Gesundheit : Gesundgeschrieben

Reform der Reform: Einzelne Wörter haben in den vergangenen Jahren eine bewegte Geschichte erlebt

Amory Burchard

Das Gerangel um die Rechtschreibung hat ein Ende – zehn Jahre, nachdem sich die deutschsprachigen Staaten auf die Reform geeinigt hatten. Bei ihrer Sitzung in Berlin akzeptierten die Kultusminister gestern die Korrekturvorschläge des Rats für deutsche Rechtschreibung. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), die schleswig-holsteinische Schulministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD), freute sich, dass nun endlich der „Rechtschreibfrieden“ einkehren könne. Es gilt als sicher, dass Ende März auch die Ministerpräsidentenkonferenz der Reform der Reform zustimmt.

Die neuen Regeln zur Getrennt- und Zusammenschreibung, zur Groß- und Kleinschreibung, zur Interpunktion und zur Worttrennung sollen ab dem 1. August dieses Jahres in den Schulen gelehrt werden. Fehler in diesen Bereichen werden aber erst nach einem Jahr gewertet.

Getrennt oder zusammen, groß oder klein: Manche Wörter haben seit der Rechtschreibreform und verschiedenen Nachbesserungen eine bewegte Geschichte durchlaufen. Hier einige Beispiele für Streitfälle und Lösungen des Rats für deutsche Rechtschreibung.

krank schreiben, krankschreiben

krank schreiben – manch Kritiker der neuen Regeln empörte sich über diese vermeintliche Sprachverhunzung. Sind die Ärzte etwa krank, wenn sie schreiben? Doch Fehlanzeige: krank schreiben ist gar keine Erfindung der Rechtschreibreformer, sondern gehört zu den Fragwürdigkeiten der alten Rechtschreibung, an die sich viele einfach nicht mehr erinnern. Laut dem letzten vor der Reform erschienenen Duden von 1991 schreibt man Verbindungen mit einem Verb dann getrennt, wenn „beide Wörter noch ihre eigene Bedeutung haben“. Zusammengeschrieben werden sie nur dann, „wenn durch die Verbindung ein neuer Begriff entsteht, den die bloße Nebeneinanderstellung nicht ausdrückt“ (R 205, 206). Und das galt aus Sicht der Duden-Redaktion nicht für krank schreiben. Erst seit der Rechtschreibreform heißt es krankschreiben. Denn alle Zusammensetzungen aus Adjektiv und Verb, bei denen der erste Bestandteil weder erweiterbar noch steigerbar ist, sollten zusammengeschrieben werden; ebenso: hochrechnen oder schwarzarbeiten. Man kann jemanden nicht „kränker schreiben“.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung ist nicht wieder zu krank schreiben zurückgekehrt. Doch er hat für krankschreiben nun eine neue Begründung. Statt der Steigerungsregel gilt nun der Merksatz: Es wird zusammengeschrieben, wenn der adjektivische Bestandteil (krank) zusammen mit dem verbalen Bestandteil (schreiben) „eine neue, idiomatisierte Gesamtbedeutung bildet, die nicht auf der Basis der Bedeutungen der einzelnen Teile bestimmt werden kann“. Krankschreiben darf nur dann wie vor der Rechtschreibreform auseinander geschrieben werden, wenn etwas anderes gemeint ist: Krank schreiben kann jemand, der etwas schreibt, während er krank ist.

kennenlernen, kennen lernen

Die traditionelle Schreibweise kennenlernen stellt nach der letzten Duden-Auflage vor der Reform 1991 eine Ausnahme zu den Regeln 205 und 206 dar. Danach sollten Verbindungen mit einem Verb nur zusammengeschrieben werden, wenn „ein neuer Begriff entsteht“. Zu kennenlernen heißt es: „Es gibt auch Verbindungen, die man herkömmlicherweise zusammenschreibt, obwohl kein neuer Begriff entsteht.“ Als weitere Beispiele werden sauberhalten und spazierengehen genannt.

