Gesundes Licht : Heiter bis wolkig

Licht ist der entscheidende Taktgeber unserer inneren Uhr. Geraten wir aus dem Rhythmus, können Depressionen, Herzleiden und sogar Krebs die Folge sein. Chronobiologen erforschen, wie die Räume, in denen wir leben, gesünder gestaltet werden können.

von
Besser: Vor dem Einschlafen lesen statt den Laptop mit ins Bett zu nehmen.
Besser: Vor dem Einschlafen lesen statt den Laptop mit ins Bett zu nehmen.Foto: Imago

In Berlin geschah es im Jahr 1884 im Café Bauer, ansässig auf dem Boulevard Unter den Linden Ecke Friedrichstraße, als erstmals eine elektrische Glühbirne angeknipst wurde, um den Gästen Kaffee und Kuchen zu erleuchten. Heute ist das elektrische Licht zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Kunstlicht hat unseren Lebensrhythmus revolutioniert. Unter dem Schein der Leuchtstoffröhren schuften Nachtschichtarbeiter noch spät nachts. Die moderne globalisierte Wirtschaft schläft nie – möglich macht das erst das Kunstlicht.

Doch im Vergleich zur gesamten Menschheitsgeschichte ist die elektrifizierte, stets erleuchtete Stadt nur ein kurzes Aufblitzen im Dunkeln. Denn trotz der Fähigkeit, Feuer zu nutzen, blieb der Tag-und-Nacht-Rhythmus über hunderttausende Jahre der Taktgeber des Menschen, festgeschrieben in seinen Genen. „Wie in einem Schweizer Uhrwerk steuert das circadiane System den Ablauf sämtlicher Körperfunktionen“, sagt Dieter Kunz, Chronobiologe und Chefarzt der Klinik für Schlaf- und Chronomedizin im St.-Hedwig-Krankenhaus. Das sperrige Wort circadian setzt sich aus dem lateinischen circa (ungefähr) und dies (Tag) zusammen. Körperfunktionen wie Herzschlag oder Schmerzempfinden folgen also ungefähr einem 24-Stunden- Rhythmus. Morgens schüttet der Körper die Stresshormone Adrenalin und Cortisol aus, damit wir aus dem Bett kommen. Herzfrequenz, Puls und Blutdruck steigen. Das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, ist deshalb statistisch gesehen zwischen zehn und zwölf Uhr am größten. Am frühen Nachmittag, gegen 15 Uhr, sinkt das Schmerzempfinden auf einen Tiefpunkt. Den nächsten Zahnarzttermin also nicht mehr auf 9 Uhr terminieren. Gerät jedoch dieses fein aufeinander abgestimmte System aus dem Takt, drohen schwere Erkrankungen wie Depressionen, Herz-Kreislauf-Beschwerden oder sogar Krebs.

So leiden viele blinde Menschen unter Schlafstörungen – nicht verwunderlich, da ihnen das Sonnenlicht fehlt, um sich am Tag-Nacht-Rhythmus zu orientieren. Dem US-amerikanischen Chronobiologen Charles Czeisler fiel jedoch auf, dass einige blinde Menschen nicht mit diesem Problem zu kämpfen hatten. Nämlich dann, wenn ihnen nicht die Augäpfel entfernt wurden – was aus kosmetischen Gründen lange praktiziert wurde, da die erblindeten Augen den Medizinern nutzlos erschienen. Czeisler schlussfolgerte, dass es neben den beiden Fotorezeptoren, die für das bildliche Sehen verantwortlich sind – den Stäbchen und Zäpfchen auf der Netzhaut – noch einen dritten Rezeptor geben müsse, der dem Gehirn signalisiert, dass die Sonne scheint.

Selbst die Augen blinder Menschen registrieren, wenn es Nacht wird

Doch erst im Jahr 2002 kamen britische und US-amerikanische Wissenschaftler diesem Rezeptor auf die Spur. Auf der Netzhaut entdeckten sie spezielle Ganglienzellen, die keine visuellen Reize weiterleiten, sondern hauptsächlich auf blaues Licht von 460 Nanometern Wellenlänge reagieren. Wird das in den Ganglienzellen enthaltene, lichtempfindliche Protein Melanopsin angeregt, sendet der Rezeptor einen Reiz an den sogenannten Suprachiasmatischen Nucleus (SCN). Diese zwei reiskorngroßen Gehirnkerne sind die Schaltzentrale der inneren Uhr. „Wie ein Dirigent stimmt der SCN das Orchester aus Organen, Zellen und Genen aufeinander ab und gibt ihnen den Takt vor“, sagt Kunz. Blaues Licht unterdrückt dabei die Ausschüttung des Müdigkeitshormons Melatonin, das nachts – wenn es dunkel ist – produziert wird. Fehlt das Melatonin, werden wir wach und aufmerksam. Neben unseren Genen ist Licht also der entscheidende Taktgeber für unsere innere Uhr.

Die Augen blinder Menschen können also, obwohl sie keine optischen Reize mehr empfangen können, immer noch ein wichtiger Draht zur Außenwelt sein. „Das Wissen um die Bedeutung von Melanopsin ist in der Augenheilkunde noch nicht überall angekommen“, sagt Chronobiologe Kunz. So würden bei der Therapie von Katarakten noch immer Linsen implantiert, die blaues Licht filtern und damit Leistungsfähigkeit und circadiane Rhythmen stören.

Licht kann krank machen, Licht kann aber auch heilen. „Die Entdeckung von Melanopsin und der Melatoninwirkung eröffnet ein breites Feld der präventiven und therapeutischen Anwendung“, sagt Chronobiologe Kunz.