Gesundheit : Geschönte Botschaften

Studien zeigen Manipulation durch Pharmaindustrie

Rosemarie Stein

Zwei Drittel jener, denen antidepressive Arzneimittel verordnet werden, haben gar keine Depression, also kein unbedingt behandlungsbedürftiges Leiden. Vielleicht sind sie einfach gestresst oder ein wenig unglücklich. Ob ihnen die neueren Antidepressiva vom Typ der SSRI (Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) spürbar helfen können, ist trotz entsprechender Behauptungen wissenschaftlich nicht erwiesen.

„Die meisten Leute, denen unter solchen Umständen SSRI verschrieben werden, können nur einen bescheidenen Nutzen erwarten, haben aber ein wesentliches Risiko, Schaden zu erleiden.“ Diese Feststellungen stammen aus einem Bericht über den Einfluss der Pharmaindustrie, mit dem das britische Unterhaus seinen Gesundheitsausschuss beauftragte.

Eine weitere britische Untersuchung befasste sich mit den Schäden durch übermäßige, fehlerhafte oder unnötige Anwendung an sich wertvoller Arzneimittel. Ungenügend geprüfte, von den Arzneimittelbehörden zu leichtfertig zugelassene Medikamente würden von vielen Ärzten unkritisch und massenhaft verordnet, heißt es. Etwa fünf Prozent aller Krankenhauseinweisungen seien durch Arzneimittel-Nebenwirkungen bedingt.

Nicht nur die neuen Antidepressiva, auch die Schmerzmittel vom Typ „Cox 2-Hemmer“, etwa das Präparat „Vioxx“, hätten weit weniger Menschen geschädigt, wäre man sorgsamer damit umgegangen. Die Untersuchungskommission wirft zudem den Behörden vor, die mächtige Pharmabranche mit Samthandschuhen anzufassen, und den Ärzten, ihre Kritikfähigkeit von der allgegenwärtigen Werbung einschläfern zu lassen.

Der deutsche „Sachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen“ kommt zu ähnlichen Schlüssen wie der britische Report. Das Gremium hält es für notwendig, „die Mechanismen transparent zu machen, die den Arzneimittelmarkt prägen“, die Marketingstrategien der Pharmafirmen eingeschlossen. Ärzte und auch Laien sollten „über die Möglichkeiten der Beeinflussung informiert sein, um sich vor ihnen zu schützen und verantwortlich handeln zu können“. Auch dieses Gutachten informiert über die Manipulation von Arzneimittelstudien, indem geschönte Botschaften in seriösem Gewand, das eher nach Wissenschaft als nach Werbung aussieht, verbreitet werden.

So erklärte ein Experte vor dem britischen Ausschuss, über die Hälfte der Beiträge selbst in renommierten medizinischen Zeitschriften, die unter dem Namen hierfür gut bezahlter Wissenschaftler erscheine, sei in Wirklichkeit von Ghostwritern verfasst. Richard Horton, Chefredakteur des Fachblattes „Lancet“, nannte als bestes Beispiel die Antidepressive vom Typ SSRI. Obwohl für Kinder und Jugendliche nicht zugelassen, hätten sich die Ärzte vom aggressiven und scheinwissenschaftlichen Marketing zu zweieinhalb Millionen Verordnungen für unter Achtzehnjährige verleiten lassen – mit dem Ergebnis erhöhter Suizidgefährdung durch diese Mittel.

Zwar gibt es Richtlinien für das wissenschaftlich und ethisch einwandfreie Publizieren von Studien, aber die wenigsten Pharmafirmen scheinen sich daran zu halten. Dies trifft dem Report zufolge auch auf das Verbot irreführender Werbung zu.

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