Gesundheit : Gentechnik: "Wir müssen auch über therapeutisches Klonen nachdenken"

Herr Brüstle[was ist an der Entscheidung zum]

Der Bonner Stammzellforscher Oliver Brüstle ist seit 1997 Leiter der dortigen Arbeitsgruppe "Stammzellen". Zuvor forschte der 38-jährige Neurowissenschaftler an den National Institutes of Health in Bethesda, in Maryland. Der Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit ist die Differenzierung von embryonalen Stammzellen in der Kulturschale und ihre Transplantation. Mit Oliver Brüstle sprach Adelheid Müller-Lissner.

Herr Brüstle, was ist an der Entscheidung zum therapeutischen Klonen in Großbritannien eigentlich so revolutionär?

Die Entscheidung Großbritanniens schafft Grundlagen, die Technik der Stammzellklonierung und deren medizinischen Nutzen systematisch zu untersuchen. Erstmals wird es britischen Wissenschaftlern erlaubt sein, menschliche Zellkerne in entkernte menschliche Eizellen einzuführen, um so "erwachsene" Zellkerne auf ein embryonales Stadium zurückzuprogrammieren. Die Zelle, die dabei entsteht, verhält sich wie eine befruchtete Eizelle. Man kann sie im Labor bis zum Keimbläschenstadium ausreifen lassen und daraus embryonale Stammzellen (ES-Zellen) für Transplantationszwecke gewinnen.

Was bringt die neue Forschungsmöglichkeit für die Stammzellforschung?

Auf den ersten Blick handelt es sich nur um eine weitere Raffinesse der Stammzelltechnologie. Denn auch aus nicht geklonten embryonalen Stammzellen lassen sich unbegrenzte Mengen von Spenderzellen für verschiedenste Organsysteme im Labor herstellen. Solche ES-Zellen kann man zum Beispiel aus Embryonen gewinnen, die nach in-vitro-Befruchtungen nicht in die Gebärmutter eingepflanzt werden.

Allerdings müssten mit solchen Stammzellen transplantierte Patienten lebenslang Medikamente einnehmen, um eine Abstoßung des Transplantats zu verhindern. Mit Hilfe geklonter ES-Zellen kann auch dieses Problem umgangen werden, denn die Zellen tragen das Erbgut des Patienten. Da der Zellkern und damit das Erbgut vom jeweiligen Patienten selbst stammt, werden die Stammzellen nach einer Transplantation nicht abgestoßen.

Der Weg bis zu solchen Transplantationen ist aber noch weit.

Ja, aber die Forschung zum therapeutischen Klonen ist mehr als der Versuch, das Problem der Abstoßung zu umgehen. Vorausschauenden Wissenschaftlern geht es gar nicht so sehr darum, das therapeutische Klonen in seiner jetzigen Form in die Klinik zu bringen. Das wäre allein schon wegen der erforderlichen Mengen an Eizellen ein großes Problem. Sie wollen vielmehr verstehen, wie eine Eizelle den Zellkern eines Erwachsenen auf ein embryonales Stadium zurückprogrammieren kann.

Wenn diese Mechanismen verstanden sind, lassen sich Zellen des Erwachsenen in Zukunft vielleicht direkt umprogrammieren - ohne Verwendung von Eizellen, und ohne Embryonen. Doch um diesen Mechanismen auf die Spur zu kommen, muss man die Reprogrammierung menschlicher Zellkerne in entkernten menschlichen Eizellen systematisch untersuchen. Diese Forschungsmöglichkeit wird in Großbritannien nun eröffnet.

Demnach ergänzen sich Forschung an adulten und Forschung an embryonalen Stammzellen?

Beide Bereiche müssen systematisch untersucht werden. Adulte Stammzellen hätten den Vorteil, dass sie vom jeweiligen Patienten selbst gewonnen werden könnten und deshalb nicht abgestoßen würden. Das Problem ist, dass eine gezielte Umprogrammierung adulter Stammzellen in andere Zelltypen im Labor bisher nicht möglich ist. Weiterhin ist es die Frage, ob sich umprogrammierte adulte Stammzellen so vermehren lassen, dass daraus genügend Spenderzellen für ein Transplantat gewonnen werden können. So wird bereits seit vielen Jahren versucht, Stammzellen des Gehirns und des Knochenmarks im Labor zu vemehren - bisher ohne großen Erfolg.

Kommen wir dafür ohne die embryonalen Stammzellen nicht aus?

