Geschlechtskrankheiten : Wir müssen reden!

Viele Männer gehen erst im Notfall zum Arzt. In seinem Fall hieß die Diagnose: Chlamydien. Und die kriegt man nur durch Sex. Die Geschichte von einem, der seiner Freundin viel zu erklären hatte.

Lennart Laberenz
Das Bakterium Chlamydia trachomatis breitet sich zunächst oft unbemerkt aus.
Das Bakterium Chlamydia trachomatis breitet sich zunächst oft unbemerkt aus.Foto: mauritius images

Natürlich hatte er ewig gewartet. Der Weg durch den Park war ein steiler Grat geworden, kaum zu erklimmen. Der Park selbst immer dunkler, nicht mal zum Joggen traute sich Martin mehr hin. Hinter dem Park drohte: das Ärztehaus. Aber dann musste es doch sein. Die schlimmste aller Vorstellungen, eine männliche Urangst: Martin tropfte in seine Unterhose. Er lief aus. Inkontinent mit Mitte 30.

Angefangen hatte alles eher langsam. Das Pinkeln brannte zuerst etwas, dann etwas mehr. Schließlich lief er jede Stunde zum Klo, und es brannte wie Feuer. „Geht vorbei“, dachte er. Nach zehn Tagen sah er einen Fleck auf der Hose. Einen kleinen nur, aber der konnte nicht vom Marmorkuchen kommen, der gerade vor ihm auf dem Teller lag. Er stand auf und ging zur Toilette. Die Unterhose: nass. Der Fleck kam von innen.

„Was machst du dann?“, fragt Martin und grinst. Er ist über die Jahre etwas füllig geworden, im Gesicht runder, aber das Grinsen ist ihm geblieben. Wir haben uns ewig nicht gesehen, zu Beginn der Oberstufe hat er die Schule gewechselt, verschwand von der Bildfläche. Und dann sitzt er da, im Wartezimmer eines Urologen in Berlin. Wir müssen beide gegrinst haben.

Klopapier. Martin wickelte sich ein bisschen Klopapier um und setzte sich wieder hinter den Marmorkuchen. Jetzt musste er durch den Park. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er vor sich einen der besten Freunde seines Vaters, der einen künstlichen Darmausgang in einer Hüfttasche transportierte. Ab und zu gluckerte es in der Hüfttasche. Es hatte auch auf der Beerdigung gegluckert. Auf der Beerdigung seines Vaters, wohlgemerkt. Prostatakrebs.

In der Nacht lag er wach und dachte: Die Angst der Männer vor Frauen ist ein Witz dagegen. Zwischen seinen Beinen brannte es, und er fühlte sich feucht an. In dem Dokumentarfilm „The White Diamond“ fragt Werner Herzog in seinem selbstverliebten Ton einen Indianer am Wasserfall: Siehst du nicht das ganze Universum in diesem Tropfen Wasser? Jeder Tropfen Urin, der zwischen seinen Beinen entwich, schien ein gewaltigeres Universum zu reflektieren: Der brennende Hieb in den Unterleib war blanker Terror.

Die Flecken wurden nicht kleiner. Also durch den Park. Im Ärztehaus saßen die Urologen im 4. Stock. Ungünstig, dachte Martin. Vor dem Aufzug eine Frau im weißen Kittel. Sie sagte: Dit is der langsamste Aufzug der Welt.

Die Lebenserwartung von Männern ist fünf Jahre niedriger als die von Frauen, was auch damit zusammenhängt, dass Frauen 33 Prozent häufiger zum Arzt gehen. In Fachaufsätzen finden sich Hinweise darauf, dass Männer in größerer Distanz zu Ärzten erzogen werden, dass es ihnen schwerer fällt, über gesundheitliche Probleme zu sprechen. Sie verbergen Versagensängste. Wenn sie sich doch endlich überwinden, sind ihre Symptome schlimmer und schwerer zu behandeln. Frank Sommer, Urologe an der Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, umreißt die Geschlechterdifferenz im Körperbewusstsein so: „Während Frauen mit ihrem Körper leben, Signale ernst nehmen und reagieren, verwenden Männer ihren Körper meist nur, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen.“

„Scham.“ Martin nickt und rührt in einem Tee. Jetzt ist Martin erleichtert, „seltsam erleichtert“, sagt er.