Diese Ausnahmen wurden mit der Rechtschreibreform 1996 abgeschafft: „Verbindungen aus Verb (Infinitiv) und Verb werden getrennt geschrieben“, lautete die Regel, die für Schüler Klarheit schaffen sollte. Nun hieß es also kennen lernen, liegen lassen, sitzen bleiben und spazieren gehen – was jedoch auf heftige Kritik der Reformgegner stieß.

Trotzdem ist der Rat für deutsche Rechtschreibung dabei geblieben. Aber Freunden der alten Rechtschreibung bleibt es in den umstrittenen Fällen freigestellt, bestimmte Wörter wieder zusammenzuschreiben. Dazu gehört kennen lernen: „Zusammenschreibung ist möglich bei übertragen gebrauchten Verbindungen mit bleiben oder lassen als zweitem Bestandteil sowie bei kennen lernen.“ Das heißt, wer es mit der alten Rechtschreibung hält, darf sitzenbleiben (= nicht versetzt werden) schreiben, in gleicher Bedeutung darf ein Reformfreund aber auch sitzen bleiben schreiben. Genau so verhält es sich bei stehen lassen, das die Reformgegner auch zusammenschreiben können, wenn sie eine übertragene Bedeutung (= nicht länger beachten, sich abwenden) festgestellt haben. Und auch kennen lernen oder kennenlernen kann je nach Geschmack geschrieben werden.

leid tun, Leid tun, leidtun

In stehenden Verbindungen mit Verben wird das „in verblasster Bedeutung gebrauchte Substantiv klein geschrieben“, bestimmt der letzte vor der Reform erschienene Duden von 1991: Folglich heißt es leid tun, ebenso wie bange machen oder weh tun. Nach der alten Duden-Regel R 64 handelt es sich bei bange, gram, leid, weh nicht um die Substantive Bange, der Gram, Leid, Weh, sondern um alte Adjektive oder Adverbien. Die Rechtschreibreform erklärte diese Regel 1996 für nichtig: Nun musste es Leid tun heißen. Denn nach Auffassung der Reformer handelt es sich bei Leid um eine Substantivierung, und Substantiv und Verb schreibt man getrennt. Damit sollten Widersprüche der alten Rechtschreibung beseitigt werden, über die sich die deutschen Feuilletons Jahrzehnte lang lustig gemacht hatten: Hieß es vielleicht Auto fahren gegenüber radfahren, weil ein Fahrrad kleiner als ein Auto ist? Und warum diät halten aber eislaufen? Mit der Reform hieß es nun Auto fahren, Rad fahren, Diät halten oder Eis laufen. Allerdings waren Verbindungen, die der alte Duden analog zu leid tun gesehen hatte, von der Neuregelung unterschiedlich betroffen: Statt weh tun sollte es jetzt wehtun heißen, statt bange machen jedoch Bange machen.

Besonders ärgerten sich die Kritiker über Leid tun. Die Zwischenstaatliche Kommission, das Vorläufergremium des Rechtschreibrats, reagierte darauf, indem sie 2003 eine Variante zu Leid tun vorschlug, nämlich leidtun – in einem Wort. Die Begründung: „Die Zusammenschreibung leidtun soll als Variantenschreibung vorgesehen werden, weil der Bestandteil Leid bzw. leid in Verbindung mit dem Verb tun hinsichtlich der Wortart grammatisch weder synchron noch diachron zu bestimmen ist. Analog zu kundtun, wehtun sollte auch die Schreibung leidtun zugelassen sein.“ Doch die Kritiker wollten keine Variante, sondern die völlige Abschaffung von Leid tun, wenn es in der Bedeutung von Mitleid verwendet wird.

Diesem Einwand ist der Rat für deutsche Rechtschreibung gefolgt – leidtun wird wieder klein geschrieben, aber nicht wie vor der Rechtschreibreform getrennt, sondern zusammen. Es gilt: Zusammengeschrieben werden „Zusammensetzungen mit einem substantivischen ersten Bestandteil“, wenn „die ersten Bestandteile die Eigenschaften selbstständiger Substantive weitgehend verloren haben“. Ähnlich heißt es nun nicht mehr Eis laufen, sondern wieder wie vor der Reform eislaufen (ebenso: kopfstehen und nottun).

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