Gesundheit : Gesunde Gesellschaft

„Public Health“ soll an Berliner Unis zum Schwerpunkt werden. Noch fehlt es an Aufmerksamkeit

Rosemarie Stein

Im August 2003 starben in Frankreich 15 000 Menschen mehr als statistisch zu erwarten, tausend allein in Paris. Keine Seuche raffte sie dahin, sondern extreme Hitze und Isolation. Kein Wunder, dass die Experten für Öffentliche Gesundheit alarmiert waren. Auf einer Tagung am Wochenende in Berlin über die Zukunft von Public Health und Prävention kam diese Katastrophe immer wieder zur Sprache, als exemplarisch für neue Gesundheitsrisiken.

Die alten Seuchen wurden zurückgedrängt und sind heute Krankheiten der Armut, etwa die Tuberkulose. Bei uns dominieren chronische Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Leiden oder Diabetes, und selbst in der Dritten Welt seien sie im Vormarsch, hieß es. Die Großstädter, die der Hitzewelle von 2003 zum Opfer fielen, waren chronisch krank und betagt, lebten allein und hatten keinen sozialen Rückhalt, hoben die französischen Wissenschaftler hervor.

Das war auf dem 2. Auslands-Colloquium des Collège de France gemeinsam mit der Charité, die seit kurzem den Keim einer „School of Public Health“ pflegt, und der gastgebenden Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften. Deren Präsident Günter Stock bemängelte, dass Public Health bei uns nicht die nötige Aufmerksamkeit bekomme. Das politisches Handeln hinke den gesundheitswissenschaftlichen Erkenntnissen hinterher. Viele präventive Aktionen seien gut gemeint, aber wissenschaftlich nicht fundiert. Das ganze Gesundheitssystem müsse als Forschungsgegenstand von Public Health neu in den Blick genommen werden.

Der Begriff Public Health ist international üblich, wenn es in Frankreich auch Santé publique heißt und in Deutschland manchmal Gesundheitswissenschaften. Die Definition der Weltgesundheitsorganisation lautet in der Kurzfassung: „Public Health ist die Wissenschaft und Praxis von Krankheitsverhütung, Lebensverlängerung und Förderung psychischen und physischen Wohlbefindens durch bevölkerungsbezogene Maßnahmen.“

Es geht also nicht, wie in der Medizin, um die Krankheit des Individuums, sondern um die Gesundheit ganzer Gruppen. Risiken zu erkennen und zu reduzieren, ist eine gemeinsame Aufgabe vieler Fächer, etwa Biologie und Medizin, Psychologie und Soziologie, Ökonomie und Statistik, Architektur und Stadtplanung.

Aber warum fand das Symposium ausgerechnet in Berlin statt, wo das Postgraduiertenstudium in Public Health von der TU abgewickelt und von der Charité gerade mit Müh und Not gerettet wurde? Dies erklärte Pierre Corvol, Administrateur des Collège de France, aus der Tradition. Das Collège wurde 1530 gegründet, um neuen an den Universitäten noch nicht etablierten Wissenschaften einen Ort zu geben. Sich mit etwas erst Entstehendem zu befassen, sei besonders interessant. „Vielleicht können wir die Entwicklung beschleunigen“, sagte Corvol.

Bei der Gründungsfeier der werdenden „Berlin School of Public Health“ im Januar hatte Dekan Martin Paul betont, sie sei „eines der wichtigsten Projekte der Charité“. Der Berliner Wissenschafts-Staatssekretär Hans-Gerhard Husung hatte damals den Plan skizziert, die gesundheitswissenschaftlichen Studiengänge der Berliner Universitäten und Fachhochschulen unter diesem Dach zu vereinen. Neben den beiden Masterstudiengängen der „School“ – Public Health allgemein und eines ihrer Spezialfächer, Epidemiologie – gäbe es allein an der HU vier Kandidaten, darunter „International Health“ und „Health and Society“.

