Gesundheit : Bloß keine Panik

Medizinisches Interesse hat bei Berlinern in diesem Jahr vor allem eins geweckt: die Schweinegrippe. Doch im Gesundheitsbereich geschah auch noch anderes. Ein Rückblick

Adelheid Müller-Lissner
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Vorsicht vor der Schweinegrippe. Kurz vor den Sommerferien wurde in Köpenick ein Gymnasium geschlossen, weil acht Schüler an der...

Es war das Jahr der Schweinegrippe. Aber in Berlin, einer Stadt, die Gesundheitsmetropole werden möchte, war das nicht das einzige Thema. Wichtige Medizin-Institutionen haben hier ihren Sitz. Auch bei ihnen hat sich 2009 Neues getan. Wir fassen es zusammen.

Neues Haus: Spatenstich für ein Lehr- und Forschungsgebäude der Charité

Am 25. September hatte der regierende Bürgermeister Klaus Wowereit auf dem altehrwürdigen Campus Mitte der Charité mit dem Spaten zu tun. Denn dort wird gebaut: Das Architektenbüro Stefan Ludes Architekten errichtet auf der Freifläche vor der Klinik für Innere Medizin einen sechsgeschossigen Klinker-Neubau, in dem in nicht allzu ferner Zukunft alle Berliner Medizinstudenten mit ihrer Ausbildung beginnen sollen. Neben der Lehre in den vorklinischen Fächern soll das Gebäude auch der Forschung dienen: Dort kommt ein Zentrum für Immun- und Neurowissenschaften unter. Die Medizin-Neulinge werden also unter einem Dach mit Spitzenforschern vom Exzellenzcluster „Neurocure“ untergebracht. Man werde hier eine echte Campus-Atmosphäre schaffen, in der die Studierenden zugleich ganz praxisnah schon früh mit Patienten in Berührung kommen können, versprach der Charité-Vorstandsvorsitzende Karl Max Einhäupl in seiner Begrüßungsansprache anlässlich des Spatenstichs. Im Jahr 2012 soll es so weit sein.

Neue Anlaufstelle: Spezialisierte Einheit für Patienten mit Infarkt-Verdacht

Jeder weiß: Bei Verdacht auf einen Herzinfarkt sollte schnell gehandelt werden. Der Griff zum Telefon und das Wählen der Nummer 112 sind Pflicht. Denn so erhöhen sich die Chancen, den Wettlauf mit der Zeit zu gewinnen. In einer Großstadt wie Berlin mit großer Krankenhausdichte sind diese Chancen ohnehin besser. Nun ist ein neues Angebot dazugekommen: Im Oktober eröffnete im Vivantes-Klinikum Neukölln die „Chest Pain Unit“. Das ist eine spezialisierte Aufnahmestation, die als erste Anlaufstelle für Menschen mit Schmerzen in der Brustgegend und einem unklaren Verdacht auf einen Herzinfarkt eingerichtet wurde. „Durch die Spezialisierung, die Optimierung der Abläufe und die rasche Verfügbarkeit von Laborwerten und Ergebnissen der Echokardiografie (EKG) können unklare Schmerzen im Brustkorb und in der Herzgegend viel schneller abgeklärt werden als bisher“, sagt Harald Darius, Direktor der Klinik für Kardiologie. Patienten, bei denen sich dann herausstellt, dass sie einen Herzinfarkt haben oder zumindest ein hohes Risiko dafür, können sofort behandelt werden. Die neue Einheit für Herzschmerzen ist deshalb direkt neben der Rettungsstelle, an der die Krankenwagen vorfahren, und in unmittelbarer Nähe zum Herzkatheterlabor angesiedelt. Hier werden die Herzkranzgefäße untersucht und wenn nötig sofort mit einem Ballonkatheter wieder geöffnet. Das kann Leben retten. Angenehm ist aber auch, dass ein falscher Verdacht auf einen Infarkt in der Brustschmerzeinheit rasch entkräftet werden kann, so dass man bald wieder beruhigt nach Hause gehen kann. „Umgekehrt kommen Patienten, die einen schweren Infarkt haben, sofort ins Herzkatheterlabor“, erklärt Darius. Die neue Einheit funktioniert nach der Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie und ist die erste spezialisierte Chest Pain Unit in Berlin.

