Gesundheit : Geschäft mit der Hoffnung

Der umstrittene Arzt Matthias Rath behauptet, Krebs mit Vitaminen heilen zu können

Hartmut Wewetzer

Die Odyssee des neunjährigen Dominik ist zu Ende. Der Junge aus dem rheinland-pfälzischen Steinebach erlag seinem Krebsleiden in einer Klinik in Mexiko. Die Eltern hatten ihr Kind zuvor der schulmedizinischen Behandlung entzogen und es in die Hände von Matthias Rath (49) gegeben, einem Arzt, der von sich behauptet, mit Vitaminen und Mineralstoffen Krebs heilen zu können.

Dominik wurde seit September 2002 wegen fortgeschrittenem Knochenkrebs mit Operationen und Chemotherapie behandelt. Die Ärzte gaben dem Kind noch eine Überlebenschance von fast 50 Prozent, sofern die Behandlung fortgesetzt würde. Doch die Eltern hatten sich längst Rath und seinen „Vitalstoff“-Präparaten zugewandt. Sie wollten die Therapie in der Uniklinik Münster abbrechen. Das Oberlandesgericht Koblenz gab ihnen im April 2004 das Sorgerecht zurück. Es ging nicht mehr von einem Heilerfolg aus, das Kind sollte seine letzten Monate im Kreis seiner Familie verbringen.

Rath sah das anders. Er hatte den Jungen bereits Anfang des Jahres für seine Zwecke eingespannt und behauptete auf Plakaten mit Dominiks Foto: „Krebs ist heilbar. Natürlich.“ „Sein Leben ist bereits jetzt zu einem Symbol für eine neue Ära der Medizin geworden“, stilisierte er den tragischen Fall hoch. Und er legte sich noch weiter fest. Im April 2004 „konnte Dominik als von seinem Krebsleiden geheilt bezeichnet werden“, heißt es auf seiner Internetseite. Später muss das Kind wegen Hirnmetastasen des Tumors behandelt werden – Rath spricht dagegen von einem Bluterguss. Und die von den Ärzten festgestellte Krebsgeschwulst in der Lunge deutet er ebenfalls als „riesigen Blutklumpen“.

Wer aber ist Matthias Rath eigentlich? Die Geschichte beginnt vor einem halben Jahrhundert. Mit Linus Pauling, dem berühmtesten Chemiker seiner Zeit. Paulings Wort zählte in Amerika. Und so erregte er gewaltiges Aufsehen, als er 1968 mit einer Art universaler Gesundheitsformel an die Öffentlichkeit trat. Pauling glaubte, mit hohen Dosen an Vitaminen und Mineralstoffen etlichen Krankheiten vorbeugen oder diese sogar heilen zu können. Sein Buch über Vitamin C und Schnupfen wurde zum Bestseller. Er behauptete, dass die tägliche Einnahme von bis zu mehreren Gramm des Vitamins die Gefahr von Erkältungen drastisch verringern oder ihren Ausbruch verhindern könne. Millionen Amerikaner stürmten die Vitaminvorräte der Apotheken. 1979 spekulierte Pauling sogar, mit Vitamin C Krebs heilen zu können.

Rath wurde Anfang der 90er-Jahre für kurze Zeit Paulings Mitarbeiter. Schon 1992 trennten sich ihre Wege wieder. Pauling starb 1994 an Krebs, und Rath sieht sich heute als sein Nachfolger.

Gefäßverkalkung, Herzinfarkt und Schlaganfall seien auf einen Mangel an Vitamin C in den Gefäßwänden zurückzuführen, behauptet Rath. Vitaminmangel sei auch die Hauptursache für Bluthochdruck, Herzpumpschwäche und weitere Kreislaufleiden. Krebswachstum sei durch die Aminosäure Lysin und weitere natürliche Substanzen zu verhindern. Vitamin und andere „Bioenergie-Moleküle“ würden Vorbeugung, Behandlung und „Ausmerzung“ (Rath) der häufigsten Krankheiten ermöglichen.

Vitamine als Allheilmittel? Bei Medizinern und Ernährungsexperten stößt das auf Skepsis. Denn wissenschaftliche Untersuchungen konnten die Behauptungen nicht bestätigen.

Zum Beispiel Vitamin C und Schnupfen. Linus Paulings Annahmen führten zu gewissenhaften und umfangreichen wissenschaftlichen Untersuchungen. Das Ergebnis von 16 umfangreichen Studien: Vitamin C vermag Erkältungen nicht zu verhindern und kann bestenfalls Symptome ein wenig mildern.

Zum Beispiel Krebs. Die amerikanische Mayo-Klinik in Rochester überprüfte in drei Studien die Behauptung, dass große Mengen Vitamin C gegen Krebs helfe. Das Ergebnis fiel eindeutig negativ aus. Vitamin C schnitt nicht besser als ein Scheinmedikament ab. Pauling, die Koryphäe, hatte sich getäuscht.

„Mit Vitaminen kann man Krebs nicht behandeln“, fasst Jakob Linseisen vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg den Forschungsstand zusammen, „sondern allenfalls einen Mangel ausgleichen“. Und bei der Krebsvorbeugung setzt Linseisen auf Obst und Gemüse, nicht auf Vitaminpillen.