Am Telefon hatte ihn die Praxisschwester gefragt, ob es dringend sei. Er hielt an sich: „Aus Spaß komme ich eher nicht zu Ihnen.“

An der Glastür ein Schild: zur Anmeldung bitte einzeln eintreten. Die Sprechstundenhilfe tippte mit Adler-Suchsystem. Zwei Finger, lange kreisend. Er hörte sie seufzen, „dit Lesejerät spinnt wieder“, und in ihm wuchs die Angst vor neuen Flecken. Dann Urinprobe, die Schwester ein Traum: „Wie sie könn’nich? Warum hamse dannich zu Hause noch wat jetrunken?“ Das Wartezimmer, gar nicht gut: voll mit sehr alten Männern. Als eine junge Frau eintrat, wurde ihm noch unwohler.

Der Arzt war ein Baum von einem Mann. Dessen Patientengespräche hörte Martin durch die geschlossene Tür: Nein, keine weiteren Metastasen. Allet prima, soweit. Als Martin eintrat und sich frei machte, kamen die ersten Laborergebnisse, der Baum beschloss eine Ultraschalluntersuchung. „Warum hamse so lange gewartet?“ Ja, eine Entzündung. Wohl die Harnröhre. Ja, Antibiotika.

Martin wollte sichergehen. Der Arzt wandte sich noch einmal um: „Also einmal Abstriche für die sich sexuell übertragenen Freunde? Bitte schön.“ Er holte zwei Essstäbchen mit Aufsatz. Könnte ein bisschen unangenehm sein, sagte er. „Ick muss Ihn’ die ja jetz’ in den Pimmel remmeln. Hamseja so jewollt.“ Martin schaute aus dem Fenster, es regnete. Der Sommer war sowieso scheiße.

Fünf Tage nach der Untersuchung rief die Schwester an. Er solle schnell ein anderes Rezept abholen. Im vierten Stock streckte der Arzt tatsächlich einen Zeigefinger in die Luft: Chlamydia trachomatis. Eine sexuell übertragbare Krankheit, die bei Frauen meistens unerkannt, weil symptomfrei bleibt – ohne Behandlung aber zu Unfruchtbarkeit führen kann.

Die Treppen hinunter gingen schnell, als er in der Apotheke wartete, dräute ihm das Unheil. Sexuelle Übertragung. Es erschien ihm kaum geringer als die Inkontinenz: Wie sage ich es ihr?

Martin hatte eine Freundin. Sie war aus Schweden, wo die Menschen den Protestantismus im Herzen tragen und auf der Haut praktische Kleider in klaren Farben. Das Gesundheitssystem rangiert auf Spitzenplätzen und ebenso die Organisation von Bildung. Über Chlamydien wird man da sicher schon im Kindesalter aufgeklärt.

Sie war seinetwegen in die Stadt gekommen, Berlin schien ihr zumeist ungehobelt und aufgeblasen, die Kulturszene dogmatisch und provinziell. Sie hatte kaum Freunde, sprach kein Deutsch und, das machte die Dinge noch schwerer: Seit Wochen waren sie dabei, sich zu trennen. Wenn er jetzt mit Chlamydien ankam, würde sie ihm den Kopf abreißen.

Die Frage, die der Reporter ihm jetzt stellen muss, stellt sich schwer: Hat er sie betrogen? Martin wendet den Kopf ab und schaut aus dem Fenster. Er wendet den Kopf zurück. Er hat. Er nuschelt etwas von einer Bar, einer Frau und viel Grappa. Martin war immer ein ironischer Typ, einer, der strahlen und auf dem Pausenhof die Frauen in den Arm nehmen konnte. Er war einer der Jungs, die schnell waren, beliebt. Feine Grübchen neben seinem Mund, seine Augen können blitzen, er sah mal gut aus. Jetzt ist er ein Häufchen Asche, das langsam vom Caféstuhl weht.

In deutschen Großstädten breiten sich Chlamydien aus. Eine Zeitung nannte sie etwas vollmundig „die heimliche Epidemie“. Das ist nur unwesentlich übertrieben. Bei zehn Prozent der minderjährigen Frauen werden Chlamydien festgestellt.

Martin grinst verlegen. Sie habe das Wort etwa 20 Mal recht laut und Silbe für Silbe ausgesprochen, sagt er: CHLA-MY- DI-EN? Sie zog ihn am Kragen, haute ihm auf den Kopf, schlug gegen die Brust, seine linke Schulter war hernach ein einziger blauer Fleck. Sie stand ihm unversöhnlich gegenüber und fluchte wohl auch über sich selbst.