Neues Gesetz: Untersuchungen beim Kinderarzt bekommen mehr Verbindlichkeit

Immer wieder wurden wir in diesem Jahr durch Berichte über vernachlässigte, von ihren Eltern zeitweise ganz im Stich gelassene oder sogar getötete Kinder aufgeschreckt. Ein Gesetz, das im Januar in Kraft treten soll, will einen kleinen Beitrag dazu leisten, mögliche Gefährdungen für das Kindeswohl durch Vernachlässigung oder Gewalt frühzeitig zu erkennen und überforderten Eltern Hilfe anzubieten. Kurz vor Weihnachten, am 10. Dezember, hat das Berliner Abgeordnetenhaus das jahrelang diskutierte Gesetz zum Schutz und Wohl des Kindes verabschiedet. Kern des neuen Gesetzes ist eine verbindliche Einladung aller Kinder zu den Vorsorgeuntersuchungen beim Kinderarzt. Es bezieht sich auf die sogenannte U4 bis U9, das sind die Untersuchungen, die zwischen dem dritten und dem 64. Lebensmonat anstehen und bei denen die Kinderärzte auch auf Defizite in der Entwicklung achten. Mit der Verabschiedung des neuen Gesetzes haben sie nun zusätzlich noch die Aufgabe, jede Familie, die zu den anstehenden Untersuchungen gekommen ist, einem neuen Kindervorsorgezentrum in der Charité zu melden. Dort wird jedes Neugeborene registriert und mit einer Nummer geführt, die sich auch auf Einlegeblättern für das Vorsorgeheft des Kindes findet. Die Kinderärzte sollen diese Blätter an die Charité-Stelle schicken. Zwang zur Vorsorge ist bewusst nicht im Spiel – oder allenfalls ein sanfter. Werden die Termine nicht wahrgenommen, erhalten die Eltern zunächst einen Brief, in dem sie auf das Angebot aufmerksam gemacht werden. Erfolgt auch dann keine Reaktion, suchen Mitarbeiter des Kinder- und Jugendgesundheitsdienstes der Bezirke die Familien auf, um mögliche Probleme festzustellen und notfalls Unterstützung zu geben. Der Spandauer Kinderarzt Ulrich Fegeler, Sprecher des Berufsverbandes der Kinderärzte, begrüßt es sehr, dass der Kinderschutz in Zukunft in Berlin besser koordiniert wird – und dass es in den Bezirken dafür mehr Personal geben soll. Dass ihm und seinen Kollegen in Zukunft dann die Aufgabe zufällt, die Teilnahme der Familien bei der zentralen Stelle zu melden, findet er allerdings ausgesprochen problematisch – und das nicht nur, weil es Mehrarbeit für die Ärzte bedeutet: „Wir sind die Vertrauensinstanz für die Eltern, es ist nicht gut, wenn wir eine behördliche Aufgabe bekommen.“ Es wäre besser, so Fegeler, wenn die Eltern selbst die Einlegeblätter an die Charité schicken würden. Auf diese Weise würde der Vertrauensstatus des Arztes nicht verletzt, und man könne trotzdem sehen, welche Eltern bei der Untersuchung waren und welche nicht.

Neuer Gipfel: World Health Summit an der Charité

Mitte Oktober ging es in Berlin um die ganz großen Gesundheitsthemen. Im Langenbeck-Virchow-Haus wurde vom 14. bis 18. Oktober der erste Weltgesundheitsgipfel (World Health Summit) veranstaltet. Die Gästeliste war nicht gerade klein: 30 Gesundheits- und Forschungsminister aus vier Kontinenten, mehrere Nobelpreisträger, Vertreter von Forschungsorganisationen, der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Industrie und der Wissenschaft kamen zusammen, um ein breites Themenspektrum zu diskutieren. Unter anderem ging es um die Zukunft des öffentlichen Gesundheitssystems, die globale Herausforderung von Diabetes, die technische Entwicklung der Telemedizin, Medizin in China oder die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit. Das Großereignis mit 700 Teilnehmern stand unter der Schirmherrschaft der deutschen Bundeskanzlerin und des französischen Staatspräsidenten und soll in Zukunft jährlich stattfinden. Die Idee dazu sei 2007 bei den Vorbereitungen zum G-8-Gipfel in Heiligendamm entstanden, sagt der ehemalige Charité-Leiter Detlev Ganten, der zusammen mit seinem Kollegen Axel Kahn von der Pariser Université Descartes die Präsidentschaft innehatte. Ganten hat das Großereignis zugleich als Auftakt für die 300-Jahr-Feier der Charité verstanden, die für nächstes Jahr ansteht. Kurz vor dem Gipfel formierte sich ein „Gegengipfel“ aus Vertretern von Nichtregierungsorganisationen, darunter Medico International und der Evangelische Entwicklungsdienst, die bei ihrem eintägigen Alternativkongress „Open Eye“ mehr Aufmerksamkeit für die gesundheitlichen Problem armer Länder einforderten. Wie Ganten beriefen sie sich auf den Berliner Mediziner Rudolf Virchow, der gesagt hat: „Die Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts als Medizin im Großen.“

