Gesundheit : Gerade noch rechtzeitig

Die „Pille danach“: Kann man sie bald ohne Rezept kaufen?

Adelheid Müller-Lissner

Freitagnacht: Ein verängstigt wirkendes junges Pärchen klingelt an der Tür der Apotheke, die Notdienst hat. Die beiden wissen genau, was sie brauchen. Doch um es von der Apothekerin zu bekommen, müssen sie zuvor noch in die Ambulanz einer Klinik. Die „Pille danach“, die bis zu 72 Stunden nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr eine Schwangerschaft verhindert, ist nämlich bisher in Deutschland nur auf Rezept zu haben. Theoretisch hätten die beiden jungen Leute, die ein geplatztes Kondom in Aufregung versetzte, zwar noch Zeit bis zum nächsten Morgen. „Aber in einem solchen Fall ist es schwer, jemanden auf den Besuch beim Frauenarzt am nächsten Tag zu verweisen“, weiß Magdalene Linz, Präsidentin der Apothekerkammer Niedersachsen, aus Erfahrung.

Anlässlich einer Fachtagung zum Thema wurde im Berliner Abgeordnetenhaus die Forderung nach rezeptfreier Abgabe des Notfall-Verhütungsmittels mit dem Hormon Levonorgestrel (in Deutschland als „duofem“ und „Levogynon“ im Handel) in der Apotheke bekräftigt. Der zuständige Ausschuss des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte hat das schon im Juli dieses Jahres befürwortet. Das letzte Wort hat in dieser Sache jedoch der Gesetzgeber. Die Bundesregierung prüft die Freigabe, doch bedarf es dafür einer Rechtsverordnung und der Zustimmung durch den Bundesrat. Dort blockieren bisher Bayern, Baden-Württemberg und das Saarland.

„Wir hoffen, dass es bald zu einer Freigabe kommt“, sagt dagegen Elisabeth Pott, die Direktorin der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Die Zentrale macht eine Umfrage zur „Pille danach“, deren Ergebnisse im März vorliegen sollen. Für Pott ist klar, dass diese Möglichkeit zur nachträglichen Empfängnisverhütung heute zur Sexualaufklärung gehört. „Jugendliche würden von der Freigabe besonders profitieren.“

Erfahrungen mit der rezeptfreien Abgabe des Hormonpräparats bestehen in 28 Ländern, unter anderem auch in Großbritannien, der Schweiz und Frankreich. Im April 2003 hat auch der Hersteller des US-amerikanischen Nachverhütungsprodukts „Plan B“ einen Antrag auf Aufhebung der Rezeptpflicht gestellt, untermauert durch fast 40 wissenschaftliche Studien.

In Frankreich ist die rezeptfreie Abgabe in Apotheken seit drei Jahren erlaubt, 85000 Frauen wenden das Mittel in jedem Monat an. Nach Einschätzung der Pariser Gynäkologin und Vorsitzenden der Französischen Vereinigung für Kontrazeption, Elisabeth Aubény, ist es „die Antwort auf ein wirkliches Bedürfnis“.

Inzwischen wird Levonorgestrel in unserem Nachbarland zur Notfallverhütung an weiterführenden Schulen sogar von den Schulkrankenschwestern kostenfrei abgegeben. Im Schuljahr 2001/02 wurde der Wunsch danach in Frankreichs Schulen über 15000 Mal geäußert, in fast 75 Prozent der Fälle von minderjährigen Mädchen. Auch in Apotheken bekommen die Mädchen es kostenfrei. Die nachträgliche Verhütung ist jedoch keine Konkurrenz für die Pille, deren Absatz in Frankreich weiter steigt.

Dagegen, sich auf die „Pille danach“ als einzige Verhütung zu verlegen, sprechen neben dem Preis (zehn bis 13 Euro) noch andere Gründe: Einige Frauen reagieren auf das Gestagen-Präparat mit Übelkeit und Erbrechen. Die klassische Pille ist zudem deutlich sicherer, die Wirksamkeit der Notfall-Pille nimmt ab, wenn sie öfter genommen wird. Ernste Nebenwirkungen wie die Bildung von Blutgerinnseln wurden von den reinen Gestagen-Präparaten nicht bekannt.

Wie die „Pille danach“ wirkt, ist noch nicht bis ins letzte Detail geklärt. Sie hat Einfluss auf den Eisprung, den sie verzögert oder sogar verhindert. Das Gestagen-Präparat kann aber auch den Transport von Eizelle und Samenzellen in den Eileitern beeinflussen und zu einem späteren Zeitpunkt sogar die Einnistung einer befruchteten Eizelle in die Gebärmutter verhindern. Soll das zuverlässig auch mehr als 72 Stunden nach dem ungeschützten Geschlechtsverkehr geschehen, dann empfiehlt sich aber statt der Notfall-Pille das Einsetzen einer Kupfer-Spirale. Sie eignet sich auch danach als Methode zur dauerhafteren Verhütung.

Hat sich die befruchtete Eizelle schon in der Gebärmutter eingenistet, dann kann die „Pille danach“ diesem frühen Embryo nichts anhaben, soweit man heute weiß. Einen Schwangerschaftsabbruch bewirkt das Mittel auf jeden Fall nicht. Trotzdem verwechseln viele Leute die „Morning-after-Pill“ mit der „Abtreibungspille“ (Mifepriston, auch bekannt als RU 486), einem stark wirksamen Anti-Gestagen. Dabei ist die „Pille danach“ eher geeignet, eine „wichtige Lücke zwischen Verhütung und Schwangerschaftsabbruch zu schließen“, also Abtreibungen vermeiden zu helfen, wie Monika Häußler-Sczepan von „pro familia“ sagt. Sollte es bald rezeptfrei zu kaufen sein, dann fiele den Apothekern die Aufgabe der Beratung zu.

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