Hast du mich betrogen? Die Frage hing jetzt wie ein Damoklesschwert über der gesamten Beziehung. Sie hing über ihrer Entscheidung, seinetwegen in die Stadt zu kommen, färbte die vergangenen Jahre dunkel. „Betrug“, das Wort machte aus dem damals irritierenden Umstand, dass er nicht sofort mit ihr zusammenziehen wollte, nun eine Demütigung. Es hing vor allem über seiner Antwort. Fünf Jahre waren sie zusammen gewesen, und er fragte sich, welche Entscheidung sinnvoller sein würde: Die Grappa-Frau zugeben und in etwa folgende Konsequenz hinnehmen: „Du betrügst mich“ und „Du betrügst mich ohne Kondom?“. Oder lügen.

Martin hätte sich verteidigen können. Hätte sagen können: Doch, doch! Mit Kondom! Es kam ihm lächerlich vor. Er dachte daran, dass er dabei war, sie komplett fertigzumachen. Genau das wollte er vermeiden. Sie schaute ihn an mit einer Mischung aus völliger Verzweiflung und abgrundtiefem Zorn. Jetzt nicht zu lange nachdenken.

Er sagte: „Man kann Chlamydien auch anders bekommen.“

„Bullshit.“

„Doch. Sagt der Arzt.“

„Riesen. Bull. Shit.“

Sie prügelte noch ein bisschen, und er ging.

Sie bekam sofort Symptome, wollte gleich zum Arzt. Samstags um halb acht in der Früh sind Berliner Warteräume ungnädig voll.

Er nahm Doxycyclin und schaute weiter in die Regenwolken. Sie schrieb eine SMS nach der anderen. Eine Auswahl:

20.12 Uhr „Du bist ein Riesenarsch.“

20.29 Uhr „Wenn ich wegen dir keine Kinder kriegen kann, bringe ich mich um.“

20.31 Uhr „Aber dich zuvor! Auf grausamste Weise.“

Sie lagen in unterschiedlichen Wohnungen und konnten nicht schlafen. Sie schrieb ihm: „Und wenn ich das jetzt schon fünf Jahre herumgetragen habe?“

22.43 Uhr „Ich würde gerne den Tag streichen, an dem ich dich kennengelernt habe.“

Er antwortete, dass sie doch vor Jahren einen Test gemacht hatte. Der war negativ. „Ich hatte dich gebeten, dass du auch einen Test machst“, schnappte sie.

Der Montag kam und irgendwann der Mittwoch. Sie hatten beide wenig zu tun. Es regnete, und sie warteten auf Testergebnisse.

Martin fragte sich, was sie wohl nun über ihn erzählte. Gemeinsame Bekannte schienen ihn mit seltsamen Blicken zu mustern. Sie waren fünf Jahre zusammen gewesen, und er konnte nicht einschätzen: Erzählte sie rum, dass er Chlamydien hatte? Würde er jetzt Bekannte in einer Bar treffen, die untereinander tuschelten: „Schau mal! Chlamydien. Und nicht zum Arzt gegangen.“

Ihre Symptome wurden schlimmer, sie hatte Schmerzen, ihr ganzer Unterleib schien betroffen. Sie wollte umziehen, dorthin, wo eine Schwester im Vorzimmer wenigstens ein rudimentäres Englisch sprechen würde und vielleicht mit einem Mindestmaß an Freundlichkeit. Weg von Berlin.

Wenn sie telefonierten, drehten sich die Diskussionen im Kreis: „Bei was für einem Hornochsen von Arzt bist du denn?“ Er zuckte mit den Schultern. Sie zerschmiss einen Teller. Es war, als wandere er durch ein Gebirge aus Peinlichkeiten. Ein Gipfel: Er rief die Frau an, mit der er vorher zusammen gewesen war. Ihre Telefonnummer funktionierte noch.

„Was willst du denn?“

„Ich wollte fragen“, sagte Martin und umriss mit knappen Worten die Sachlage.

„Ich habe zwei Kinder, mach’s gut“, sagte sie und hängte auf.

Es kam der Donnerstag und mit ihm die Laborergebnisse. Martin war mit den Doxycyclin fast durch. Seine Freundin rief an. Negativ.

Er fragte: „Bist du froh?“

„Und was, wenn diese Ärzte die Ergebnisse verpfuscht haben“, ihr Ton war recht schrill geworden in den letzten Tagen. „Du bist ein Riesenarschloch.“

Sie legte auf.

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