Neue Seuche: Schweinegrippe in der Hauptstadt

Wer erinnert sich noch an die Aufregung im Sommer? Kurz vor den Ferien wurde in Köpenick ein Gymnasium geschlossen, weil acht Schüler an der neuen Influenza H1N1 erkrankt waren. Noch wusste man wenig über diese neue Form der Grippe. Und die meisten, die daran erkrankten, hatten sich das Virus nicht zu Hause, sondern auf einer Auslandsreise eingefangen. Auf Platz 1 der betroffenen Länder stand zu diesem Zeitpunkt Spanien. Angefangen hatte alles im April mit ersten Meldungen von Erkrankungsfällen aus Mexiko und den USA. Im Juni hatte die WHO dann die höchste Pandemiestufe 6 ausgerufen. Bis zum 14. November mussten die Ärzte alle getesteten oder wahrscheinlichen Fälle einer H1N1-Erkrankung melden, danach nicht mehr. In Berlin gab es bis zu diesem Zeitpunkt 1977 bestätigte Fälle und einen Todesfall. Am 6. November starteten in der Hauptstadt die Impfungen. Die Leitsätze des Senats waren: „Helfer zuerst – Hilfsbedürftige danach – dann die Gesunden – natürlich beim Hausarzt!“ Der Start der Aktion sei etwas holprig gewesen, urteilt Marie-Louise Dittmar, Pressesprecherin bei der Senatsverwaltung für Gesundheit, Umwelt und Verbraucherschutz, selbstkritisch im Rückblick. „Wenige Tage später gab es aber schon genug Praxen, in denen geimpft wird.“ Inzwischen ist auch ein Impfstoff ohne Wirkverstärker verfügbar, der bei Schwangeren eingesetzt wird. Wie es mit der Schweinegrippe weitergeht und ob eine neue Welle die Erkrankungszahlen noch einmal in die Höhe treiben wird, weiß man zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Neuer Preisträger: Schillerpreis für Berliner Mediziner

Am 10. November jährte sich Friedrich Schillers Geburtstag zum 250. Mal. Seine Geburtsstadt Marbach am Neckar feierte – und verlieh den mit 10 000 Euro dotierten Schillerpreis 2009 an einen Berliner Mediziner. Professor Jens Reich vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) in Buch ist zugleich Bioinformatiker und Molekularbiologe. Er war aber auch DDR-Bürgerrechtler und Kandidat für das Amt des Bundespräsidenten 1994. „Reich hat der Bürgerbewegung in der ehemaligen DDR Kraft und Ausdruck gegeben und somit zum Fall der Mauer beigetragen. Seine wissenschaftlichen Forschungen waren immer auch durch die Beachtung ethischer Grundsätze geprägt“, sagte der Marbacher Bürgermeister Herbert Pötzsch bei der Vergabe des Preises. Reich ist Mitglied des Deutschen Ethikrats und war auch in dessen Vorläufergremium, dem Nationalen Ethikrat, vertreten. Es passt ganz gut, dass ein Arzt den Schillerpreis entgegennimmt. Schiller selbst war zwar Dramatiker, Dichter und Historiker, hatte aber zuerst Medizin studiert – und seinem Landesherrn 1780 auch eine Doktorarbeit vorgelegt: „Versuche über den Zusammenhang der thierischen Natur des Menschen mit seiner geistigen“.

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