Die derzeit einzige Lehrstuhlinhaberin der mit vielen Kooperationspartnern verbundenen „Berlin School of Public Health“, Ulrike Maschewsky-Schneider, zeigte sich jetzt entschlossen, für die Zukunft ihrer Institution zu kämpfen. Sie fühle sich der „New Public Health“ verpflichtet, die über die alte Seuchenhygiene weit hinausreiche, wie sie während des Colloquiums sagte. Jetzt geht es um alle Einflüsse aus der natürlichen und sozialen Umwelt auf Gesundheit und Krankheit sowie um gesundheitsförderndes oder -gefährdendes Verhalten. Hinzu kommt die Analyse des Systems der Krankenversorgung.

Der französische Botschafter Claude Martin forderte sogar die wissenschaftliche Fundierung der gesamten Gesundheitspolitik. Bisher reagiere sie meist nur auf Skandale wie Transfusionen verseuchten Blutes oder die Contergan-Katastrophe, sagte der Pariser Politikwissenschaftler Didier Tabuteau, statt vorausschauend nach versteckten Risiken zu fahnden, etwa Arzneinebenwirkungen.

Paul Unschuld, der lange Jahre in den USA Public Health gelehrt hat und jetzt neu an die Charité kam, hob die Notwendigkeit der Fächervielfalt der Schools of Public Health hervor. Im Ausland stünden sie mit Dutzenden von Lehrstühlen oft gleichberechtigt als eigenständige gesundheitswissenschaftliche Fakultäten neben den Schools of Medicine, den Medizinischen Fakultäten. Aufgabe der Politik sei es, Rahmenbedingungen für beide zu schaffen, Aufgabe der Universitäten, ihre Chance zu ergreifen und die Verantwortung zu übernehmen.

Ob es nicht etwas weniger komplex gehe, fragte Detlev Ganten, Vorstandsvorsitzender der Charité, in die Expertenrunde. Ein Problem scheint ihn besonders umzutreiben: „Wir haben bisher viel zu wenig für die richtige Anwendung der medizinischen Erkenntnisse getan.“ Das ist Gegenstand der Versorgungsforschung, und sie ist nur eines der vielen Teilgebiete von Public Health.

„Die Themen sind nun einmal komplex, wir brauchen also multidisziplinäre Forschung“, sagte Carsten Mantel (Charité-Studiengang International Health). Und die Aufgaben seien global, von den Seuchen bis zum Klimawandel mit seinen gesundheitlichen Risiken wie Hitze, Süßwasser- und Nahrungsmangel, Luftverschmutzung und Überschwemmungen. Mantel forderte daher eine „Berlin School of global Public Health“.

Die ständig steigende Lebenserwartung ist ebenfalls eine internationale Herausforderung. Alle Industriestaaten stünden vor der Aufgabe, ihre Sozial- und Gesundheitssysteme so umzubauen, dass die vielen alten Bürger lange gesund und aktive bleiben, aber bei Pflegebedürftigkeit durch gut vernetzte ambulante Hilfen ihre Autonomie behalten könnten, sagte die Pariser Hochschullehrerin Francoise Forette.

Ihre gerontologische Charité-Kollegin Adelheid Kuhlmey wies auf den besonderen Innovationsbedarf bei der Versorgung chronisch kranker Alterspatienten hin: Nicht einfach mehr vom immer Gleichen brauche man, sondern neue Ansätze: Prävention und Rehabilitation, Information und Beratung, besser geschulte professionelle Helfer und eine flexible Versorgung.

Auch an der Spitze der Berliner Hochschulmedizin hat man offenbar die Notwendigkeit erkannt, Forschung und Lehre dem gewandelten Versorgungsbedarf anzupassen: Charité-Chef Ganten äußerte gegenüber dem Tagesspiegel die Absicht, Lehrstühle, die durch den Abbau von Verdoppelungen in der kurativen Medizin frei werden, für neue Disziplinen bereitzustellen – auch für Public Health-Fächer. Und die „School of Public Health“, jetzt in einem Dahlemer Garten gut versteckt, solle ins Zentrum ziehen: auf den Charité-Campus Mitte.

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