Gesundheit : Gesundes Wachstum

Mit dem neuen Public-Health-Studiengang an der Charité sucht Berlin international Anschluss

Adelheid Müller-Lissner

Die Gesundheitsstadt Berlin wächst. Mit dem kommenden Sommersemester soll an der Charité die „Berlin School of Public Health“ (BSPH) ihre Arbeit aufnehmen. Damit sind erstmals alle Berliner Universitäten in ein größeres gesundheitswissenschaftliches Projekt eingebunden. Wer „Public Health“ studiert – die „Wissenschaft von der Gesundheit der Bevölkerung“ – kann nach einem einjährigen Vollzeitstudiengang oder berufsbegleitend innerhalb von zwei Jahren zwei verschiedene Abschlüsse erwerben: den Master of Public Health und den Master of Science in Epidemiology. Public-Health- und Epidemiologie-Experten sind international gefragt. Einige Bestandteile des in Modulen aufgebauten Studiums sollen deshalb in englischer Sprache gelehrt werden.

Bewerber müssen einen Studienabschluss vorweisen, nach der neuen Studienordnung darf das auch ein Bachelor samt anschließender zweijähriger Berufserfahrung sein. Die Kosten für den Studiengang werden sich auf 7000 bis 8000 Euro belaufen. Eine lohnende Investition, wirbt die Gesundheitswissenschaftlerin Ulrike Maschewsky-Schneider, die sich an der Technischen Universität Berlin seit zehn Jahren für Public Health engagiert hat und nun die Leitung der neuen Studiengänge übernehmen wird. 95 Prozent ihrer Studierenden seien ein Jahr nach dem Abschluss „in Lohn und Brot, und das in einem Bereich, in dem ihre Qualifikation gebraucht wird“.

Noch vor Kurzem sah es für Public Health in Berlin gar nicht gut aus. Den Weiterbildungs-Studiengang, in dem neben sozialwissenschaftlichen und medizinischen Grundlagen auch Biostatistik, Epidemiologie, Ökonomie und Gesundheitspolitik gelehrt wird, bot seit 1996 die Technische Universität an. Doch die TU trennt sich nach und nach von Studiengängen, die nicht in das Profil der Ingenieurwissenschaften passen. Und der Plan, das Angebot – in erweiterter Form – durch eine Verlagerung an die Charité zu retten, drohte zeitweilig an deren Sparzwängen zu scheitern. Streit gab es vor allem um die Professorenstellen.

Public Health ist aber in Europa und den USA ein Fach, dem enormes Potenzial zugetraut wird. Berlin wäre schlecht beraten gewesen, sich da abzukoppeln, fand Ulrike Maschewsky-Schneider – und kämpfte für ihr Fach. Den Berliner Streit hat auch Johannes Siegrist, Leiter des Düsseldorfers Public-Health-Studiengangs und Direktor des Instituts für Medizinische Soziologie an der dortigen Uni, verfolgt. Die Entscheidung für Public Health in Berlin sei die einzig richtige, sagt Siegrist. Gesundheitswissenschaftler sollten da sitzen, wo die Gesundheitspolitik gemacht wird. Zudem gebe es in Berlin das nötige breitere Umfeld für die Vernetzung der Forschung, etwa mit dem Robert-Koch-Institut. In Deutschland gibt es heute an sieben Universitäten Public-Health-Studiengänge, Bielefeld hat sogar eine eigene Fakultät für Gesundheitswissenschaften. „Von Verhältnissen wie in Rotterdam, wo es 70 Hochschullehrer für Public Health gibt, können wir nur träumen“, sagt Siegrist.

Die Methoden und Erkenntnisse, die in Public Health seit Jahren international entwickelt und gewonnen werden, liefern weder Medizin noch Sozialwissenschaften allein. Mit dem Abschluss haben Absolventen eine Zusatzqualifikation für Aufgaben in Bereichen in der Tasche, die in der öffentlichen Wahrnehmung augenblicklich eine bedeutende Rolle spielen: Die Themen gehen von Prävention, Gesundheit von Kindern und alten Menschen, Männern und Frauen, Migranten und Alteingesessenen bis zu der Frage, wie man eine hohe Qualität der gesundheitlichen Versorgung sichern, Patienten und Versicherte besser über ihre Behandlungsmöglichkeiten informieren und effizienter mit den knappen Ressourcen im Gesundheitswesen in einer älter werdenden Gesellschaft umgehen kann.

Public Health passt zudem gut in die Charité-Landschaft. Mit der Verlagerung des Studiengangs an die Charité folge Berlin der internationalen Praxis, sagt Charité-Unternehmenssprecherin Kerstin Endele. Auch Sozialwissenschaftlerin Ulrike Maschewsky-Schneider ist überzeugt, dass das Querschnittsfach nun in der medizinischen Fakultät gut untergebracht ist. Denn an der Charité existiert bereits der kleine Weiterbildungs-Studiengang „Health and Society: International Gender Studies Berlin“, der auf Geschlechterforschung ausgerichtet ist, und ein zweiter Studiengang „International Health“, in dem internationale Gesundheitsprobleme wie HIV oder Tuberkulose im Mittelpunkt stehen. Dazu kommt an der Freien Universität ein Ergänzungsstudiengang „Psychosoziale Prävention und Gesundheitsförderung“. Die Berlin School of Public Health wird allen ein gemeinsames Dach bieten – und strebt auch schon eine Kooperation mit der Gesundheitswissenschaft der renommierten amerikanischen Johns-Hopkins-Universität an.

Informationen im Internet: www.bsph-charite.de

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