollte die Finger davon lassen. Mit dem Anprangern der Präimplantationsdiagnostik und der Embryonenforschung - Rau klammerte ausdrücklich die Abtreibung nach Paragraph 218 aus - hat der Bundespräsident eine Art große Koalition der Kritiker geschaffen.

Die Entwicklung der Gentechnik begann vor 30 Jahren, seit rund 15 Jahren wird in Deutschland über ihre Chancen und Risiken teilweise heftig diskutiert. Noch zu Beginn der 90er Jahre stand die junge Technik unter einem eher ungünstigen Stern. Wortgewaltige Kritiker erhoben ihre Stimme in den deutschen Zeitungen, darunter Erwin Chargaff, ein Biochemiker, der in späteren Jahren zum Gentechnik-Feind konvertierte und Wissenschaftler-Teams als "Pfützen, in denen viele Menschen zusammenfließen", bezeichnete. Brandsätze landeten in deutschen Gen-Labors, Forscher wurden unter Polizeischutz gestellt. Wissenschaft und Industrie stöhnten über einen Papierkrieg, den das konkurrenzlos strenge deutsche Gentechnik-Gesetz ihnen auferlegte.

Herzog contra Rau

Die Wende kam Mitte der 90er Jahre, als Erfolgsmeldungen in der auswärtigen Genforschung ein Umdenken erzwangen. Das Gentechnik-Gesetz wurde gelockert. Es gelang der Bundesregierung, mit dem "Bioregio"-Wettbewerb ein Welle von Existenzgründungen auf dem Gebiet der Biotechnik-Unternehmen auszulösen. Den Höhepunkt öffentlicher Zustimmung bedeutete die "Ruck-Rede" von Bundespräsident Roman Herzog, in der er zum "Aufbruch ins 21. Jahrhundert" aufrief, an den globalen Wettlauf erinnerte und ideologische Technikfeindlichkeit geißelte. Auch in der aktuellen Debatte hat Herzog für Bundeskanzler Schröder und gegen den Fortschrittsskeptiker Rau Position bezogen.

Manche Forscher hatten befürchtet, mit dem Regierungswechsel werde sich auch der Wind in der Wissenschaftspolitik drehen. Überraschenderweise trat das Gegenteil ein. Zwar wurde bei der "grünen" Pflanzen-Gentechnik gebremst, doch dafür förderte das Forschungsministerium die "rote" Biotechnik umso mehr - zuletzt mit einer großen Genom-Initiative.

Seit einigen Monaten aber beginnt die Zustimmung zu bröckeln. Schon die Entzifferung des menschlichen Genoms fand ein zwiespältiges Echo. Die britische Entscheidung, Forschung an embryonalen Stammzellen und das therapeutische Klonen zuzulassen, stieß überwiegend auf Kritik. In den Medien ist die Bio-Wissenschaft schon fast zur Freakshow geworden: Da gibt es Berichte über Chirurgen, die Köpfe verpflanzen wollen, über sektiererische Menschenkloner oder über Reagenzglas-Mischwesen aus Mensch und Tier. Die kleinen, aber bemerkenswerten Fortschritte der seriösen Forschung werden dagegen selten gewürdigt. Fast spiegelbildlich steht am Ende nun Raus Rede: ein "Anti-Ruck".

Der Schwerpunkt der Debatte hat sich verlagert. Waren die letzten Jahre von einem für die Außenwelt schwer nachvollziehbaren Expertenstreit über die möglichen Risiken der Gentechnik bestimmt, geht es nun um ethische Fragen. Die Gegner von PID und Stammzellforschung sehen in der befruchteten Eizelle schon einen kleinen Menschen. Die andere Seite bezweifelt dies und argumentiert, auch das Verhüten und Bekämpfen von Krankheiten sei ein hohes moralisches Ziel. Es scheint nur Gegner und Befürworter zu geben.

Leben: ein Netzwerk

In den letzten zehn Jahren hat sich die Gentechnik weltweit etabliert. Sie wird in Tausenden von Labors angewandt, um biologische Strukturen zu ergründen, Krankheitsursachen aufzuhellen und Arzneien zu entwickeln. Dabei ist sie nur ein Instrument in einem ganzen Orchester wissenschaftlicher Verfahren. Denn neben den Genen sind auch ihre Produkte, die Proteine, von großer Bedeutung. Leben und seine Störungen sind nur als komplexes Netzwerk verstehbar. Impfstoffe, Arzneien und medizinische Testverfahren entstehen heute mit Hilfe der Gentechnik. Dazu zählen Insulin und Krebsmedikamente ebenso wie Aidsmittel. Auch unser zugegeben sehr schmales Wissen über BSE wäre ohne molekulargenetische Verfahren noch geringer.

Zwei wichtige Lehren lassen sich aus der deutschen Gentechnik-Debatte ziehen. Zum einen die eher deprimierende Tatsache, dass der immer wieder unternommene Versuch, Gegner und Befürworter an einen Tisch zu bringen und damit einen Dialog zu ermöglichen, weitgehend gescheitert ist. Unvereinbar sind die Standpunkte. Dies lässt auch die Zukunft des Nationalen Ethikrats zweifelhaft erscheinen. Schon jetzt regnet es entrüstete Stellungnahmen aus den düsteren Himmeln der deutschen Befindlichkeit.

Umso wichtiger ist die Anmerkung des Genforschers und Publizisten Jens Reich: die Politik hat zu befinden, was aus der Gentechnik werden soll. Forschung und Entwicklung hat es hierzulande gut getan, dass es verbindliche gesetzliche Regelungen gab, mit denen offenbar alle Seiten leben konnten. Dabei muss es bleiben.

Rau hat in seiner Rede die Gentechnik mit der Kernenergie verglichen, "die auch ich lange Jahre für den richtigen Weg gehalten habe". Heute staunten die meisten "über so viel schlichten Glauben an den Fortschritt". Sollte also die Gentechnik in Deutschland dasselbe Schicksal erleben wie die Kernenergie, vielleicht in zehn, 20 Jahren? Das erscheint auch deshalb nicht ausgeschlossen, weil die Genforschung bisher keinen großen Durchbruch erzielt hat. Die Wissenschaft ist ein mühsames und filigranes Geschäft, ein Zusammentragen von Mosaiksteinchen, wie jetzt bei dem Gen für die Crohn-Krankheit. Und die Biotechnik in Deutschland ist immer noch nicht viel mehr als ein zartes Pflänzchen, das rasch verblühen kann, wenn es nicht gepflegt wird.

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