Aus heutiger Sicht besitzen ES-Zellen gegenüber adulten Stammzellen eindeutige Vorteile: Sie sind uneingeschränkt vermehrbar und können alle Zelltypen des Körpers bilden. In der Zellkultur kann man sie gezielt in Spenderzellen für verschiedenste Organe ausreifen lassen. Darüber hinaus können defekte Gene vor einer Transplantation entfernt oder repariert werden. All dies ist mit adulten Stammzellen aus heutiger Sicht nicht möglich.

Es ist schwer zu sagen, ob ES-Zellen langfristig durch adulte Stammzellen ersetzt werden können. Beide Bereiche sind noch sehr jung. Auf was es jetzt ankommt, ist, beide Stammzelltypen systematisch und vergleichend zu erforschen. Dabei ist nicht ausgeschlossen, dass über das therapeutische Klonen neue Wege zur Reprogrammierung adulter Stammzellen erschlossen werden.

In welcher Form wird heute eigentlich schon mit embryonalen Stammzellen geforscht?

Die gezielte Gewinnung von Spenderzellen für Transplantationszwecke ist bislang nur an ES-Zellen der Maus geglückt. Die in anderen Ländern durchgeführten Arbeiten an humanen ES-Zellen weisen jedoch darauf hin, dass dies auf den Menschen übertragbar ist. Wichtig zu wissen ist, dass es sich dabei nicht um eine verbrauchende Embryonenforschung handelt. Da ES-Zellen nahezu uneingeschränkt vermehrbar sind, könnten wenige Zelllinien genügen, um große Mengen von Spenderzellen zu erzeugen.

Was haben Tierversuche bisher erbracht?

Bei Mäusen ist es bereits möglich, Gehirnzellen, Insulin-bildende Zellen, Herzmuskulatur und viele andere Zelltypen in großer Zahl aus ES-Zellen herzustellen. Übertragen auf den Menschen ließen sich damit langfristig Ersatzzellen für die Behandlung von Krankheiten wie Parkinson, Chorea Huntington, Multiple Sklerose, Diabetes und Herzleiden gewinnen - und das in unbegrenzter Zahl.

Ihre eigene Arbeitsgruppe hat sich auf das Nervensystem spezialisiert. Welche Erfolge gibt es mit Stammzellen?

Uns ist es bereits gelungen, Gehirnzellen, die bei der Multiplen Sklerose zugrunde gehen, aus embryonalen Stammzellen der Maus im Labor herzustellen. Nach Transplantation in kranke Ratten waren diese Zellen imstande, die bei der Multiplen Sklerose defekten Nervenhüllen zu reparieren.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft wird noch in diesem Monat über den Antrag Ihrer Arbeitsgruppe entscheiden. Sie wollen mit Stammzellen experimentieren, die aus den USA importiert werden. Was möchten sie herausfinden?

Nach unseren Ergebnissen im Tierversuch hoffen wir, auch aus menschlichen embryonalen Zellen Spenderzellen gewinnen zu können, die eines Tages für Patienten mit Nervenkrankheiten eingesetzt werden sollen. Wir möchten mit Zelllinien von James Thomson von der Universität Wisconsin arbeiten, die schon in mehreren anderen Ländern eingesetzt werden. Nur in Deutschland arbeitet noch niemand damit. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in Verzug geraten.

Muss Deutschland jetzt überhaupt schnell reagieren, oder haben wir Zeit?

Für überstürzte Handlungen besteht kein Anlass. Zunächst kann der bestehende rechtliche Rahmen ausgeschöpft werden. Wir können an importierten humanen ES-Zellen prüfen, in wie weit sich die erfolgversprechenden Befunde an Mauszellen auf menschliche Zellen übertragen lassen.

Auf Dauer werden wir jedoch um ein klares Ja oder Nein zur Stammzelltechnologie und zum therapeutischen Klonen nicht herumkommen. Denn an importierten Stammzellen erzielte Forschungsergebnisse werden in Deutschland - wenn überhaupt - nur eingeschränkt zu verwerten sein. Und es dürfte wenig glaubwürdig erscheinen, uns bedenklich erscheinende Arbeiten im Ausland durchführen zu lassen, gleichzeitig aber den Nutzen dieser Technologie in Anspruch nehmen zu wollen.

Deshalb sollten wir bereits jetzt darüber nachdenken, sowohl die Gewinnung humaner ES-Zellen als auch Forschungsarbeiten zur Stammzellklonierung für hochrangige medizinische Zwecke in begrenzter Zahl und unter strengen Auflagen zuzulassen.

Brauchen wir dafür neue Gesetze?

Das geplante Fortpflanzungsmedizingesetz bietet eine ideale Gelegenheit, die Nutzung dieser zukunftsträchtigen Spitzentechnologie sinnvoll zu steuern - und dabei Werte zu erhalten, ohne den Fortschritt zu verbauen.

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