Gesundheit : Gespaltener Lebensweg

Eine Ausstellung zum 125. Geburtstag der Physikerin Lise Meitner

Hermann Rudolph

Jedes Lexikon nennt ihren Namen, Schulen und Institute tragen ihn, denn er ist verbunden mit einer der Entdeckungen, die unsere Welt revolutioniert haben. Lise Meitner hat zusammen mit Otto Hahn den Weg zur Kernspaltung gefunden. Die Dramatik dieses Ereignisses, das in den späten Dreißigerjahren in einem Keller des Dahlemer Kaiser-Wilhelm-Instituts heranreifte, ist schwer sichtbar zu machen. Aber nachvollziehbar zu machen ist der Lebensweg, der mit diesem weltverändernden Geschehen verknüpft ist.

Die Ausstellung, die das Hahn-Meitner-Institut in der Staatsbibliothek in der Potsdamer Strasse zeigt – zum 125. Geburtstag der Kernphysikerin, der auf den kommenden Montag fällt –, vermittelt das Bild eines Lebens, in dem das Abenteuer der Naturwissenschaft, die intellektuelle Existenz und die Brüche einer Epoche zusammenfallen.

Was dabei vor allem berührt, ist das, was Jost Lemmerich, der Autor der Ausstellung, die „Atmosphäre dieses Lebens“ nennt. Eine kultivierte Wienerin, Tochter der Aufbruchzeit des späten 19. Jahrhunderts, tritt ein in die Welt der Physik mit ihren Sensationen, die noch ganz durch eine Männergesellschaft dargestellt wird. Drei Jahrzehnte dauert die Zusammenarbeit mit dem Chemiker Otto Hahn in Berlin, einem Mekka der modernen Physik, doch bevor deren weltverändernde Konsequenz zu Tage tritt, vertreibt der braune Ungeist die Halbjüdin in die Emigration. Dem Umstand verdankt die Nachwelt die genaue Beschreibung des Entdeckungsvorgangs in den Briefen, die zwischen Berlin und Stockholm gewechselt werden.

Es fehlt Lise Meitner nach dem Ende der Nazizeit nicht an Auszeichnungen, Akademiemitgliedschaften und Ehrendoktoren häufen sich, 1946 wird sie „Frau des Jahres“, aber der Nobelpreis geht an ihr vorüber, obwohl sie von vielen vorgeschlagen wird. Vor allem findet sie auch nach dem Krieg keinen Ort ihres Wirkens mehr, der ihr als Wissenschaftlerin und Mensch angemessen wäre. Auch der Umstand, dass ihr Freund, Otto Hahn, mächtiger Präsident der Max-Planck-Gesellschaft wird, kann daran offenbar nichts ändern.

Der Bruch, den das Dritte Reich verursacht hat, wirkt weiter, aller Anerkennung und allen Ehrenbezeugungen zum Trotz, die ihr zuteil werden. So hinterlässt die Ausstellung gleichzeitig Hochachtung und Betroffenheit.

Lise Meitner zum 125. Geburtstag. Ausstellung in der Staatsbibliothek, Potsdamer Strasse, vom 7.November bis zum 13. Dezember, zugänglich zu den Öffnungszeiten.

0 Kommentare

Neuester Kommentar