Raths Behauptungen stehen also in Widerspruch zu dem, was bewiesen ist. Welche Belege führt er dagegen ins Feld? Raths Liste wissenschaftlicher Veröffentlichungen umfasst nur wenige Studien, die sich tatsächlich mit der Wirkung von Vitaminen oder Aminosäuren befassen. Meist sind es rein experimentelle Versuche an Zellkulturen..

Sucht man nach Raths Veröffentlichungen in der medizinischen Datenbank Pubmed – sie verzeichnet 15 Millionen Publikationen aus dem Bereich der medizinischen Forschung –, so fällt das Ergebnis noch dünner aus. Die letzte Studie, an der Rath laut Pubmed beteiligt war, ist aus dem Jahr 1991 und stammt noch aus dem Labor der Biochemikerin Ulrike Beisiegel von der Uni Hamburg, bei der Rath nach seinem Examen promovierte.

Versuche an Patienten, die stichhaltig wären, kann Rath nicht vorweisen. Allerdings veröffentlichte er 1996 eine Untersuchung an 55 Patienten im „Journal of Applied Nutrition“, einer von der Nahrungsmittelindustrie finanzierten Zeitschrift. Ergebnis der Studie laut Rath: Durch Einnahme von Vitaminen, Mineralstoffen und Aminosäuren lasse sich das Fortschreiten von Gefäßverkalkung (Arteriosklerose) der Herzkranzgefäße verlangsamen.

Eine unabhängige Bewertung der Studie ergab erhebliche Mängel: „Grundlegende Fehler in Planung und Auswertung … machen die Studie wertlos.“ Zu diesem Ergebnis kommt Christian Steffen vom Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn. Die Studie sei nicht geeignet, die Behauptung zu unterstützen, dass eine Vitamin-Mineralstoff-Kombination aus dem Hause Rath namens „Vitacor“ ein „Fortschreiten der Verkalkung der Herzkranzgefäße verlangsamen oder gar verhindern kann“.

Zu einem ähnlichen Urteil kommt eine Analyse der Krebsliga Schweiz: Es gebe „keinen Beweis dafür, dass die von Matthias Rath verkauften, teilweise hoch dosierten und teuren Präparate der Krebsvorbeugung dienen, geschweige eine Heilung bei Krebs bewirken“. Auch der Nachweis der Unbedenklichkeit fehle; man rate deshalb von den Präparaten ab.

Und was ist mit den Patienten, die angeblich geheilt wurden, und die Rath bei seinen Vorträgen und im Internet präsentiert? Die Aussagekraft solcher Einzelfälle ist stark begrenzt, kritisiert der Arzneimittelforscher Steffen. „Jeder Wunderheiler kann kurierte Patienten vorweisen – aber solche Fälle sind wissenschaftlich nicht stichhaltig, weil Suggestion und spontane Selbstheilung hier eine große Rolle spielen.“

Um solide Aussagen darüber zu bekommen, ob eine Heilmethode wirkt, muss also eine größere Zahl von Patienten mit diesem Verfahren behandelt werden. Idealerweise bekommt eine gleich große Gruppe von Patienten ein Scheinmedikament (Placebo). Wenn weder Patient noch Arzt wissen, wer das „echte“ Mittel einnimmt, spricht man von einer „doppelblinden“ Studie. Sie ermöglicht objektive Aussagen darüber, ob ein Medikament wirkt.

Erst, wenn das echte Medikament deutlich besser abschneidet, liegt ein objektivierbarer Wirksamkeitsnachweis vor - und ein Anlass für Arzneimittelbehörden, ein neues Medikament zuzulassen. Solche Untersuchungen hat Rath aber nie vorgelegt. In Deutschland sind seine hoch dosierten Vitamin-Präparate deshalb nicht zugelassen. Rath vertreibt sie über das Internet von Holland aus. Die Preise liegen dabei weit über denen herkömmlicher Vitaminpillen.

Rath setzt Millionen um, seine Botschaft bringen Tausende von „Gesundheitsberatern“ unters Volk. Sich selbst vergleicht er mit Galilei und sieht sich als Opfer einer Verschwörung von „Pharmalobby“, Gesundheitsbehörden, Politik und Medizin. Rath hält sich für auserkoren, die „größte Befreiungsbewegung der Menschheitsgeschichte“ anzuführen – die „Befreiung der menschlichen Gesundheit vom Joch des Pharma-Geschäftes mit der Krankheit“.

Auch nach Dominiks Tod bleibt Rath bei seiner Version, das Kind habe keinen Krebs mehr gehabt, sondern sei an einem „Bluterguss im Brustraum“ gestorben. Aber das wird man bald genau wissen: Noch auf dem Flughafen Frankfurt wurde die Leiche des Kindes von der Staatsanwaltschaft Koblenz beschlagnahmt und eine Obduktion angeordnet. Ein Todesermittlungsverfahren soll klären, ob es hätte geheilt werden können. Woran sich die Frage anschließt, was man tun kann, damit sich ein Fall wie der von Dominik nicht wiederholt.

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