Gesundheit : Gerüstet für die Konkurrenz

Rumänische Exzellenzinitiative: Die Forscher des Landes sehen den EU-Beitritt als Chance

Paul Janositz[Bukarest]

Constanta Ganea hat ein großes Ziel: Sie will das menschliche Immunsystem stärken. In der prächtigen Aula der Medizinischen Universität Carol Davila in Bukarest stellt die Professorin für Biophysik Projekte vor, die sich mit der Wirkung von Antioxidantien beschäftigen. Mit ihrer Prägnanz beeindruckt die zarte Frau im Salz-und-Pfeffer-Anzug die deutschen Journalisten, die mit der Stuttgarter Robert-Bosch-Stiftung in dem neuen EU-Mitgliedsland unterwegs sind.

Es geht um den Stand der rumänischen Wissenschaft, die sich in der Europäischen Union behaupten muss. In den Gesprächen an drei Bukarester Forschungseinrichtungen ist eine positive Stimmung zu spüren. Die einheimischen Experten sehen im Beitritt zur EU meist mehr Chancen als Risiken. Zu Europa zu gehören, das gibt den Menschen Auftrieb in dem Land, das auf seine lateinische Tradition stolz ist.

Ganea und ihre Kollegen haben mit ihrer Forschung längst europäisches Niveau erreicht. An Ideen und Konzepten mangelt es nicht, doch wie steht es mit der Umsetzung? Ist Rumänien nicht ein zu armes Land, um sich hochkarätige Forschung leisten zu können? Muss der EU-Neuling nicht erst viel Geld von Brüssel bekommen, um moderne Geräte kaufen und seine Forscher angemessen bezahlen zu können?

„Wir haben bereits Erfahrung mit EU-Anträgen“, sagt Ganea. Dass diese nur teilweise erfolgreich waren, lag ihrer Meinung nach hauptsächlich an mangelnder Erfahrung. Besser funktionieren von Ganea selbst eingefädelte Projekte mit diversen europäischen Partnern, darunter dem Max-Planck-Institut für Biophysik in Frankfurt am Main.

Solche Kooperationen ermöglichen es, moderne Apparate anzuschaffen. Neben Messgeräten etwa für die elektrische Leitfähigkeit sieht man in den Labors Zentrifugen und Kühlschränke, Sterilisatoren, Thermostate und Inkubatoren, um Zellen züchten und bearbeiten zu können.

Mit Kalzium-Ionen, die für zelluläre Vorgänge wichtig sind, etwa um Muskeln kontrahieren zu können, beschäftigt sich Irina Baran. Sie stellt mathematische Modelle auf, um Kalzium-Profile in der Zelle beschreiben zu können. Stolz verweist die promovierte Physikerin auf ihre Publikationen in renommierten Fachzeitschriften.

Rückenwind haben die Bukarester Biophysiker auch durch einen nationalen Exzellenzwettbewerb erhalten, der 2005 vom Forschungsministerium ins Leben gerufen wurde. Bis zu 500 000 Euro können Universitäten, Institute und Unternehmen für spezielle Projekte erhalten.

Auch das Team von Eugen Gheorghiu profitiert von der Exzellenzinitiative. Der Physiker leitet das Internationale Zentrum für Biodynamik (IZB), das im Jahr 2000 von der Regierung zusammen mit der Unesco gegründet wurde.

In dem frisch renovierten Gebäude in einer Seitenstraße im Zentrum von Bukarest gelegen, riecht es noch nach Farbe. Hier arbeiten Physiker, Chemiker, Elektrotechniker und Biotechnologen an Methoden, um Prozesse in Lebensmittelindustrie, Biotechnologie oder Medizin effektiv überwachen zu können. Mit schnell anzeigenden Biosensoren etwa.

„In Rumänien gibt es großen Bedarf an preiswerten Analysemethoden für die Umwelt und Lebensmittelüberwachung“, sagt Gheorghiu. Noch fehle aber der Transfer der wissenschaftlichen Ergebnisse in die Industrie. Diese Lücke möchte das IZB schließen.

