Gesundheit : Georg-Simmel-Gastprofessur: Wenn Liebende über Liebe reden

Uwe Schlicht

Arbeiter arbeiten nicht nur, sondern reden bevor sie arbeiten über die Arbeit. Liebende lieben nicht nur, sondern reden auch über die Liebe. Herrscher reden heute mehr über die Herrschaft als dass sie diese, jedenfalls in der Demokratie, ausüben. Kommunikation wird zum Megathema. Und das Internet macht inzwischen jeden, der es will und der über den notwendigen Zugang verfügt, selbst zum Produzenten von Öffentlichkeit. Das Internet bedarf nicht mehr des professionellen Vermittlers, des Journalisten oder Public-Relations-Spezialisten.

Im Laufe der Geschichte hat sich herausgestellt, dass Herrschen auf öffentliches Reden angewiesen ist. Eine Gesellschaft war schon immer ohne Kommunikation undenkbar. Bereits im antiken Griechenland spielte die Agora als der öffentliche Platz zum Meinungsaustausch und zum Regieren genauso eine Rolle wie das Forum im antiken Rom.

Friedhelm Neidhardt, der international bekannte Soziologe und langjährige Rektor des Wissenschaftszentrums in Berlin, hat es übernommen, in diesem Jahr die anspruchsvolle Georg-Simmel-Gastprofessur an der Humboldt-Universität zu übernehmen. Er hält vier große Vorlesungen über Öffentlichkeit und Politik und diese wiederum werden von Seminaren für die Studenten begleitet.

Was ist Öffentlichkeit? Sie beginnt juristisch gesehen, wenn mehr als drei fremde Personen zusammenkommen. Diktatoren haben zu allen Zeiten wissen wollen, was sich jenseits der Familien im Wirtshaus, am Stammtisch oder in Vereinen abspielte - überall dort, "wo das Publikum mit sich selbst spricht ohne ernannte Sprecher". Für Spitzel war diese Art von Volkes Stimme immer interessant.

"Das große Palaver"

Die allgemeine Zugänglichkeit zu öffentlichen Vorgängen ist nicht selbstverständlich gewesen. Erst als die Versammlungsfreiheit, die Demonstrationsfreiheit und die Meinungsfreiheit in den Verfassungen als Grundrechte verankert wurden, bekamen sie den Charakter einer "Grundausstattung der modernen Demokratie". Aber das Publikum ist schon immer wenig vernetzt gewesen. Auch heute noch ist es prinzipiell unabgeschlossen und damit eine "instabile Größe". Der Erfolg von Massenmedien hängt davon ab, dass sie die Interessen dieses diffusen Publikums massenhaft treffen. Legitimiert, wie die durch Wahlen in ihr Amt gelangten Politiker sind die Journalisten und die Public-Relations-Experten nicht. Sie zeichnen sich dadurch aus, dass sie die Interessen des Publikums erfassen und professionell in ihren Medien artikulieren.

Heute kann man sogar so weit gehen, dass nicht nur das Allgemeine immer öffentlicher wird, sondern auch das Private, was die unzähligen Klatschspalten der Illustrierten, der Boulevardzeitungen ebenso zeigen wie die Talkshows des Fernsehens. Neidhardt nennt es das "große Palaver", was die Fernsehzuschauer täglich stundenlang konsumieren.

Dennoch bleibt auch heute in der Zeit der Massenkommunikation das Element der Demonstrationen und der öffentlichen Veranstaltungen unentbehrlich. Vor allem diejenigen Gruppen, die noch nicht etabliert sind, verschaffen sich und ihren Zielen auf diese Weise in der Zivilgesellschaft Gehör. Die besten Beispiele bilden dafür Bürgerproteste, alternative Gruppen und neue soziale Bewegungen.

Unseriöses Internet

Welche Chancen bleiben angesichts der Konkurrenz durch die neuen Medien, der Videos und des Internets noch dem seriösen Journalismus? Neidhardt ist da relativ optimistisch. Das Internet öffnet der ungefilterten, der ungeprüften Information Tür und Tor, aber es sind eben oft auch schlechte Nachrichten, kaum recherchiert oder nur Klatsch, der beim Chatten ausgetauscht wird. Als besonders unseriös schätzt Neidhardt solche Mitteilungen im Internet ein, deren Autor sich tarnt oder der andere Mittel der Anonymität nutzt. Anonyme Informationen entzögen sich der Wahrheitsüberpüfung. Hinzu kommt: Noch sei der Zugang zu wirklich Wissenswertem trotz der Suchmaschinen zeitaufwendig. Neidhardt gebrauchte den Begriff der "chaotischen Strukturierung".

Vor diesem Hintergrund sagte Neidhardt den seriösen Zeitungen, die die Informationsflut durch die Sachkenntnis ihrer Journalisten bewältigen können und ihren Lesern das Wissenswerte heraussuchen, auch für die Zukunft gute Chancen voraus. Die Orientierung in der Masse der Informationen werde für ein gebildetes Publikum immer wichtiger. Aber Zeitungen und ihre Journalisten sollten sich der Wahrheit und Seriösität verpflichtet fühlen, wenn sie ihr Publikum finden wollen. Abonnementszeitungen erreichten es im Gegensatz zum Boulevardjournalismus, auch Leser langfristig an sich zu binden. Als gefährlich für das Fernsehen bezeichnete Neidhart den Trend, sich Zuschauerquoten beliebig einkaufen zu wollen und dabei auf Seriösität bewusst zu verzichten. Eine sehr gute Recherche sei erstens zeitaufwendig, zweitens teuer und könne drittens den Sensationscharakter einer Story verderben. "Big Brother" ist für Neidhardt kein erstrebenswertes Ziel in einer Informationsgesellschaft.

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