Gesundheit : Der Krankheit davonlaufen

Am 14. November ist Welt-Diabetes-Tag. In Deutschland gibt es rund zehn Millionen Zuckerkranke. Wenn sie Sport treiben, können sie ihren Gesundheitszustand enorm verbessern

Daniela Martens
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Sportsfreundin. Ulrike Thurm war bei vielen Marathonläufen dabei. Foto: Sandra Ritschel

Es geschah irgendwo mitten in der Sahara: „Plötzlich war das Blutzuckermessgerät buchstäblich versandet“, sagt Ulrike Thurm und lacht. Aber das war kein Problem für die 45-Jährige. Denn sie ist immer auf alle Fälle vorbereitet und hatte ein Ersatzgerät dabei. So konnte sie den 230-Kilometer-Wettlauf durch die Wüste fortsetzen – den sechstägigen „Marathon des Sables“ in Marokko.

Die einzige Voraussetzung für die Teilnahme: eine robuste Gesundheit. Und die hat Ulrike Thurm – obwohl sie an Diabetes Typ 1 erkrankt ist, schon seit 28 Jahren. Aber dadurch lässt sich die Frau mit dem steil nach oben stehenden Kurzhaarschnitt von nichts abhalten – vor allem nicht beim Sport. Sie spielt bis heute Fußball in der Landesliga, bestieg schneebedeckte Gipfel, fuhr mit dem Fahrrad von Brüssel nach Barcelona. Wanderte durch das australische Outback, tauchte vor der Küste von Papua-Neuguinea. Und sie lief „ein gutes Dutzend Mal“ bei einem Marathon mit. In New York, Minneapolis etwa und im August rannte sie auf der Marathonstrecke bei der Leichtathletik-WM in Berlin, allerdings die Zehn-Kilometer-Variante beim Wettbewerb für jedermann. Sie gehörte dabei zu einer Gruppe von 30 Typ-1-Diabetikern, die in grünen T-Shirts starteten – mit dem Aufdruck: „Laufen und Diabetes“.

Unterhält man sich mit ihr, merkt man, dass die beiden Begriffe zusammengehören. Vor allem für Ulrike Thurm. Sie ist Vorsitzende der Deutschen Sektion der International Diabetic Athletic Association (IDAA), hat Sport studiert, über Diabetes und Sport geforscht, eine Ausbildung zur Krankenschwester gemacht. Heute arbeitet sie als Diabetesberaterin und schult Patienten im Umgang mit der Krankheit. Zwei Ratgeber hat sie schon geschrieben.

Auch am nächsten Sonnabend wird Ulrike Thurm über „ihr Thema“ sprechen – beim Weltdiabetestag im Hotel Berlin, Berlin (siehe Kasten): „Die Möglichkeiten der körperlichen Betüchtigung bei Diabetes Typ 2: Von der Gartenarbeit bis zum Marathon“, heißt ihr Vortrag. „Wenn die sich mehr bewegen würden, könnten sie der Krankheit davonlaufen“, sagt sie über Typ-2-Diabetiker und es klingt fast ein bisschen vorwurfsvoll. Denn sie selbst, als Typ-1-Diabetikerin, kann das nicht. „Schade, dass beide Krankheiten den Namen Diabetes tragen“, sagt sie. „Sie haben ja ganz unterschiedliche Ursachen“. Wer Diabetes Mellitus Typ 1 bekommt, hat eine genetische Veranlagung dazu. Die Krankheit tritt vor allem bei jüngeren Menschen auf und wird meist durch einen Virusinfekt ausgelöst. Ulrike Thurm hatte einige Zeit vor der Diagnose eine Magen-Darm-Grippe. Ihr Immunsystem wurde nun so durcheinandergebracht, dass es die Zellen zerstörte, die für die Herstellung des Hormons Insulin verantwortlich waren. Doch das braucht der Körper, um Zucker aus dem Blut in die Muskel- und Fettzellen zu transportieren und sie so mit Energie zu versorgen. Das fehlende Insulin muss bei Ulrike Thurm und allen anderen Typ-1-Patienten nun lebenslang von außerhalb des Körpers kommen. Heute spritzen Diabetiker sich das Hormon meist mit einem sogenannten Pen, einem Gerät, dass wie ein Stift aussieht und an der Spitze eine Injektionsnadel hat.