An dem Projekt arbeitet Kees Koopal mit. Der holländische Experte kommt von den TNO-Laboratorien, die in den Niederlanden angewandte Forschung betreiben. Er selbst besitze ein kleines Unternehmen, das Analysegeräte herstelle, sagt er. „Mit Eugen arbeite ich seit Jahren zusammen, um schnelle Messmethoden für kleine Labors von Lebensmittelfirmen oder Überwachungsbehörden zu entwickeln“, erzählt er. Innerhalb von Stunden müsse sich die Qualität von Lebensmitteln bestimmen lassen. „Das ist ein riesiger Markt“, sagt Koopal.

In seinem Powerpointvortrag erzählt der Direktor von den Anstrengungen, Geld für die Forschung aufzutreiben. Alles müsse eingeworben werden, eine finanzielle Grundausstattung durch den Staat gebe es nicht. „Wir stehen in harter Konkurrenz“, sagt Gheorghiu. Die dunklen Ringe um die Augen lassen die Mühen glaubhaft erscheinen.

Und es gibt Erfolge. Projekte mit UN oder Nato laufen, auch über den Exzellenzwettbewerb gibt es Geld. Und mit ausländischen Forschungseinrichtungen wird fleißig kooperiert. Als Beispiele für deutsche Partner zählt Gheorghiu die Universitäten Rostock, Heidelberg und Jena sowie das Max-Planck-Institut für Metallforschung in Stuttgart auf.

So wichtig der Austausch von Wissenschaftlern auch ist, auf der rumänischen Seite schwingt stets die Sorge mit, die jungen Forscher könnten nicht zurückkehren. „Wir können den Braindrain noch nicht stoppen“, sagt Gheorghiu. Wenn jedoch die Bedingungen für die Wissenschaft weiter verbessert würden, kämen die abgewanderten Forscher hoffentlich nach und nach wieder zurück.

Das sieht auch Radu Dimitriu so. „Die meisten unserer Absolventen, die im Ausland promovieren, kommen zurück“, sagt der Geophysiker am Nationalen Institut für Meeresgeologie und Geoökologie (Geo-Eco-Mar) in Bukarest. Die Bedingungen für die Forschung würden besser. Dank der Exzellenzinitiative könnten neue Apparate angeschafft und bessere Gehälter gezahlt werden.

Zu Zeiten des Sozialismus arbeiteten 1500 Wissenschaftler im Nationalen Institut für Geologie. Sie sollten Bodenschätze, vor allem Öl und Gas aufspüren. Damit sollte Ceausescus Gigantomanie finanziert werden, der Bau des Volkspalasts etwa oder der zwei Kilometer lange Prachtboulevard.

Viel Wertvolles fand sich in Rumäniens Erde nicht. Allerdings haben mittlerweile Ölfirmen das Schwarze Meer im Visier. Die 105 Wissenschaftler und Techniker der Geo-Eco-Mar-Standorte in Bukarest und Constanza konzentrieren sich auf den Schutz des Donaudeltas und des Schwarzen Meeres. Zwar sei die Verschmutzung mit Schwermetallen und Pestiziden seit der Wende geringer geworden, sagt Institutsdirektor Nicolae Panin. Doch mit dem Wirtschaftsboom könne es wieder schlechter werden.

„Wir möchten die Schäden durch die Öl- und Gasausbeute so gering wie möglich halten“, sagt Dimitriu. Probleme sieht er vor allem, wenn auch an den Steilhängen des Schwarzen Meeres gebohrt werde. Kämen die dort eingeschlossenen Gashydrate frei, könnten die Hänge ins Rutschen kommen. Mögliche Folgen auf die Umwelt werden in EU-Projekten erforscht, an denen auch deutsche Wissenschaftler, etwa vom MPI für marine Mikrobiologie in Bremen, beteiligt sind.

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