Gesundheit : George und die Venus

Thomas de Padova

George hat Seltenheitswert. Nicht, weil er fast 100 Jahre auf dem Rücken hat. Für eine Riesenschildkröte seiner Herkunft ist das gerade das beste Mannesalter. George dagegen hat seit Ewigkeiten keinen Sex mehr gehabt. Er ist der vermeintlich Letzte seiner Art. „Lonely George“, der „einsame George“, wie sie ihn heute in seiner Heimat, auf den Galapagos-Inseln, nennen.

Seit Jahrzehnten ist George keiner Abingdoni-Schildkröte mehr begegnet. Forscher haben verzweifelt versucht, ihn auf Schildkröten-Weibchen verwandter Arten aufmerksam zu machen. Zu seiner Betreuung hat man auch eine attraktive und einfühlsame Zoologin aus der Schweiz nach Santa Cruz eingeflogen. Ohne Erfolg. George frisst den Schildkrötendamen munter das Gras weg, statt mit seinem 100 Kilogramm schweren Körper den Panzer der potenziellen Partnerinnen zu erklettern.

Jetzt allerdings schöpft die Wissenschaft wieder einmal neue Hoffnung, George doch noch zur Nachkommenschaft zu verhelfen. Anhand von Erbgut-Analysen haben Forscher auf den benachbarten Galapagos-Inseln Española und San Cristóbal zwei Unterarten der Riesenschildkröte ausgemacht. Sie seien mit George ganz nah verwandt, berichtet das Fachmagazin „Nature“ in seiner neuesten Ausgabe. Näher jedenfalls als die Schildkröten-Weibchen von Isabella, die George bislang kaum eines Blickes gewürdigt hat.

Einige Damen von den Inseln Española und San Cristóbal werden nun wohl eine Reise nach Santa Cruz unternehmen. Die Gestirne für die Schildkröten-Liaison scheinen augenblicklich besonders günstig zu stehen. Die Venus hat die Welt in ihren Bann gezogen. Heute um 7 Uhr 20 schiebt sich der Planet der Liebe vor die Sonne.

Ein Ereignis mit Seltenheitswert. Kein heute lebender Mensch hat je einen solchen Venusdurchgang gesehen. Der letzte Vorbeizug war vor 122 Jahren. Nicht einmal George war damals geboren. Jetzt aber könnte auch er seine Venus erblicken. Mach’s gut, George!

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