Ulrike Thurm jedoch trägt eine Insulinpumpe mit Katheter ständig am Körper: eine kleine Maschine, die in regelmäßigen Abständen eine Dosis des Hormons in den Körper leitet. Wie viel und in welchen Abständen, kann sie selbst einstellen. Dazu muss sie ständig messen, wie viel Zucker gerade in ihrem Blut ist. Man müsse sich Insulin als eine Art Schlüssel für die Funktion des Körpers vorstellen, sagt Ulrike Thurm. „Beim Typ 1 ist dieser Schlüssel kaputt, beim Typ 2 dagegen das Schloss.“ Diese Form der Krankheit wird auch „Altersdiabetes“ genannt. Auch für sie braucht man eine genetische Veranlagung. Auslöser sind aber meist starkes Übergewicht und zu wenig körperliche Bewegung. Der Körper stellt dann zwar weiterhin Insulin her, doch die Muskel-, Leber- und Fettzellen brauchen immer mehr davon, um zu funktionieren. In diesem Stadium kann man „das Schloss“ noch reparieren – indem man Sport treibt und sich gesund ernährt. Tun die Patienten das nicht, produziert die Bauchspeicheldrüse immer mehr und mehr Insulin – bis sie wegen Überlastung den Dienst aufgibt. Dann müssen auch Typ-2-Diabetiker Insulin spritzen.

„Es gibt acht Millionen Erkrankte und keiner redet über Diabetes. Wir wollen das Thema genauso gesellschaftsfähig machen wie Aids“, sagt Nicole Mattig-Fabian von der Dachorganisation „diabtesDE“, die den Weltdiabetestag in Deutschland ausrichtet. Hinzu komme eine Dunkelziffer von rund zwei Millionen Diabetikern, deren Krankheit noch nicht erkannt wurde, heißt es im „Deutschen Gesundheitsbericht Diabetes 2010“, den die Organisation herausgibt.

Und es werden immer mehr, sogar unter Kindern. Vor allem beim Typ 2, der 95 Prozent ausmache. „Deutschland ist Europameister im Übergewicht“, sagt Sportlerin Ulrike Thurm. Zwölf Prozent der 20- bis 79-jährigen Deutschen sind an einem der beiden Diabetestypen erkrankt – mehr als in allen anderen europäischen Ländern. Und dann sind da noch rund vier Millionen Deutsche, die an einer „gestörten Glukosetoleranz“ leiden – einer Vorstufe des Diabetes Typ 2. Besonders für sie müsse etwas getan werden, heißt es bei „diabetesDE“. Das Stichwort heißt Prävention und auch hier geht es um Sport. Um einen Wettlauf mit der Krankheit. Auch Ulrike Thurm steht im Wettkampf mit der Diabetes: „Wenn ich die Folgeerkrankungen vermeide, ist das mein Sieg“, sagt sie. „Amputationen, Erblinden, Dialyse – früher hieß es, dass jeder Diabetiker unweigerlich eine Folgeerkrankung bekommt. Jetzt habe ich fast ein Vierteljahrhundert Diabetes und nichts davon.“ Dabei hat ihr der Sport geholfen.

Sie nimmt einen kleinen Computer aus der Jackentasche, der aussieht wie ein Computerspiel oder ein I-Phone, blickt aufs Display und sagt stolz: „91 Prozent meiner Wert sind im Zielbereich. Fast wie ein Nicht-Diabetiker.“ Der Computer ist ein „kontinuierliches Glukosemessgerät“. Dann zeigt Ulrike Thurm einen kantigen Hubbel am Oberarm unter ihrem Pullover. Dort trägt sie ein weiteres Gerät am Körper, das mit eine Nadel am Unterhautfettgewebe befestigt ist. Es gibt ständig Funksignale an den Computer in ihrer Jackentasche ab. „Das Gerät hat das Leben und damit auch das Sporttreiben für Diabetiker revolutioniert“, sagt sie begeistert. So kann sie ganz genau sehen, ob ihr Blutzucker hoch genug ist für eine körperliche Anstrengung. Oder niedrig genug für ein Essen „beim Mexikaner“– das ist für sie genauso eine große Herausforderung wie ein Sahara-Lauf.

„Revolutionen“ gab es für Diabetiker immer wieder: Bis 1921 das Insulin entdeckt wurde, galt die Krankheit als unweigerlich tödlich. Erst seit den achtziger Jahren gebe es Schulungen für Diabetespatienten, die ihnen erlaubten, ihr Leben selbst zu bestimmen, sagt Ulrike Thurm. Und erst in den Neunzigern wurde Sport zum „Normalfall“. 1995 war sie daran beteiligt, dass ein weltweites Tauchverbot für Diabetiker aufgehoben wurde.

Heute will sie mit ihren Schulungen Sport auch für Typ-2-Diabetiker im Alltag zum „Normalfall“ zu machen – und es scheint zu funktionieren: Eine Fußübung sollte ein älterer Mann immer während der Tagesschau machen. „Und einige Zeit später hat er mir stolz berichtet, dass er jetzt schon den Tatort schafft.“

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